Vor 75 Jahren
: Bagration: die vergessene Großoffensive im Osten

Am 22. Juni 1944 begann an der Ostfront die für die deutsche Wehrmacht verlustreichste Schlacht des Zweiten Weltkriegs.
Von
Hans-Jürgen Wodtke
Havelland
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  • Grafische Übersicht der Operation Bagration.

    Grafische Übersicht der Operation Bagration.

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  • Zerstörtes und aufgegebenes Kriegsgerät der deutschen 9. Armee nahe Babrujsk während der Operation Bagration, die am 22. Juni 1944 gestartet wurde.

    Zerstörtes und aufgegebenes Kriegsgerät der deutschen 9. Armee nahe Babrujsk während der Operation Bagration, die am 22. Juni 1944 gestartet wurde.

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Neben einigen wenigen deutschen und sowjetischen Frontberichten befasst sich der 3. Teil des sowjetischen Filmepos „Befreiung“, wenn auch wie bei amerikanischen Filmen, nicht immer ganz realitätsnah, ausführlich mit dieser gewaltigen und für den deutschen Aggressor folgenreichen Schlacht. Dabei wäre keine der beiden, ohne Zweifel kriegsendscheidenden Schlachten im Westen und Osten Europas, ohne die jeweils andere so erfolgreich gewesen. Darum hat, die von Stalin nach einem der erfolgreichsten russischen Generalen benannte Offensive Bagration, durchaus mehr Interesse verdient.

Am 6. Juni 1944 erschütterte die Meldung von der Invasion der Alliierten in der Normandie die Landser an der Ostfront. Wenn auch die Truppe im Osten in den ersten Tagen aussagefähige Informationen nur spärlich erreichte, war klar: Jetzt wird es für Deutschland sehr ernst. Nach dem Fall von Monte Cassino und dem Zurückweichen der Wehrmacht in Italien gab es nun die seit langem erwartete Front in Frankreich.

Als unmittelbare Folge der Fronteröffnung im Westen befürchtete die deutsche Heeresführung auch eine Offensive der Roten Armee im Osten. Doch die sowjetische Stawka tat erstaunlicherweise nichts Bemerkenswertes. Zumindest glaubte die deutsche Aufklärung das und legte mit ihrer Sorglosigkeit den Grundstein für die kommende Katastrophe an der Ostfront. Denn die deutsche Generalität erwartete die sowjetische Sommeroffensive im Bereich der Heeresgruppe Süd, in der Ukraine.

Der sowjetische Großangriff begann am 22. Juni 1944, genau drei Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion und rund zwei Wochen nach der Landung der Alliierten in der Normandie. Doch anders, als von den Deutschen erwartet, zielte der Vorstoß von drei sowjetischen Armeen gegen die Heeresgruppe Mitte in Weißrussland. Nur einige Tage später war der Wehrmachtsführung das operative Ziel der Roten Armee klar: über Witebsk und Bobruisk, von Norden und Süden, zwei mächtige Keile in Richtung Minsk voranzutreiben, um dann die deutsche 3. Panzerarmee und 9. Armee zu zerschlagen sowie die 4. Armee einzukesseln. Und das ging rasend schnell.

Die Hauptkräfte der deutschen 4. Armee, zu der auch mein Großvater Ernst Machholz gehörte, versuchten daraufhin, sich über den Fluss Beresina abzusetzen und gelangten dort immer wieder in sich neu bildende Kessel. Auf den Straßen und Wegen nach Westen herrschte unbeschreibliches Chaos. Auch die Bahngleise wurden im Rücken der Deutschen durch weißrussische Partisanen zu Beginn der Offensive systematisch zerstört. Über diese einstigen Verkehrsadern ließ sich somit kein Transport mehr abwickeln. Daher konnten die Deutschen keine nennenswerten Verstärkungen mehr an die Front bringen.

Bereits am 11. Juli 1944 gab die überwiegend eingekesselte und durch die zahllosen Kämpfe stark geschwächte 4. Armee offiziell den Widerstand gegen die sowjetische Übermacht auf.  Bis Ende Juli 1944, in nur fünf Wochen, hatte die Rote Armee die Reste der Heeresgruppe Mitte um bis zu 700 Kilometer in Richtung Westen vor sich hergetrieben. Bis zu 400.000 Wehrmachtsangehörige wurden in dieser kurzen Zeit getötet, verwundet oder gerieten in Gefangenschaft. Unglaublich viele Soldaten gelten noch heute als vermisst.

Auf sowjetischer Seite beliefen sich die Verluste auf 180.000 gefallene und vermisste und 590.000 verwundete Soldaten. Die deutsche 3. Panzerarmee sowie die deutsche 9. Armee und die 4. Armee wurden nach der mit großer materieller und personeller Überlegenheit des Gegners geführten blitzkriegartigen Großoperation für immer zerschlagen. Damit gilt die russische Sommeroffensive Bagration, aus Sicht der Deutschen, als die verlustreichste Schlacht aller deutschen Feldzüge.

Nur verhältnismäßig wenigen Soldaten der geschlagenen deutschen Armeen gelang es, sich allein oder in Gruppen nach Westen durchzuschlagen. Wie vielen der Marsch über hunderte von Kilometern durch die von der Roten Armee zurückeroberten oder von Partisanen kontrollierten Gebiete gelang, wird nie genau ermittelt werden können. Die aktuelle Geschichtsschreibung berichtet von 9.000 sogenannten Rückkämpfern, die sich bei den zurückverlegten deutschen Dienststellen zurückmeldeten. Unter Ihnen war auch mein Großvater.

Ihm und seinem Vorgesetzten war mit viel Glück und der Hilfe eines polnischen Bauern die wochenlange Flucht durch die endlosen weißrussischen Wälder und tückischen Sümpfe, ständig von Rotarmisten und Partisanen verfolgt, geglückt. Darüber war bereits am 7. Dezember 2014 unter dem Titel „Auf der Flucht durch die Wälder Weißrusslands“ in BRAWO zu lesen.

Die Operation Bagration war für die Rote Armee der Sowjetunion ein überwältigender Erfolg, der die anfangs gesteckten Ziele weit übertraf. Und schließlich waren es nur vier eilig herbeigeführte deutsche Panzerdivisionen, denen es unter gewaltigen Anstrengungen gelang, die sowjetische „Dampfwalze“ vor den Toren Warschaus, zum Stehen zu bringen. Die sowjetischen Verbände blieben nun siegreich, aber ausgebrannt und abgekämpft vor den Toren der Weichselmetropole liegen, in der seit dem 1. August 1944 die polnische Heimatarmee gegen die deutschen Besatzer, von Stalin alleingelassen, einen ungleichen Kampf kämpfte.

Noch einmal konnte der totale Zusammenbruch der Ostfront und damit der Einmarsch der Roten Armee nach Ostpreußen verhindert werden. Zu diesem Zeitpunkt verlief die Front von den Karpaten im Süden, vorbei am Rand der ungarischen Tiefebene, durch Südpolen, entlang der Weichsel, bis nach Warschau und von dort in einer geraden Linie an Ostpreußens Grenze vorbei und Litauen teilend bis zum lettischen Riga im Norden. Eine Frontlage, die für die Zukunft der Menschen im Deutschen Reich Schlimmes befürchten ließ.