Lost Place, zu deutsch: vergessener Ort - als ein solcher könnte auch der Gräninger See gelten. Die Zahl der Havelländer, die je an seinem Ufer standen, dürfte gegen Null streben. Denn durch das gleichnamige Naturschutzgebiet ist praktisch kein Durchkommen.
Seit 1967 stehen das  kleine Gewässer und der ihn umgebende  Wald unter Naturschutz. Geprägt wird der Uferbereich durch eine breite Verlandungszone und weite, durch Feucht- und Nasswiesen gekennzeichnete Niedermoorflächen.

Von oben auf den See blicken

Ein Blick von oben ermöglichen Google und Bing. Per Satelliten- bzw. Luftbild lässt sich ins 138 Hektar große Naturschutzgebiet zoomen. Es gibt sogar Vegetationsbereiche, die wirken wie Inseln auf der Wasseroberfläche.
Vor etwa 200 Jahren war der Gräninger See erheblich größer. Auf https://bb-viewer.geobasis-bb.de sind sogenannte Schmettaukarten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verfügbar, die den noch weniger verlandeten See zeigen.

Fouqué und Chamisso am Gräninger See

Die am 4. Dezember 2017 verstorbene Irene Krieger schrieb vor Jahren in BRAWO, dass die befreundeten Friedrich de la Motte Fouqué (1777-1843) und Adelbert von Chamisso (1781-1838) einst mal gemeinsam ausgeritten seien - von Schloss Nennhausen zum See, wo sie lagerten. Chamisso habe bei der Gelegenheit gedichtet: „Laß unter diesen Bäumen/die schon der Herbst entlaubt/ wie ehedem uns lagern/ und lehn an Dich mein Haupt.“

Inspirierende Wirkung

Die Berlinerin war eine Fouqué-Liebhaberin, kannte sich gut aus, was den Dichter und seinen Freundeskreis betrifft.  Das Jahr des Ausritts überlieferte die Autorin nicht. Doch ist durch sie offenbar, dass der See durchaus inspirierend wirken konnte. Unklar, ob Fouqué und Chamisso zunächst durch wildwüchsige Vegetation geschritten waren, ob sie sich durch matschigen Untergrund bewegten und ob auch sie Inseln bzw. Landzungen erblickten. Einige Elemente finden sich in der 1811 durch Fouqué veröffentlichten „Undine“.

Undine und Ritter Huldbrand

In der Story aus der Hochphase der deutschen Romantik reitet ein Ritter Huldbrand durch einen gruseligen Wald, bis er einen See erreicht. Auf einer in den See hinein ragenden Landzunge steht eine Hütte, in der ein Fischerehepaar lebt. Seine Ziehtochter ist Undine. Das Mädchen stammt sozusagen aus einer Parallelwelt unter der Wasseroberfläche - vor Jahren aufgetaucht just an dem Tag, als die leibliche Tochter der Eltern im See ertrank. Durch einsetzenden Regen wird die Landzunge nun zu einer Insel, der Ritter sitzt dort mit Undine und ihren Eltern fest.

Geografischer Nabel des Kunstmärchens

Literaturexperten gehen davon aus, dass die Inspirationsquelle des Westhavelländers für seine „Undine“ das Steinhuder Meer in Niedersachsen war. Irene Krieger sah das anders. Sie machte im Gräninger See den geografischen Nabel des weltberühmten Kunstmärchens aus. „Die Umgebung war reich an Seen, Wäldern, Bergen und Schluchten, die in der Vorstellung von Fouqué auch Ritter Huldbrand auf seiner Erkundung des Zauberwaldes geritten sein mochte“, so die Expertin einst in BRAWO und zitierte überdies aus einem Brief Fouqués an Chamisso, datiert vom 20. April 1812: „Weißt Du, wie wir einmal an einem stillen Abend - mich dünkt es war Herbst, oder die Gegend sah doch wenigstens herbstlich aus - nebeneinander auf dem Hügel am Gräninger See saßen?“