Stadtwappen: Rathenow seit 80 Jahren ohne Engel
Rund vierhundert Jahre hatte der Engel das Schild mit dem Adler getragen. Reformation und Aufklärung überstand er schadlos. Erst im Dritten Reich hatte sein Stündlein geschlagen. Auf www.rathenow.de heißt es dazu: „Auf Anregung des damaligen Preußischen Geheimen Staatsarchivs bemühte sich die Stadt Rathenow im Jahre 1939 um eine Abänderung des geführten Stadtwappens.“
Das nun um den Engel reduzierte Wappen wurde am 29. Juni 1939 durch Erlass des Oberpräsidenten der Provinz Mark Brandenburg bestätigt. Es basierte laut den Rathenower Infos zum Thema auf einem Entwurf des Berliner Heraldikers Ottfried Neubecker. Dieser hatte sich am Adlerkopf aus dem Jahre 1394 orientiert.
Weiteren Angaben zufolge muss man sich das ursprüngliche Wappen so vorstellen: Es zeigte eine Burg mit zwei Zinnentürmen, dazwischen einen Geharnischten mit Lanze und Adlerschild. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wandelte sich die Gestalt des Adlers, der fortan nicht mehr nur aus einem Kopf bestand. Der Adler kam in Gänze ins Schild. Der Engel wird indes als Anfang des 16. Jahrhunderts erfolgte Umdeutung des Geharnischten ausgegeben.
In Anbetracht der schwierigen Zeiten, in die der Katholizismus nach 1517 auch im Havelland durch die Reformation geriet, könnte ein alternativer Gedanke durchaus Sinn machen – obgleich es dafür keine Belege gibt. Wenn der Engel vor Einführung der Reformation in Rathenow (1540) ins Wappen kam, war er womöglich ein Geschenk des Papstes?
In der Bierstadt Pilsen ist das genau der Fall. Einige Webseiten, die die tschechische Stadt vorstellen, gehen darauf ein. Die Quelle ist offenbar ein Jesuit namens Johann Tanner (1623—1694), der eine Chronik von Pilsen auf Latein verfasst hatte, die 1835 übersetzt wurde und in Auszügen auf books.google.de zu finden ist. Laut der Chronik befand sich 1578 eine Jesuiten–Residenz in Pilsen. Ein von Papst Gregor XIII. gesendeter Legat (Gesandter) habe sich „von der Reinheit des Glaubens der Pilsener“ persönlich überzeugt. Die Pilsener gaben dem Legaten ein demütiges Schreiben an den Oberhirten in Rom mit auf den Weg. „Der heil. Vater schrieb wiederholt, mit der Äußerung, sein Legat könne nicht satt werden, die Pilsener wegen ihrer Frömmigkeit zu loben.“ Der Engel, der seinen schützenden Mantel über das Wappen ausbreitet, ist ein daher rührendes Geschenk des Papstes.
In Pilsen findet sich der Engel, allerdings nur angedeutet, auch als Element eines Brunnens, gemeinsam mit Windhund und Kamel. Die Tiere befinden sich im Schild des Stadtwappens, wie es an den Flaschenhälsen des Urquells zu sehen ist. Eine kurze Wappengeschichte gibt es auf www.pilsen.eu.
Derweil ist auch Geschichtsfreund Wolfram Bleis kein Verfechter der Rückkehr des Engels, obgleich alle Jahre wieder das bis 1939 gültige Wappen unkommentiert im hiesigen Heimatkalender an exponierter Stelle abgedruckt wird. Das ist ein Produkt des Rathenower Heimatbund e.V., dem Bleis seit Jahren vorsteht. Wie er erklärt, sei das alte Wappen auf Vorschlag seines Vorgängers, Albrecht Brommauer, aufgenommen worden, sozusagen zur Erinnerung an den Engel. Eine Forderung nach Wiedereinführung des Engel–Wappens verbindet sich damit nicht. Doch will Bleis nicht ausschließen, dass es Bestrebungen – womöglich durch den Heimatkalender ausgelöst – irgendwann durchaus geben könnte in der Stadt.
Im Gegensatz zum Rathenower Bieretikett ist der Engel des Heimatbunds mit ganzem Adler im Schild zu sehen. Die Szene wird durch gekreuztes Wein– und Eichenlaub geschmückt. Laut Bleis ist dies das bis 1939 gültig gewesene Stadtwappen gewesen. Der Engel nur mit Adlerkopf und drei Sternen im Schild war ein Nachwendeprodukt der Brauerei. Da stand das geflügelte Wesen über dem heute gültigen Wappen.

