Wer hätte gedacht, dass das kleine Pessin im Havelland (Amt Friesack) jemals in einem Zug genannt wird mit Millionenstädten wie Hamburg oder Sao Paulo? Am Mittwoch war es jedenfalls soweit. Aber es war eine Verbindung, die sich die rund 650 Pessiner nicht gewünscht haben dürften.
Es geht nicht etwa um ausgelassenen brasilianischen Karneval oder leckere Fischbrötchen am Hamburger Hafen, sondern um Verbrechen im ganz großen Stil: um illegalen Kokainhandel im Tonnen-Bereich, organisierte Kriminalität und riesige Geldbeträge.
Immer wieder fiel beim Prozessauftakt der Name „Pessin“, als ein Staatsanwalt vor dem Landgericht Berlin die Anklage gegen zehn Personen verlas. Sie sollen an Kokain-Importen im großen Stil aus Südamerika beteiligt gewesen sein.
Seit 2011 sollen mehrere Männer regelmäßig Kokain aus Brasilien eingeführt haben. Der Trick: Offiziell importierten sie laut Anklage über ein „Scheinfirmen-Netzwerk“ Blei- und Kupferplatten, die auf Metallpaletten über Hamburg ins Land kamen. In den Paletten waren Hohlräume - und darin soll sich Kokain-Gemisch befunden haben

Tonnenweise Kokain in Pessin (Havelland) versteckt

Die laut Staatsanwaltschaft „konspirative Lagerhalle“ in Pessin soll erstmals im Juni 2015 ins Spiel gekommen sein. Bis März 2018 sollen dort bei fünf Lieferungen insgesamt 2.760 Kilogramm Kokain, also 2,76 Tonnen, aus den Metallpaletten herausgeholt worden und an unbekannte Abnehmer weitergegeben worden sein.
Damit das Rauschgift-Versteck in den Metallpaletten nicht auffällt, sollen die geöffneten Paletten später gegen speziell angefertigten, teuren Ersatz ausgetauscht worden sein. Als Mitte März 2019 das Pessiner Zwischenlager aufflog, entdeckte das Bundeskriminalamt 16 dieser Ersatz-Paletten - und außerdem 64 Kupferplatten, die die Importeure wohl nicht verkauft hatten.
Spielt man ein wenig mit den Zahlen, so sind im Ort pro Pessiner Einwohner vier Kilo Kokain freigelegt worden. Zum Wert der Ware traf die Anklage keine unmittelbare Aussage. Das Statistische Bundesamt schätzte 2016 die Kilo-Preise zwischen 30.000 und 45.000 Euro. Laut Anklage soll die Bande insgesamt 4,4 Tonnen Kokain eingeschmuggelt haben.

Kommunikation über verschlüsselte Mobiltelefone

Nachdem der Umschlagplatz im Havelland aufgeflogen war, sollen mehrere Angeklagte versucht haben, kolumbianisches Kokain über Costa Rica, Mexiko, Hongkong und Litauen nach Deutschland zu bringen. Im November 2021 wurden die meisten von ihnen festgenommen. Zuletzt kommunizierten laut Anklage mehrere Täter über verschlüsselte Mobiltelefone.
Anbieter war nicht das bei Drogenhändlern einst beliebte Encrochat, sondern SkyECC. Auch dessen Kommunikation wurde von Spezialisten geknackt. Während den Ermittlern die Absprachen über Encrochat nur für zwei bis drei Monate bekannt sind, soll die SkyECC-Datensammlung den vierfachen Umfang haben. Es ist das erste große Verfahren, das teilweise diese Chats als Beweismittel nutzt.

Frankfurt (Oder)

Einige der Angeklagten, denen langjährige Haftstrafen drohen, wollen aussagen, andere nicht. Deshalb wird der nächste Verhandlungstag am 19. September 2022 mit Spannung erwartet. Außerdem will die Staatsanwaltschaft mehr als 9 Millionen Euro einziehen - so viel Geld ging angeblich durch die Hände jener drei Angeklagten, die Pessin unbemerkt von ihren Einwohnern in eine weiße Linie mit Sao Paulo und Hamburg brachten.