Welche Aussage erwartet man von einer Frau, die angeblich vor einem Jahr in einer Wohnung an der Steinstraße in Rathenow bei einer Auseinandersetzung mit ihrem Partner zwölf Messerstiche abbekam und danach zwei Nächte im Krankenhaus verbringen musste? „Ich bin auch etwas schuld daran. Ich muss ein bisschen zurückstecken, dann passiert sowas gar nicht“, sagte die Geschädigte vor dem Landgericht Potsdam. Sie stammt, wie auch der Angeklagte, aus Vietnam, ihre Aussage wurde gedolmetscht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 34-Jährigen versuchten Totschlag vor. Noch im Juli soll ein Urteil fallen.

Zeugen verstrickten sich in Widersprüche

Zum Prozessauftakt am Dienstag schwieg der Angeklagte, und im Gerichtssaal wirkte es so, als würden es ihm die fünf auf Vietnamesisch aussagenden Zeugen letztlich gleichtun. Hinsichtlich kritischer Details, die den seitlich von ihnen sitzenden Angeklagten belasten könnten, war kaum etwas herauszufinden. Meist konnten sie sich nicht recht erinnern und verstrickten sich immer wieder in Widersprüche zu ihren früheren Aussagen bei der Polizei. Konfrontierte Richter Bodo Wermelskirchen sie mit diesen Aussagen, bestätigten sie es meist.
Die betroffene Frau schilderte das Geschehen im Juli 2021 so: Er sei mit ihr und den beiden Kindern der Frau in ihrer Wohnung in der Steinstraße gewesen. Eine andere Vietnamesin habe angerufen, ob ihre Kinder nicht mit ihren Kindern spielen würden. Der Angeklagte sei dagegen gewesen, dann doch dafür, wenn er mitkommen würde - dann wieder dagegen, „und Du bleibst hier!“. Als sie im Flur war, habe er mit einem Messer gefuchtelt, sie habe sich gewehrt mit Händen und Füßen. Als er gesehen habe, dass sie blutet, habe er aufgehört und sei weggelaufen. Gesagt habe er dabei nichts, oder sie habe es nicht gehört. Sie vermutet offenbar Amphetamine als Ursache - wenn er keine Drogen nehme, sei er ganz anders.

Der Richter wurde zunehmend ungehalten

Bei vielen anderen Ereignissen waren ihre Erinnerungen weniger gut. Sie schien weitgehend verdrängt zu haben, dass während ihrer Beziehung immer wieder die Polizei gerufen wurde - mal von ihr, mal von Nachbarn. Richter Wermelskirchen wurde zunehmend ungehaltener, als er sie mit jeder Anzeige einzeln konfrontierte. Die Rede war von Würgen mit einem Gürtel, einem blauen Auge und immer wieder von Todesdrohungen.
Kennengelernt haben wollen sich beide erst 2020, aber schon 2019 traf die Polizei wohl den Angeklagten unter einem anderen Namen bei ihr in der Wohnung an. 2021 brachte sie ihr zweites Kind in Deutschland zur Welt, er erkannte die Vaterschaft an. Wenig später geschah die Tat, er kam zunächst in Untersuchungshaft. Nach seiner Entlassung soll er vier Mal zu der Frau gegangen sein, um seine Tochter zu sehen. Sie rief stets die Polizei. Inzwischen gebe es eine Umgangsregelung, sagt sie.

Argwohn gegen „Mittellandleute“ geäußert

Die Mauer des Schweigens zu durchdringen gelang nur selten. Ein Onkel der Geschädigten hatte früher bei der Polizei angegeben, dass seine Nichte wohl Angst vor der Familie des Angeklagten habe und deshalb nicht Schluss mache. Er bestätigte es knapp – und sagte wenig später, dass er mit ihm nichts zu tun haben wolle und er Argwohn gegen „Mittellandleute“ hege, weil dort so viele Straftaten begangen würden.
Der Notarzt, der die Frau damals versorgte, bewertete zwei Stiche im Rückenbereich als kritisch. „Glück gehabt - so dosiert kann man nicht stechen“, notierte er in seinem Bericht, der Brustkorb wurde nicht verletzt. Als der Richter wenig später erfahren wollte, ob der Angeklagte und die Geschädigte verheiratet sind, sagte sie: 2020 hätten es sich die Familien versprochen, mündlich. Und ehrlich gesagt, wolle sie ihn immer noch heiraten: „Ich brauche aber noch Zeit.“

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