Sagenstoff: Dragomira und der Wendenkönig

In der jährlichen Speewälder Sagennacht, stets zu Pfingsten in Burg im Spreewald, kommt der Wendenkönig groß raus. Diesmal vom 8. bis 10. Juni.
Ron PetraÃDie Sage setzt unmittelbar vor Eroberung der slawischen Brandenburg durch den ostfränkischen König Heinrich I. ein. Diese war zwischen Herbst 927 und Frühjahr 929 erfolgt. Die Sage macht Stendal zum Aufmarschgebiet des königlichen Heeres und einen Wendenkönig zum Gegenspieler Heinrichs. Das ist um so mehr kurios, da der slawische Kontrahent sogar einen Namen hat in der Sage. Dort wird er Mizisla genannt.
Dieser Name ist in keiner Weise durch Quellen belegt. Es gibt nur ein Name, der mit einem damaligen slawischen Herrscher auf der Brandenburg in Zusammenhang gebracht werden kann. Dieser lautet Basqlabig. In die Welt gesetzt wurde er durch den arabischen Gelehrten al–Masudi, der sein Wissen Mitte des 10. Jahrhunderts veröffentlichte. Das ist also eine zeitgenössische Quelle.
Basqlabig wird als Herrscher über das Land Stodor ausgegeben, als Oberhaupt des Stammes der Stodoranen. Das ist der ursprüngliche Name für die Leute, die ab dem 6./7. Jahrhundert das Havelland besiedelten. Zeitgenössische westliche Quellen machten Heveller aus ihnen.
Laut Wikipedia–Beitrag über Basqlabig könnte er im slawischen Original auch Vaclavic heißen. Daraus wird nur ein Schuh, wenn al–Masudi der Name des Stammesoberhaupts schriftlich und in kyrillischer Schrift, wie im Russischen, mitgeteilt worden wäre. Es nicht besser wissend, hätte er dann wie lateinische B’s aussehende Buchstaben ins Arabische übernommen, obgleich sie im Kyrillischen für V– bzw. W–laute stehen.
Egal, wie die Namensgebung bei al–Masudi zustande kam, spielt Vaclavic im Historienroman „Das Haupt der Welt“ die Rolle des Herrschers auf der Brandenburg, als Heinrich I. mit seinem Heer anrückt. Geschrieben wurde das Buch von Rebecca Gablé und 2013 im Lübbe–Verlag veröffentlicht. Womöglich liegt die Autorin beim Namen des Fürsten nah an der Realität, beim Namen einer aus Brandenburg als Geisel fortgeführten Fürstentochter dürfte sie daneben liegen. Denn für diese Frau, im Roman Dragomira genannt, ist kein Name überliefert. Vermutlich handelt es sich um die Schwester Tugumirs. Dieser Fürstensohn wurde in der geschichtlichen Realität, und auch bei Gablé, zusammen mit seiner Schwester in den christlichen Westen fortgeführt.
Niemand weiß, was aus dem mutmaßlichen Vaclavic wurde. Sein Tod und die Geiselhaft der Nachkommen könnte in der Welt der westslawischen Stämme, die insgesamt auch Wenden genannt wurden, ein durchaus folgenreiches Machtvakuum ausgelöst haben.
Mal angenommen, Vaclavic war nicht nur Herr der Heveller bzw. Stodoranen, sondern als König auch höchste Instanz vieler Stämme bis hin zur Oder, hoch bis zur Ostsee und hinunter bis zu den Böhmen, hätte sein Tod die Frage nach der Nachfolge aufgeworfen. Eine andere Quelle des 10. Jahrhunderts, der aus dem maurischen Kalifat Cordoba stammende Reisende Ibrahim ibn Yaqub, legt in seinem Bericht die Vermutung nahe, dass es tatsächlich einst einen Gesamtkönig gab, ehe es zu Abspaltungen kam. Allerdings erschließt sich aus dem Bericht nicht, dass Stodoranen dabei irgendwie eine Rolle gespielt hätten. Obgleich al–Masudi sie zuvor weit oben in der wendischen Stammeshierarchie angesiedelt hatte.
Der Tod Vaclavics hätte sehr wahrscheinlich auch den böhmischen Fürsten Vaclav auf den Plan gerufen. Er war erstgeborener Sohn der Dragomira von Stodor, eine ebenso reale Person der Geschichte. Die Stodoranin, wahrscheinlich Tochter oder Nichte des Herrschers auf der Brandenburg, war mit Vratislav I. verheiratet. Nachdem der ältere Bruder starb, kam Dragomiras Gatte an die Macht in Böhmen. Nachdem auch er das Zeitliche gesegnet hatte, übte Dragomira die Herrschaft zeitweilig selbst aus. Solange bis Vaclav bzw. Wenzel mündig wurde. Der Sohn der Stodoranin trug die böhmische Krone, als Heinrich I. nahte.
Nachdem der ostfränkische König während eines Winterfeldzugs erst die Brandenburg und bald danach eine andere slawische Hauptburg im heutigen Sachsen belagert und erobert hatte, marschierte er nach Böhmen, um auch den in Prag residierenden Fürsten zu besiegen. Dieser entging der drohenden Entmachtung durch Unterwerfung. Als möglicher Erbe des Landes Stodor und als ein neuer Wendenkönig fiel er damit aus.
Denkbar, dass sein jüngerer Bruder Boleslaw in dieser Hinsicht nicht aufgegeben hatte. Belegt ist, dass Boleslaw den älteren Bruder ermorden ließ, entweder schon 929 oder erst 936, und auf Konfrontation mit den Ostfranken ging. Er unterwarf sich erst um 950. Dadurch fiel auch Boleslaw als potentieller Wendenkönig aus.
Indes hat es den Anschein, als hätte es im nördlichen Wendenland mächtig rumort. Zwar wurde im September 929 bei Lenzen an der Elbe ein slawisches Heer vernichtend geschlagen. Doch dürfte das den Geist des Widerstands kaum gebrochen haben. Belegt ist, dass sich alsbald ein naher Verwandter des Tugumir auf der Brandenburg zum Herrscher aufgeschwungen hat. Inzwischen regierte Otto I. das ostfränkische Reich. Er schickte seine Geisel Tugumir um 940 an die Havel, damit der sein wohl legitimes Anrecht auf die Krone sichern konnte. Der Coup klappte. Tugumir tötete den Rivalen und wurde der Herrscher, allerdings nur, um sein Land in der Folge wieder den Ostfranken zu überlassen.
Laut dem Chronisten Widukind von Corvey hätten sich in der Folge alle Stämme bis hin zur Oder unterworfen. Das wird von manchen Historikern so gedeutet, dass der Stodoranen–Herrscher tatsächlich übergeordneten Status genoss. Um 940 begann indes die Ära des Markgrafen Gero. Sein Herrschaftsgebiet umfasste die nördlich von Böhmen eroberten Gebiete der westslawischen Stämme. Überliefert ist ein Festessen, zu dem Gero rund 30 Stammesfürsten eingeladen hatte. Sie sollten das gemeinsame Mahl nicht überleben. Mit ihnen starben vermutlich alle potentiellen Anwärter auf ein Wendenkönigtum.
Sorbische Legenden der Neuzeit ranken sich indes um einen Mann, der überlebt haben soll und später Wendenkönig wurde. So zu lesen unter anderem auf www.burgimspreewald.de. Allerdings beansprucht die Stadt Burg im Spreewald den Wendenkönig für sich.
Nicht ausgeschlossen, dass ein tatsächlich Überlebender des Massakers, vielleicht ein damals noch blutjunger Fürstensohn, den weiteren Widerstand organisierte. Die ostfränkische Ära dauerte nur bis 983. Dann kam es zu einem großen slawischen Aufstand, der alte Verhältnisse wieder herstellte. Nicht aber in der Nieder– und in der Oberlausitz.
Für die Brandenburg und den dazu gehörigen Herrschaftsbereich ist belegt, dass der letzte Fürst, der 1150 gestorbene Pribislaw–Heinrich, zeitweilig eine Königskrone getragen hatte. Der Mann muss noch lange in guter Erinnerung gewesen sein. Denn in einer kurfürstlichen Urkunde aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wird Pribislaw–Heinrich mit wohl klingenden Worten wie „hochgeborener Fürst“ und der „Wenden König“ bezeichnet.
Dass die Brandenburg schon im 10. Jahrhundert Herrschaftsort eines Wendenkönigs war, wie es Ludwig Bechsteins Sage 348 nahe legt, erschließt sich aus den Quellen bestenfalls indirekt. Sie veranlassten zumindest den renommierten Historiker Herbert Ludat (1910—1993) zur Vermutung, dass es an der Havel schon ab dem 8. Jahrhundert eine Königsdynastie gegeben haben soll.