Rathenow vor 75 Jahren: Die Kirche brennt!
Zu denen, die zu Augenzeugen wurden, gehört Rathenows Ehrenbürgerin Erika Guthjahr (1916-2005). Die einst im Hauptberuf als Zeichenlehrerin tätige Frau verarbeitete 1980 ihre Erinnerungen an die Brandnacht in einem Gemälde. Dieses befindet sich im Besitz des Förderkreises zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche, dem sie schon bei Gründung (1996) beigetreten war.
Damals wie heute ist Heinz-Walter Knackmuß als Vereinsvorsitzender tätig. Die Liebe zu Gott und zu dieser Kirche treiben ihn. Das Wiederaufbauwerk dauert weiter an, obgleich außen die Arbeiten längst vollendet sind.
Geht es um die Geschichte des Rathenower Wahrzeichens, gibt es wohl kaum einen besseren Kenner als Knackmuß. Der gebürtige Semliner, er kam im November 1944, zur Welt, war noch ein Baby, als die Sankt-Marien-Andreas-Kirche bis in die Nachbarorte hin sichtbar lichterloh brannte. „So wie es damals brannte, kann man es gar nicht malen, es war alles eine einzige Flamme“, zitiert Knackmuß die Ehrenbürgerin, und sie habe doch die Umrisse der Kirche sichtbar dargestellt. Eine Woche lang schlugen die Flammen in Richtung Himmel, erklärt er. Da der Küster vergessen hätte, die Brandschutztür vom Turm zum Schiff zu schließen, habe sich das Feuer über den Eichendachstuhl auf die ganze Kirche ausgebreitet. Mit dem herabstürzenden Dach wurden auch die wertvolle barocke Kanzel und die Schuke-Orgel zerstört. Mit beidem wäre der Wiederaufbauwerk praktisch vollendet.
Was die Beseitigung der Kriegsschäden betrifft, wurde 1950 damit begonnen. Dabei tat sich der damalige Pfarrer Friedrich Korth hervor, wie Knackmuß berichtet. Nach und nach wurden Trümmer beseitigt, wurde die Kirche vom Schutt befreit. Ende Juni 1952 gab es den ersten Nachkriegsgottesdienst dort. Nachdem unter schwierigsten Bedingungen das Mittelschiff mit einem Dach versehen worden war, wurde die Sankt-Marien-Andreas-Kirche im Juni 1959 feierlich wieder eingeweiht. Die Öffnung zum Chorraum war zwar vermauert, doch war dadurch ein Teilaufbau gelungen.
Erst 50 Jahre nach dem Krieg wurde es möglich, auch den Chorraum wiederaufzubauen, zwar ohne die drei Kreuzgewölbe, aber die Kirche war nun von außen wieder fast komplett. Die Glasfenster wurden bald nach 1996 eingesetzt, der Wiederaufbau des Turms samt Spitze erfolgte 2002. Fortan stand das Innere im Fokus. Laut Heinz-Walter Knackmuß könnte im Jahr 2023 das Gesamtwerk vollendet sein. Der Bund hat eine Förderung von 3,75 Millionen Euro schriftlich zugesagt, die das Land Brandenburg seinerseits mit 3,75 Millionen Euro Fördermillionen kofinanzieren will. Diesbezüglich liegt aber nur eine mündliche Zusage vor. Aber erst mit einem unterschriebenen Förderbescheid könne die Schlussphase des Wiederaufbaus der Sankt-Marien-Andreas-Kirche eingeläutet werden, so Knackmuß. 75 Jahre nach Kriegsende ist hier offenbar das Coronavirus dazwischen gegrätscht.

