Ostdeutsche Landkarten ermöglichen eine muntere Flusstour in die hiesige Urgeschichte. Auch Havelländer können so auf bislang nicht in Betracht gezogene Reiseziele stoßen. Eine Direktverbindung auf dem Wasserweg besteht etwa aus der westbrandenburgischen Havelregion nach Dieskau in Sachsen-Anhalt.
Mit dem Finger auf der Landkarte geht es zunächst auf der Havel flussabwärts, in nördliche Richtung bis hinter Havelberg, wo die Havel in die Elbe mündet. Mit Südkurs führt die Reise nun bis hinter Barby (Salzlandkreis), wo man in die Saale abzweigt. Hinter Halle/Saale wird in die Weiße Elster eingebogen, in die bei Osendorf die Reide mündet. Auf diesem kleinen Fluss gelangt der Finger nach Dieskau. Willkommen im Reich der Himmelsscheibe von Nebra!

Auftraggeber der Himmelsscheibe bei Dieskau bestattet?

Zwar wurde dieses für die Wissenschaft ungemein wertvolle bronzezeitliche Artefakt im Jahr 1999 rund 40 Kilometer westlich auf dem Mittelberg nahe der Unstrut gefunden, doch wähnt man den Auftraggeber der Himmelsscheibe allen Ernstes bei Dieskau. Im Bornhöck genannten dortigen Grabhügel soll dieser Mann vor etwa 3.800 Jahren bestattet worden sein. Mit 65 Meter Durchmesser war der Bornhöck wohl der größte bronzezeitliche Grabhügel Europas. Er existiert allerdings nicht mehr.
Wann die Ursprungsversion der Himmelscheibe entstand, beschäftigt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt: „Wir wissen nicht, wann die Himmelsscheibe hergestellt wurde und wie viel Zeit zwischen den Veränderungen vergangen ist. Am Ende wird das Bildwerk um 1600 v. Chr. vergraben“, so wird auf der Website www.lda-lsa.de erläutert. Beschrieben werden hier auch die fünf Phasen der Himmelsscheibe, in der sie jeweils erhebliche optische Veränderungen erfuhr.

Ein kleines Schiff zwischen den Horizonten

Was allgemein als eine Art von Schiff (Barke) gedeutet wird, kam in Phase 3 auf die Scheibe. Die anderen Goldelemente - Horizontbogen, Sonne, Mondsichel und Sterne - sind älter. Ein vormals auf der Scheibe befindlicher zweiter Horizontbogen ist vermutlich einst entfernt worden. Das Landesamt verlautbart zur Barke: „Das Schiff fährt zwischen den Horizonten, trägt vielleicht den Mond oder die Sonne. Es kann tags und nachts fahren, die Krümmung deutet allerdings auf einen Bug, der nach links weist - eine Reise durch die Unterwelt bei Nacht?“.
Die vollständige Interpretation der Scheibe, die im Original im Landesmuseum in Halle/Saale bestaunt werden kann, ist sicher ein noch lange andauerndes Unterfangen. Zwischenergebnisse liefert bereits ein Aussichtsturm auf dem Mittelberg. Dort sind Sichtbeziehungen durch breite Betonbänder im Boden dargestellt. So weiß der Turmbesucher ganz genau, wo der rund 80 Kilometer entfernte Brocken im Harz zu finden ist.  Doch ist ein ergänzender Perspektivwechsel durchaus denkbar.

Gespiegelte Himmelsscheibe auf Landkarte projiziert

Dieser ergäbe sich aus der Spiegelung der im Durchmesser 32 Zentimeter großen Himmelsscheibe. Diese ließe sich sodann bestens auf eine mitteldeutsche Landkarte bzw. über ihren möglichen Kulturkreis projizieren, indem der heute noch vorhandene Horizontbogen samt Mondsichel in den Südwesten der Region gedreht würde. Man zoome anschließend den Horizontbogen in der Weise hoch bzw. herunter, dass dieser vom Brocken im Harz und dem Mittelberg bei Nebra eingefasst wird. Die Barke läge nun mit nach rechts weisendem Bug östlich des Horizontbogens und südlich des kreisrunden Goldblechs.
Dieses eventuelle Sonnensymbol wird laut dieser Projektion von den Städten Magdeburg, Staßfurt und  Zerbst in Etwa eingefasst. Relativ mittig in diesem Bereich befindet sich jene wissenschaftlich höchst spektakuläre Region, in der gegenwärtig reichlich Archäologen unterwegs sind. Sie graben nahe des rekonstruierten Ringheiligtums von Pömmelte (bei Schönebeck), wo sich eine Großsiedlung befand. Tausende Befunde wurden bereits erfasst, die sich über den Zeitraum von der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends vor Christus bis zur Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus erstrecken. Insgesamt soll  bis zum Ende der diesjährigen Grabungskampagne eine Fläche von mehr als 26.000 Quadratmetern untersucht sein.

Bornhöck auf dem Schiff

Dass die gespiegelte Himmelsscheibe wie eine Landkarte zu lesen sein könnte, lässt ausgerechnet die Position der Barke vermuten. Denn auf dieser liegt praktisch der Bornhöck genannte Grabhügel (zwischen Dieskau und Raßnitz), in dem einst der mutmaßliche Auftraggeber der Scheibe bestattet worden sein könnte. Eine im dortigen Saalekreis auf einer Totenbarke zu Wasser gelassene Seele hätte eine lange Flussreise nach Norden antreten können, mitten hindurch durch das Zentrum des Sonnensymbols.
Was den aktuellen Wissensstand betrifft, dürfte insbesondere die Ausstellung „Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte“ zum Ausflugsziel werden. Die ursprünglich für November 2020 angekündigte Eröffnung ist wegen Corona ins kommende Jahr (etwa Ende Mai/Anfang Juni 2021) verschoben.