Realer Grusel und Spuk?: Am Markgrafenberg in Rathenow scheiden aggressive Eulen als Ursache aus

Blick zum Markgrafenberg bei Rathenow, in dessen Nähe 1772 und 1796 sehr Sonderbares geschah. Gestandene Männer fühlten sich zunächst an die Geschichte vom "wilden Jäger" bzw. von der "wilden Jagd" erinnert.
Rene WernitzSie dürfte sich aus dem Aberglauben germanischstämmiger Menschen heraus entwickelt haben. Auch im westlichen Havelland muss die Story einst verbreitet gewesen sein. Unklar blieb letztlich, wer da recht wild, mit lautem Getöse durch die Atmosphäre jagte. Waren es berittene germanische Gottheiten mit ihren Hunden und ihrem Gefolge? Oder handelte es sich um Wesen aus der Geisterwelt? Nicht jeder, der dem mutmaßlich zu nahe kam, erschrak und fürchtete sogleich um sein irdisches Dasein. Tatsächlich sind für Rathenow Begebenheiten überliefert, bei denen betroffene Männer sich nicht aus der Ruhe bringen ließen.
Es war ein durchaus ehrenwertes Mitglied der städtischen Gesellschaft, das die Geschehnisse für die Nachwelt schriftlich aufarbeitete. Samuel Christoph Wagener (1763—1845) wurde dadurch am ehesten bekannt, dass er die optische Industrie in Rathenow mit aus der Taufe hob. Er unterstützte die Unternehmung von Firmengründer Johann Heinrich August Duncker (1767—1843) maßgeblich. Beide waren eigentlich Männer Gottes. Wagener agierte in seiner Rathenower Zeit, die nicht all zu lange dauerte, ab Ende des 18. Jahrhundert hauptberuflich als Militärpfarrer der sogenannten Leib–Karabinier. Das war eine in der Neustadt in Garnison liegende Kavallerie–Einheit.
Womöglich kannten sich Wagener und ein Leutnant von Heugel, dem an einem Herbstabend des Jahres 1796 sehr Sonderbares widerfuhr. Die Ereignisse schilderte Wagener in seinem Buch „Die Gespenster: Kurze Erzählungen aus dem Reiche der Wahrheit“ (Band 2/erschienen 1798). Demnach war Leutnant von Heugel mit einem Bediensteten zu Pferde auf dem Weg von Nennhausen nach Rathenow. Das erhoffte Mondlicht hatte sich nicht eingestellt. Nahe des Markgrafenbergs wurde es dann sehr gruselig.
Laut Angaben von Wagner säuselte eben noch ein sanftes Lüftchen und spielte mit den Blättern der Bäume. Der Leutnant hatte ganz sicher keine Furcht. „Bald aber vernahm er sowohl, als auch sein Diener ein schnell daherrauschendes Sausen, einen Ungestüm in den Baumzweigen und allerlei Töne von Geschöpfen, denen er in der ganzen Natur nichts zu vergleichen hatte“, so Wagener wörtlich, „ganz so hatte er sich immer das Geräusch gedacht, welches der wilde Jäger, nach der ihm gemachten Erzählung, verursachen soll. Es heulte und schwirrte und pfiff und rauschte immer fürchterlicher um ihn her, und man hatte alle Aufmerksamkeit nötig, um die schnaubenden und höchst unruhigen Pferde zu bändigen.“
Der Leutnant meinte wahrzunehmen, wie „Luftgepenster“ an ihm vorüber und zwischen den Pferden durchfliegen würden. Er meinte auch, dass etwas von oben auf den Hut zuschoss, den der Offizier trug. An diesem befand sich ein für Leib–Karabinier typischer weißer Federbusch. Allerdings fühlte sich der abgeklärte Mann an Geräusche erinnert, die Flügelschläge von Vögeln verursachen würden.
Von Heugel legte sich auf Waldohreulen fest und schätzte ihre Zahl auf zwölf. Er nahm den Federbusch vom Hut. „Jetzt ließen ihn die Nachtvögel ungeschoren, und zogen überhaupt nach Verlauf von ungefähr fünf Minuten mit Geräusch und lautem Geschrei vorüber“, so Wagener, der diese mutmaßlich dem Spuk entrissene Geschichte wegen der alles aufklärenden Waldohreulen mit den Worten enden ließ: „So sieht man hieraus, dass diese sonst ungeselligen Nachtvögel auch noch außer ihrer Begattungszeit, zum Beispiel um der gemeinschaftlichen Jagd wegen, beieinander leben...“
Genau 223 Jahre nach dem geschilderten Erlebnis nahe des Markgrafenbergs muss der rationale Erklärungsversuch erheblich in Zweifel gezogen werden. Dafür sorgt ein BRAWO–Anruf in der Staatlichen Vogelschutzwarte zu Buckow (bei Nennhausen). Leiter Torsten Langgemach ist die im Herbst einsetzende Versammlung von Waldohreulen zu Schlafgesellschaften zwar bekannt — 100 und noch mehr der Nachtjäger könnten sich während der kalten Jahreszeit einen Schlafbereich teilen–, doch seien sie Fluchttiere, wie er erklärt. Waldohreulen seien überhaupt nicht darauf programmiert, größere Lebewesen zu attackieren. Auch würden die Vögel nicht gemeinsam aktiv sein, etwa bei der Abwehr von Eindringlingen oder während der nächtlichen Jagd.
Indes könnte es sich einst durchaus so zugetragen haben, dass die Reiter am Markgrafenberg Zeugen eines Ein– oder Ausflugs mehrerer Waldohreulen wurden. Doch schmettert Torsten Langgemach die Angaben zurück, die die Geräusche betreffen: „Waldohreulen sind extrem lautlos und selbst für Mäuse nicht zu hören“.
Was auch immer Leutnant von Heugel meinte in der Herbstnacht 1796 am Markgrafenberg gehört zu haben, für das Heulen und Schwirren und Pfeiffen und Rauschen waren keine Waldohreulen verantwortlich! Doch was war es denn?
Samuel Christoph Wagener hatte auch von einem Mann erfahren, der bereits im Frühjahr 1772 am sagenumrankten Hügel im Stadtforst ein ganz ähnliches Erlebnis hatte. Etwa zur Mitternacht passierte jener Herr Katsch in einer Kutsche den Bereich: „Eine Art von Sturmwind folgte auf die bisherige Windstille. Er schien die ganze ruhige Natur um ihn her in Aufruhr bringen zu wollen“. Auch diesem Mann soll sofort die Geschichte vom „wilden Jäger“ in den Sinn gekommen sein. Auch hier drohten die Pferde durchzugehen, auch hier dauerte der Spuk etwa fünf Minuten lang. Doch hatte es offenbar schon Herrn Katsch widerstrebt, Geister für den Spuk verantwortlich zu machen.
„Er hielt das bestandene spukhafte Abenteuer für nichts Übernatürliches“, so Wagener. Er ging von einer natürlichen Erklärung aus. Doch interessierte es ihn nicht, welche das sein könnte. „Er überließ es dem Zufalle und den Naturkundigen, das dabei obwaltende Dunkel aufzuklären“. Dank Torsten Langgemach aus der Staatlichen Vogelschutzwarte, können Waldohreulen nun wohl ausgeschlossen werden bei dem, was sich 1772 und 1796 nach dem „wilden Jäger“ anhörte.
Mehr über die Überlieferungen zum „wilden Jäger“ bzw. zur „wilden Jagd“ lesen Sie in der Weihnachts–Sonderveröffentlichung, die dieser BRAWO–Ausgabe beiliegt.