Vor 95 Jahren
: Verheerender Waldbrand im Elb-Havel-Winkel

Vor 95 Jahren zwischen Rathenow und Stendal: Hunderte kämpften gegen eine schier übermächtige Feuerwand. Auslöser der Katastrophe war eine achtlos ausgeklopfte Tabakspfeife.
Von
Hans-Jürgen Wodtke
Rathenow
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Reichswehr bei der Brandsicherung nach dem verheerenden Waldbrand zwischen Steckelsdorf und Klietz im Jahre 1925.

Archiv Bleis

Die Meldung vom Ausbruch eines Waldbrandes zwischen Ebelgünde und Grütz ließ die Menschen im betroffenen Gebiet so schnell als möglich zum Brandherd eilen. Vereint versuchte man mit den damals zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln, die weitere Ausbreitung des Brandes zu verhindern. Doch der böige Ostwind jagte das Feuer in nordwestlicher Richtung im breiten Streifen dahin.

„Selbst die Chaussee [nach Schollene] wurde infolge Wipfelbrandes und heftigen Funkenfluges ohne Aufenthalt vom Feuer überschritten. Eilig wurde weitere Hilfe von außerhalb herangerufen. Schon bald trafen Feuerwehren, auch Reichswehr aus Rathenow, Stendal, Potsdam, Spandau und Schutzpolizei aus Brandenburg und Rathenow zur Brandbekämpfung ein. Alles, was von Rathenow herkam, wurde von Steckelsdorf aus rechts und links des Brandherdes eingesetzt, um Seitenfeuer zu verhindern. Alles, was von Stendal herkam, versuchte bei den am meisten gefährdeten Orten Klietz und Hohengöhrener Damm dem Feuer Einhalt zu bieten. In aller Eile wurden Waldstreifen geschlagen, Gräben ausgeworfen und Landstreifen gegen die Ausbreitung des Bodenfeuers gepflügt.“

Obwohl die Brandbekämpfer in der Nacht und am folgenden Tag Unmenschliches leisteten, gelang es ihnen nicht, das vom Ostwind unentwegt angetriebene Feuer auf seiner rasenden und alles vernichtenden Fahrt zu stoppen. Damalige Zeitzeugen sprechen von Ausbreitungsgeschwindigkeiten von 500 bis 600 Meter in der Minute.

Dazu schienen die ungeheure Hitze und die dichten Rauchwolken jegliche Abwehrarbeiten ins Leere laufen zu lassen. Resigniert mussten die sich dem Feuer tapfer in den Weg stellenden Feuerwehrleute, Truppen und freiwilligen Helfer immer wieder vor den anrückenden Flammen fliehen.

In Klietz räumten bereits die Bewohner am Rande der Heide ihre Häuser, und die Bewohner des Hohhengöhrener Damms flüchteten mit ihrem Vieh und wichtigsten Hab und Gut auf die dem Ort vorgelagerten Wiesen. Da drehte der bis dahin das Feuer immer wieder anpeitschende Wind, für alle erlösend, gegen 17.00 Uhr auf Nordost.

Diese Laune der Natur brachte das Feuer nicht nur zum Stehen, sondern ließ es rasch an seiner einstigen verherenden Kraft einbüßen. Die Gefahr war für Mensch und Natur endlich gebannt.

Einen Toten und mehrere an Brandwunden Verletzte sowie Rauchgasvergiftete hatte das Feuer gefordert. Insgesamt waren 2.159 Hektar wertvollen Waldbestands Raub der Flammen geworden. Damit zeichnete sich schnell ein für die Waldbauern hoher wirtschaftlicher Schaden und damit finanzieller Ruin so mancher Betroffener ab. Doch griff, wie dem Heimatkalender für den Kreis Jerichow II von 1927 zu entnehmen ist, hier schnell der durchaus damals wirtschaftlich gebeutelte Staat mit einem bisher beispiellosen Hilfs- und Konjunkturprogramm ein. Der verkohlte Wald zwischen Steckelsdorf und Klietz wurde nun zu einem der wichtigsten Arbeitsbeschaffungsprogramme der jungen Weimarer Republik.

„Der alte Mann“, heißt es weiter im Heimatkalender, „der sich schuldig bekannte, durch die achtlos ausgeklopfte Pfeife seinen Mitmenschen einen so schweren Schaden zugefügt zu haben, musste zur Strafe für diesen schlimmen Leichtsinn auf ein paar Monate ins Gefängnis.“