In diesen Corona-Zeiten sind Infektions- und Impfschutz wichtigste Themen für Dr. Anna Müller. Sie ist in Rathenow ansässige Amtsärztin im Landkreis Havelland. Rund ein Jahr bevor sich das Covid-19-Virus in der Welt verbreitete, hat Dr. Müller den Job übernommen. Einer ihrer Vorgänger war ein Mann, der durch erste von ihm vorgenommene Schutzimpfungen in Berlin in die Geschichte eingegangen war. Gemeint ist Ernst Ludwig Heim (1747-1834).

 Der Stadtphysikus von Brandenburg/Havel

Das Rad der regionalen Territorialgeschichte mehr als 200 Jahre zurückgedreht, ragt das Havelland weit über die Grenzen des heutigen Landkreises hinaus. Bis 1817 bestand der „Havelländische Kreis“, zu dem Rathenow im Westen, Spandau im Osten und die Stadt Brandenburg im Süden gehörten. Seit dem Mittelalter gab es Ärzte mit besonderen Aufgaben und Befugnissen in größeren Kommunen. Ein solcher Stadtphysikus war Johann Carl Sybel (1775-1816). Er ging in die Medizingeschichte ein.

Pionierarbeit aus dem Havelland

1799, damals war Sybel noch ein relativ junger und wohl auch neuesten Erkenntnissen gegenüber aufgeschlossener Arzt, wagte er in Brandenburg/Havel erstmalige Impfungen. Wahrscheinlich war dieser Stadtphysikus der erste Mediziner, der in einem deutschen Land gegen Pocken impfte und leistete hier Pionierarbeit. Er hatte von Erfolgen des englischen Arztes Edward Jenner (1749-1823) erfahren. Dieser hatte 1798 seine Pockenschutz-Studien veröffentlicht.

Von der Kuh (lat. vacca) leitet sich der Begriff Vakzin her

Jenner hatte 1796 einen Menschen - einen achtjährigen Jungen - mit harmlosen Kuhpocken bzw. Vacciniaviren infiziert. Diese verschafften dem Jungen Immunität gegen die echten Pocken, was Jenner dadurch nachwies, indem er sechs Wochen nach den Kuhpocken die für Menschen sehr gefährlichen Pockenviren anwendete. Vom lateinischen Wort für Kuh (vacca) leitet sich der heute geläufige Begriff Vakzin her.
Der Brandenburger Stadtphysikus Johann Carl Sybel nahm Vakzinationen ab November 1799 vor. Das dürfte sich sehr schnell herum gesprochen haben unter Kollegen im Havelländischen Kreis. Unklar aber, ob Sybel inspirierte oder ob sowieso in Berlin geimpft worden wäre. Schon im Dezember 1799 zog Ernst Ludwig Heim nach.

Der Kreisphysikus übte Oberaufsicht aus

Der aus Thüringen stammende Heim hatte 1772 in Halle zum Doktor der Medizin promoviert. Ab Mitte der 1770er Jahre ist er im Havelländischen Kreis nachweisbar. Er war zunächst Stadtphysikus in Spandau geworden, ehe er dort zum Kreisphysikus ernannt wurde.
Dadurch gehört er zu den Vorgängern der aktuellen Amtsärztin des Landkreises Havelland, Dr. Anna Müller. Heim übte die Oberaufsicht über die Kollegen im Havelland aus, folglich auch über Johann Carl Sybel in Brandenburg/Havel. Zudem praktierte der Kreisphysikus selbst in einer eigenen Praxis.

Königlicher Leibarzt mit Praxis am Gendarmenmarkt

Ernst Ludwig Heim galt als äußerst fähiger praktischer Arzt. Das blieb jenseits des Brandenburger Tors nicht unbemerkt. Der Doktor wurde letztlich Leibarzt der königlichen Hohenzollern-Familie. 1783 übersiedete Heim seine Praxis aus Spandau (Reformationsplatz) an den Gendarmenmarkt. Im Dezember 1799, also nur wenige Wochen nach den ersten Vakzinationen durch Sybel, führte Heim in Berlin seine erste Impfung mit Vacciniaviren durch.
Wohl die persönliche Nähe zu König Friedrich Wilhelm III. begünstigte die weitere Entwicklung in Sachen Impfschutz für die preußische Bevölkerung. 1802 ordnete der Regent die Einrichtung des Königlichen Schutzpocken-Impfungs-Instituts an. 178 Jahre später wurde die gesamte Erde durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für pockenfrei erklärt.