Olga Benario
: Kita in Rathenow benannt nach kommunistischer Agentin

Obgleich tausende Kinder die Einrichtung in der Saarstraße besuchten, dürfte Olga Benario nur wenigen ein Begriff sein.
Von
René Wernitz
Rathenow
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"Olga Benario, ein Leben für die Revolution" - So lautet der Titel einer semidokumentarischen deutschen Filmproduktion, die 2004 gedreht wurde. Bildquelle:

Neue Visionen

Aus heutigem Blickwinkel scheint es grenzwertig, wodurch sich Olga Benario in den 1920er und 1930er Jahren hervor getan hat. Denn als junge Kommunistin war sie mit dem demokratisch legitimierten System der Weimarer Republik aneinander gerasselt.  Olga Benario war nicht nur regimekritisch eingestellt. Linksextremistin wäre eine durchaus passende Bezeichnung, da sie zu extremen Mitteln griff.

In München geboren, war sie Mitte der 1920-er Jahre nach Berlin-Neukölln übergesiedelt. Ihr Mentor und Geliebter war Otto Braun, der 1926 verhaftet wurde. Laut biografischen Angaben auf www.bundesstiftung-aufarbeitung.de war Braun zuvor Mitarbeiter der Auslandsabteilung des sowjetischen Nachrichtendienstes GRU in Berlin. Er saß wegen "Hochverrats“ in U-Haft bzw. im Gefängnis in Berlin-Moabit. Im April 1928 wurde Braun durch eine Spezial-Gruppe, zu der auch Olga Benario gehörte, auf spektakuläre Weise befreit und war nach Moskau geflohen. Benario begleitete ihn. Doch die Beziehung hielt nicht mehr allzu lange.

Während Braun ab den 1930-er Jahren in geheimdienstlicher Mission nun die kommunistischen Bestrebungen in China unterstützte, war auch Olga Benario eine Kämpferin - im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatte in der Sowjetunion umfassende Lektionen erhalten, die sie zur Geheimagentin qualifizierten. Sie konnte nun auch Schießen und Fallschirmspringen. 1935 wurde sie Bodyguard eines Brasilianers namens Luis Carlos Prestes, der im kommunistischen Auftrag im damals militärdiktatorischen Brasilien einen Umsturz anzetteln sollte.

Beide tarnten sich als frisch vermähltes und wohlhabendes Ehepaar aus Portugal. Doch echte Gefühle entwickelten sich.  Olga Benario war schwanger, als das Paar einige Monate nach dem fehlgeschlagenen Umsturzversuch verhaftet wurde. Als Ehefrau eines Brasilianers und werdende Mutter hoffte Benario, der Abschiebung ins seit 1933 nationalsozialistische Deutschland zu entgehen. Die Hoffnungen wurden enttäuscht.

Wohl die am 27. November 1936 in Haft zur Welt gebrachte Tochter schafft einen gewissen Zusammenhang zur Benennung der Kita in Rathenow. Das Baby blieb 14 Monate bei der Mutter, ehe die Schwiegermutter es schaffte, ihre Enkelin Anita Leocadia frei zu bekommen. Das Kind von einst studierte später und lebt in Brasilien - allerdings mit einer Unterbrechung in den 1970er Jahren, als Anita Leocadia Prestes in sowjetisches Exil ging. Ihr Vater war 1945 begnadigt worden. Bis 1980 war er Chef der Kommunistischen Partei Brasiliens, 1982 wurde er ein Sozialdemokrat. Prestes starb 1990. Mit seiner zweiten Frau hatte er sieben Kinder.

Über die Geliebte von einst steht in einer Biografie auf www.fembio.org: „Olga Benario Prestes wird ins KZ Lichtenburg, dann ins KZ Ravensbrück gebracht. Sie gibt die Hoffnung nie auf. Im Februar 1942 wird sie in der zu diesen Zwecken von den Nazis extra umgebauten Psychiatrischen Klinik in Bernburg vergast.“

Indes ist noch heute das Buch der vormals sowjetischen Geheimagentin Ruth Werner (1907-2000) erhältlich, das 1961 in der DDR veröffentlicht wurde. Es trägt den Titel: "Olga Benario. Die Geschichte eines tapferen Lebens“.  Eine deutsche Filmproduktion mit dem Titel „Olga Benario, ein Leben für die Revolution“ erschien 2004. „Es gibt Lebensgeschichten, die sind so unglaublich, so fantastisch und so voller Geschichte und Geschichten, dass sie einfach dokumentiert werden müssen. Die Geschichte von Olga Benario ist eine davon, sie packt den Zuschauer und wirft ihn mitten in eine andere Zeit und andere Lebensumstände“, wie es auf www.kino-zeit.de heißt.

Freilich ist der semidokumentarische  Film noch nicht für die Kinder der Kita in Rathenow geeignet. Übrigens ist diese Einrichtung eine der letzten, wenn nicht sogar die einzig verbliebene aus DDR-Zeiten, die weiter nach Olga Benario benannt ist. Denn per Google-Suche findet sich nur eine Kita mit diesem Namen. Allerdings sind in Bernburg und Berlin Straßen nach der Frau benannt.

Stolperstein

Mit sogenannten Stolpersteinen wird in vielen Städten Deutschlands an Menschen erinnert, die durch das NS-Regime verfolgt wurden. 2007 wurde in Berlin-Neukölln, Innstraße 24, ein Stolperstein für Olga Benario verlegt. Mehr Informationen dazu auf www.stolpersteine-berlin.de.