Sagenhaft
: Schimmel, die aus dem Thyrowberg kommen

Eine 1843 abgedruckte Sage aus dem Havelland könnte auf Zeiten hindeuten, die mehr als 1.500 Jahre zurückliegen.
Von
René Wernitz
Havelland
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  • Der Weg zum Aussichtspunkt ist ausgeschildert.

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    René Wernitz
  • Der Thyrowberg wurde noch im 18. Jahrhundert als Thürberg bezeichnet. Auf diesem Kartenausschnitt steht "Tühr-Berg".

    Der Thyrowberg wurde noch im 18. Jahrhundert als Thürberg bezeichnet. Auf diesem Kartenausschnitt steht "Tühr-Berg".

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Wolfhard Schlosser hat sich der Astronomie verschrieben. Bekanntheit erlangte er durch die astronomische Interpretation der berühmten bronzezeitlichen Himmelsscheibe von Nebra. Sie war 1999 durch Raubgräber auf dem Mittelberg bei Nebra (Thüringen) entdeckt worden. Dem Fund hatte aber keine Sage zugrunde gelegen.

Auf http://www.derungs.org/archiv/sagen–land.pdf findet sich indes ein Beitrag Schlossers, der mit der Frage "Sagen — ein kollektives Gedächtnis über die Jahrtausende?“ überschrieben ist. Einleitend schreibt er: "Sagen beschreiben häufig ein reales Geschehen der Vergangenheit. Kann man die Sage lokalisieren, so führt dies vereinzelt zu erstaunlichen Ergebnissen.“ Schlosser beschreibt zwei Beispiele. Eines ist die Sage über König Hinz.

Dieser soll, so habe man es sich über Generationen erzählt,  in einem dreifachen Sarg aus Gold, Silber und Kupfer ruhen. „Grabungen im späten 19. Jahrhundert förderten in der Tat Gegenstände aus der Bronzezeit zutage. Schließlich fand man auch die eigentliche Grabkammer, in der sich drei Urnen unterschiedlicher Qualität befanden.“

Dieser Fall zeige, so Schlosser, dass sich in der Bevölkerung über dreitausend Jahre die Erinnerung an das Begräbnis eines Fürsten der Bronzezeit gehalten hat. Wobei sich die Sage von den Grabungsergebnissen in bestimmten Punkten unterscheidet. „Zunächst einmal war in der Bronzezeit die Leichenverbrennung üblich und keine Sargbestattung. Der dreifache Sarg einer einzelnen Person erweist sich als ein Ensemble von drei Urnen verschiedener Menschen. Statt in Gold, Silber und Kupfer ruhten die Toten schließlich in deutlich schlichteren Behältnissen aus Bronze und Ton“, so der Autor. Zusammenfassend stellte er fest, „dass die Sage gegenüber den archäologischen Funden und Befunden ausschmückt (Gold, Silber und Kupfer), verdichtet (auf die Hauptperson, nämlich den König) und sich den Gebräuchen der Zeit anpasst (Sarg statt Leichenbrand).“

Wie lange schon die havelländische Sage vom Thyrowberg in Umlauf war, ehe sie 1843 in "Märkische Sagen und Märchen“ durch Adalbert Kuhn abgedruckt wurde, hat der Sagensammler nicht erwähnt. Doch soll sie mündlich überliefert worden sein. Online zu finden auf www.zeno.org. Eigentlich geht es weniger um den Hügel als um „Das untergegangene Dorf Thure“. Laut dieser Sage soll es Leute gegeben haben, die meinten, Thure bzw. Thüre  sei im Thürberg versunken — heute heißt dieser Thyrowberg.

Die moderne Geschichtswissenschaft zeigt sich sicher, dass der Ort etwas südöstlich des 57 Meter hohen Hügels lokalisiert werden konnte. Es dürfte sich demnach um jenes  Thure bzw. Thüre handeln, dass 1161 erstmals urkundlich erwähnt wurde, aber schon seit Beginn des 14. Jahrhunderts nicht mehr nachweisbar ist. Die Sage hätte insofern Recht, wenn sie von einem untergegangenen Dorf in dem Sinne spricht, dass es wüst fiel. Archäologische Hinweise darauf, dass es im Thyrowberg versank, gibt es freilich nicht. Die Sage hält aber dagegen: „Wäre das Dorf Thüre auf gewöhnliche Weise verwüstet worden und nicht in den Berg gesunken, würde man dann wohl den mit Schimmeln bespannten Wagen aus dem Berge hervorfahren sehen, der sich schon seit undenklichen Zeiten zeigt? Und dazu kommt er gerade an der Stelle, wo das Dorf untergegangen sein soll, in den Sandgruben, zum Vorschein. Denn da hat ihn noch vor wenigen Jahren ein Bauer gesehen, der eben Sand holte, und das war gerade am Johannistage und mittags um 12 Uhr.“

Diese Sätze auf das wohl Wesentliche reduziert, bleiben ein mit Schimmeln bespannter Wagen, der aus dem Berge hervor fährt, und die Zeitangaben „Johannistag“ und „mittags um 12 Uhr“, wenn die Sonne am höchsten steht.

Am Montag war wieder der Tag, der  Johannes dem Täufer gewidmet ist. Am Übergang vom 23. zum 24. Juni  ist Johannisnacht. Auf www.brauchtum.de ist von  „Sommerweihnacht“ die Rede, die offenbar mit Johannisfeuern in Verbindung steht: "Die Unverheirateten tanzen, oft bis zur Erschöpfung, um das Feuer. Zum Johannisfeuer gehört der segenbringende Sprung über das Feuer. Er überwindet Unheil, reinigt von Krankheit und wirkt je besser, je mehr über das Feuer springen. Wenn ein Paar sich bei diesem Sprung nicht losließ, so deuteten dies die Menschen früher als ein gutes Zeichen für eine bald bevorstehende Hochzeit.“

Der Verdacht drängt sich auf, dass das Christentum zu Johanni, ähnlich wie zu  Weihnachten im Winter, einen alten Feuer– bzw. Sonnenkult christlich übermalt und ihn um drei Tage nach hinten verschoben hat. Sowohl die Sommer– als auch die Wintersonnenwende waren vormals wohl sehr bedeutende Bestandteile des kultisch–religiösen Jahreszyklus.

Dass die Menschen schon sehr lange den Lauf der Sonne verfolgten, belegt auch die aus Bronze gefertigte Himmelsscheibe von Nebra (Landesmuseum für Vorgeschichte Halle/www.lda–lds.de), die bis vor etwa 3.600 Jahren in Gebrauch  gewesen sein soll. Sie gilt als der bedeutendste Fund aus der Bronzezeit. Ebenso bedeutend ist der Sonnenwagen von Trundholm, der 1902 in Dänemark gefunden wurde und in der Hauptstadt Kopenhagen gezeigt wird. Auf Wikipedia heißt es über das Bronzeartefakt: „Das Motiv des Sonnenwagens ist auch aus der ägyptischen, chinesischen, griechisch/römischen, indischen, keltischen und persischen Mythologie bekannt und deutet eher auf einen Urmythos, der sich praktisch in allen höher entwickelten Kulturen verbreitet hatte.“

Das gesamte Objekt ist nur etwa 60 Zentimeter lang.  Ein Pferd zieht den Wagen, auf dem sich eine aufrecht angebrachte Scheibe befindet, die als Sonne gedeutet wird. Von diesem Pferd und dem Sonnenwagen ist es gedanklich nicht mehr weit bis zur Sage über den Thyrowberg, aus dem zu Johanni, mittags um 12 Uhr, mal ein mit Schimmeln bespannter Wagen gefahren sein soll. Wer das als Kern der Sage in Erwägung zieht, nimmt wohl auch eine Annahme des Dorfmuseum Tremmen e.V. mit auf. Dieser bringt, so steht es auf einer Infotafel auf dem Thyrowberg, eine altgermanische Gottheit namens Tyr ins Spiel, die dort vielleicht angebetet wurde.

Recherchen in diese Richtung, also Tyr zusammen mit Schimmel und Wagen in eine Online–Suchmaschine eingegeben, bringen nicht gerade viele Treffer. Doch bei denen, die zu Autor Harry Eilenstein führen, wird es um so spannender. Auf telefonische Anfrage hin, sagt der Autor aus Alfter bei Bonn, dass er Vergleichende Sprachwissenschaften und später sehr viele Quellen studiert hätte. Der 1956 geborene Mann, der sich auf www.harryeilenstein.de vorstellt, brachte in der Folge sehr viele Bücher auf den Markt (www.bod.de), die sich germanischer Mythologie widmen. Er ist offenbar der einzige, der einen Zusammenhang zwischen Tyr, Sonne und einem mit Schimmeln bespannten Wagen herstellt.

Wenn es diese Verbindung tatsächlich gebe, könnte die vor 176 Jahren abgedruckte Sage vom Thyrowberg  einen mehr als  1.500 Jahre zurück liegenden Sonnenwend–Kult andeuten, bei dem vielleicht ein Wagen mit Schimmeln bespannt und der Tyr bzw. die Sonne angebetet wurde.