Preußen
: Soldatenkönig nur einmal im Krieg

Friedrich Wilhelm I. wurde durch extremen Sparsinn und die Liebe zum Militär bekannt.
Von
René Wernitz
Havelland
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Leibgarde des Soldatenkönigs: Lange Kerls bei einem Festumzug (2016) in Rhinow.

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Als der Dreißigjährige Krieg (1618—1648)  insbesondere Mitteleuropa verheerte, war das Kurfürstentum Brandenburg–Preußen ein Spielball der Supermächte. Ein stehendes Heer, sprich eine schlagkräftige Armee, gab es noch nicht. Bis dato setzte man auf Söldner, die freilich nur solange ihren Kopf hinhielten, wie der Sold gezahlt werden konnte. War ein Krieg beendet, zogen die Söldner ohnehin weiter.  Der 1640 an die Macht gelangte Friedrich Wilhelm erkannte die Nachteile.

Die Entscheidung zur Aufstellung eines stehenden Heeres  traf der Kurfürst Mitte 1644. Zwei Jahre später soll die Kurfürstlich–Brandenburgische Armee schon etwa 14.000 Mann stark gewesen sein. Das stehende Heer bestand erste Bewährungsproben ab 1655. Die Ereignisse vom Juni 1675 zeigen, dass Brandenburg–Preußen inzwischen in der Lage war, die militärische Supermacht Schweden erst von der Havel, dann aus dem ganzen Land zu vertreiben. Die Invasoren zogen sich in ihre Besitztümer in Vorpommern zurück. Der Schwedisch–Brandenburgische Krieg wurde bis 1679 fortgesetzt. Das Kurfürstentum wollte derweil auch zur See mit einer Kriegsflotte international mitmischen.

Kurfürst Friedrich Wilhelm bekam wegen seiner militärischen Erfolge den Beinamen „der Große“. Er starb 1688, sein Sohn Friedrich III. erbte Truppen, Flotte und das Kurfürstentum. In der Folge wurde Brandenburg–Preußen zu einer ernstzunehmenden Größe in Europa. Durch geschickte Bündnispolitik, einhergehend mit Militäreinsätzen außerhalb des Landes, konnte der Kurfürst zu einem vom Kaiser unabhängigen König aufsteigen. 1701 krönte sich Friedrich III. zum ersten König von Preußen — daher der neue Name Friedrich I. Als Vertreter des Barock legte er Wert auf kostspielige Hofhaltung und allerhand Prunk, was kaum zu finanzieren war. Um die preußischen Staatsfinanzen stand es unter ihm nicht zum Besten. Die Flotte wurde daher „abgewickelt“.

In dem Jahr, als Friedrichs Vater gestorben war, hatte die übernächste Generation das Licht der Welt erblickt. Wie kein anderer steht der nach seinem Opa benannte Friedrich Wilhelm (1688—1740) für preußischen Militarismus. 1713 auf den Thron gelangt, wurde er zum heute sogenannten „Soldatenkönig“.

Als Kind hatte er es nie wirklich mit den Wissenschaften in seiner schulischen Ausbildung. Doch entwickelte Friedrich Wilhelm einen intensiven Sparsinn, ganz im Gegensatz zu seinem Vater, und eine militärische Affinität, die man wohl auch als Leidenschaft bezeichnen könnte. Durch  ihn sollte die Uniform zur ständigen Tageskleidung preußischer Könige werden

Das jugendliche Interesse dieses Hohenzollern an Militär und Soldaten ist recht gut überliefert. Im Ursprung war es wohl das Kommando über ein Kavallerie– und ein Infanterieregiment, das Friedrich Wilhelm 1694 übertragen wurde. Da war er noch ein Knirps gewesen. Zum zehnten Geburtstag erhielt der Junge das Schloss Wusterhausen (heute Landkreis Dahme–Spreewald), zu dem ein Gut gehörte. Später wurde der Ort zu Königs Wusterhausen. Auf dem Gut tobte sich der künftige Erbe in der Weise aus, dass  Sparsamkeit und Militäraffinität die Persönlichkeit ausformten. Die dortige private Garde, die sich der Kurprinz hielt, wuchs alsbald bald auf 600 Mann.

Diese Garde und sein anderswo stationiertes Kurprinzenregiment verschmolz Friedrich Wilhelm 1710 zum „Großen Leibbataillon Grenadier“. Nach Thronbesteigung wurde das seine Leibgarde. Nach weiteren Umstrukturierungen ging daraus das Königsregiment hervor — besser bekannt als die „Langen Kerls“, stationiert in Potsdam. Das ist der Anfang der Geschichte als Garnisonsstadt.

Lang sollten sie sein, also hoch gewachsen — mindestens 1,88 Meter. Den Unterhalt seiner Garde ließ sich der sparexzentrische König sogar einiges kosten. Kurz nachdem sein Sohn Friedrich, als der Zweite, 1740 den preußischen Thron bestiegen hatte, löste er die kostspielige Garde auf.

Gerade im Hinblick auf ihre Interessen konnten der Soldatenkönig und sein musisch wie philosophisch nicht unbegabter Kronprinz unterschiedlicher nicht sein. Tatsächlich wollte Friedrich mit seinem Freund, Leutnant Hans Hermann von Katte, wohl lieber dem Spiel auf der Flöte und der Dichtkunst frönen. Der durch von Katte unterstützte Fluchtversuch Friedrichs endete im Desaster. Es war wie Fahnenflucht. So sah das auch der Soldatenkönig. Der Freund des Kronprinzen wurde zur Strafe geköpft, Friedrich musste dabei zusehen.

Doch bei allem heutigen Verständnis für den jungen Mann, der so widerspruchslos wie ein einfacher Soldat seinem Vater zu dienen hatte, offenbart die spätere Entwicklung ein Kuriosum. Denn der 1740 gestorbene Soldatenkönig war alles andere als ein Kriegsherr. Nur einmal, bald nach Beginn seiner Regentschaft, hatte er preußisches Militär in einen  Krieg befohlen. „1715 nimmt der König am einzigen Feldzug in seiner Amtszeit, dem Nordischen Krieg gegen Karl XII. von Schweden, teil, der Preußen die Gebietsgewinne Vorpommern, Stettin, Usedom, Rügen bringt“, wird auf www.preussenchronik.de erklärt, ein Online–Angebot des Rundfunks Berlin–Brandenburg (rbb).

Friedrich Wilhelm investierte in Militär und Unterbringung. Indem er Rathenow im Jahr 1733 ebenfalls zur Garnisonsstadt machte, wuchs die Kommune über ihre Altstadtinsel hinaus. Die Anlage der Neustadt resultierte aus der Notwendigkeit, für die stationierten Militärangehörigen Wohnraum zu schaffen. Ohne das einstige Militär wäre Rathenow vielleicht nur so groß wie Pritzerbe geblieben. Das zwischen 1736 und 1738 geschaffene Kurfürstendenkmal auf dem neustädtischen Schleusenplatz erinnert an die Zeiten der Stadterweiterung.

In dem Jahr als Friedrich II., später auch „der Große“ genannt, den Thron bestiegen hatte,  war der neue König sogleich in den Krieg gegen die Österreicher geritten. Er sei zwar berühmt geworden als „Philosophen–König“ und „Monarch der Aufklärung“, „führte aber einen Krieg nach dem anderen und führte hunderttausende preußische Soldaten in den Tod. So irreführend kann geschichtliche Wahrnehmung sein“, wie es auf www.navigator–allgemeinwissen.de heißt.

Auf www.preußenweb.de werden 15 Schlachten in drei Kriegen zwischen 1740 und 1763 aufgelistet, samt der Verlustzahlen auf allen Seiten. Insgesamt etwa 180.000 preußische Soldaten starben in den Schlachten, die Friedrich der Große ausfechten ließ. Die extrem blutige Schlacht bei Kunersdorf jährt sich am 12. August zum 260. Mal. Es herrschte zu der Zeit der sogenannte Siebenjährige Krieg. In Kunersdorf verloren rund 19.000 Preußen ihr Leben.

In Anbetracht dessen erscheint es widersinnig, dass sich insbesondere das Bild des Querflöte spielenden Friedrich II. ins kollektive Gedächtnis heutiger Brandenburger brennen konnte. Derweil wird die durch ihn befohlene Einführung der Kartoffel in Preußen wie eine Ruhmestat gefeiert. Der Kartoffelbefehl gehört heute ebenso zum Allgemeinwissen wie die Existenz des Schlosses Sanssouci, das sich der König in Potsdam bauen ließ.  Das schlicht eingerichtete Schloss in Königs Wusterhausen  fristet indes ein Schattendasein. Bis zu seinem Lebensende war es die bevorzugte Residenz des Soldatenkönigs geblieben.

Zumindest in Sachen Trockenlegungen ähnelten sich Vater und Sohn. 1718 erging die Order des Soldatenkönigs zum Bau des Großen Havelländischen Hauptkanals. Durch diesen und zahlreiche folgende Grabenziehungen konnte das vormals vermoorte Havelländische Luch Lebensraum für Bauern und Weidevieh werden. Auf Friedrich den Großen geht derweil ein Urbarmachungsedikt von 1773 zurück. Dieses steht auch am Anfang der Trockenlegung des Rhinluchs.