Volkstrauertag 2020: Auch im Havelland wird der Toten zweier Kriege und der Opfer von Gewaltherrschaft in aller Welt gedacht. In Nennhausen bei Rathenow steht Graf Egon von und zu Westerholt ganz oben auf der Liste derer, die im Ersten Weltkrieg (1914-1918) starben.
Die etwa 30 Namen sind bestens lesbar auf der Bronzetafel, die an einem Gefallenendenkmal angebracht ist. Die Auflistung beginnt mit dem ersten Kriegsopfer, Graf von und zu Westerholt. Er war zudem das prominenteste Opfer, das Nennhausen zu beklagen hatte. Obgleich Graf Egon von und zu Westerholt und Gysenberg eigentlich kein Dorfbewohner war. Sein Vater, Franz Egon, hatte 1911 Schloss und Gut Nennhausen für die Familie erworben, die in Westfalen verwurzelt war bzw. immer noch ist.

Angehöriger des 4. Kavallerie-Regiments

Eine Biografie des im Ersten Weltkrieg gefallenen Grafen gibt es nicht. Das Internet liefert aber ein paar Informationen. Demnach hatte der 1880 geborene Egon 1909 geheiratet. Eines seiner Kinder hieß wie er. Der Graf war Oberleutnant in der Reiterei. Er diente im 4. Kürassier-Regiment, dessen Beiname „Westfälisches“ lautete. Es war Teil der 13. Kavallerie-Brigade, die wiederum zur 9. Kavallerie-Division gehörte.
Das Regiment war bei Kriegsbeginn Anfang August 1914  am Überfall auf das neutrale Belgien beteiligt. Vom 23. bis 24. August tobte im Land die Schlacht von Mons, nach der sich die mit Belgiern und Franzosen verbündeten Briten nach Le Cateau in Nordfrankreich zurückgezogen hatten. Sie wurden von deutschen Armeeverbänden verfolgt, auch von der Kavallerie.

Schwer verwundet in der Schlacht von Le Cateau

In der Schlacht von Le Cateau erlitt Graf Egon von und zu Westerholt und Gysenberg einen Bauchschuss. Sein Lebensende findet kurz Erwähnung im britischen Buch „Le Cateau“ (Pen & Sword Books/2008) von Nigel Cave und Nick Sheldon.
Demnach war der Oberleutnant mit seinen Leuten in heftiges Feuer flüchtender Briten geraten. Nachdem er getroffen wurde, hatten ihn Kameraden in eine Mulde gezogen. Stundenlang lagen sie dort in Deckung. Letztlich wurde der schwer verwundete Offizier von vier Kürassieren heraus getragen.

Gestorben am 29. August 1914 in St. Quentin

Graf von und zu Westerholt und Gysenberg wurde später nach St. Quentin gebracht. Die Stadt wurde nach gleichnamiger Schlacht von deutschen Truppen erobert. Der Graf erlag dort am 29. August 1914 seiner Verwundung und wurde auf einem dortigen Friedhof neben einem Freiherrn von Weichs bestattet.
In welchem Verwandtschaftsverhältnis Graf Egon zu jenem Grafen Ferdinand  stand, der ebenso auf der Nennhausener Liste steht, ist unklar. Womöglich handelte es sich um einen Vetter. Über einen Bruder namens Ferdinand ist nichts bekannt.

Sohn erbte später Schloss und Gut Nennhausen

Schloss und Gut Nennhausen hat letztlich der 1910 geborene Sohn Egon geerbt. Der havelländische Besitz blieb der Familie bis 1945. Dann wurde sie enteignet. Derweil ist das westfälische Schloss Westerholt der Stammsitz geblieben. In die Immobilie hatte Graf Egon von und zu Westerholt und Gysenberg 1993 erheblich investiert.
Das zwischen Recklinghausen und Gelsenkirchen gelegene Schloss Westerholt verfügt nun über Hotel und Café-Restaurant. Im Schlosspark befindet sich eine Golf-Anlage. Indes hatte es für das Schloss Nennhausen zunächst nicht gut ausgesehen.

Auf Wiedererlangung des Besitzes verzichtet

Nach einem Dachstuhlbrand 1983 verfiel das Objekt zur Ruine, der Park verwilderte. Nach 1990 hatte der Graf gern auf Wiedererlangung des Besitzes verzichtet. Er starb 2002. Sein Enkel Carl Otto (Carlo) ist heute der Herr auf Schloss Westerholt. Die Sanierung des Schlosses in Nennhausen ist ein in den 1990-er Jahren begonnenes Werk des Ehepaars Benita und Alexander von Stechow, der im März 2020 im Alter von 81 Jahren verstorben ist.