Was verbindet wohl den im Elb-Havel-Winkel geborenen Otto Fürst von Bismarck und den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika?  Die Karrieren von Joe Biden und Bismarck stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit Wahlmännern. Im westhavelländischen Rathenow standen solche Leute am Anfang der Politkarriere des späteren deutschen Reichskanzlers.

Wahlmänner alle vier Jahre in den Hauptnachrichtensendungen

Von Wahlmännern ist in Deutschland nur noch  alle vier Jahre zu hören. Sie schaffen es jeweils ab November sogar in die Hauptnachrichtensendungen und Politikmagazine. Dann geht es aber immer um die Präsidentenwahl in den USA. Bei uns  gibt es schon lange keine Wahlmänner mehr. Sie wurden vor rund 100 Jahren abgeschafft.
An der Wiege der politischen Karriere des späteren Reichskanzlers Otto Fürst von Bismarck (1815-1898) hatten Wahlmänner aus Rathenow gestanden. Im hiesigen Wahlkreis Westhavelland hatte sich der damalige Deichhauptmann im Juli 1849 um ein Mandat im Preußischen Landtag beworben.

Drei-Klassen-Wahlrecht 1918 abgeschafft

Zu jener Zeit galt in Preußen ein ungleiches und indirektes Wahlrecht, das so genannte Drei-Klassen-Wahlrecht. Der ersten Klasse gehörten Bürger mit sehr hohem Steueraufkommen an, insbesondere Großgrundbesitzer und Adelige. In der zweiten Klasse waren Bürger mit mittlerem Steueraufkommen, wie Kaufleute, eingestuft. Alle anderen Wahlberechtigten, das waren Männer ab vollendetem 24. Lebensjahr, befanden sich in der dritten Klasse. Während der Wähleranteil in der dritten Klasse 83 Prozent betrug, waren es in Klasse eins nur vier Prozent.
Das hatte zur Folge, dass die Stimme elitärer Angehöriger der ersten Klasse das etwa 17,5-fache Gewicht hatte. Außerdem wurden die Abgeordneten nicht direkt vom Volk gewählt, sondern indirekt über Wahlmänner. Dieses aus heutiger Sicht ungerechte Wahlrecht wurde im November 1918 nach dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs außer Kraft gesetzt.

Mindestens 270 Wahlleute benötigt für US-Präsidentschaft

In den USA hingegen sind Wahlmänner – besser gesagt – Wahlleute auch heute noch zentraler Bestandteil des Wahlrechts. Als Präsident ist gewählt, wer mindestens 270 der aktuell insgesamt 538 Wahlleute auf sich vereinigen kann.
Je nach Einwohnerzahl verfügen die 50 US-Bundesstaaten zwischen drei und 55 Wahlmännerstimmen. So stellt etwa der einwohnerärmste Bundesstaat Wyoming aus dem mittleren Westen der USA drei Wahlleute, während aus dem Sonnenstaat Kalifornien 55 Wahlleute in das „Electoral College“ entsandt werden. Dieses Wahlleute-Gremium wird am 14. Dezember seine Stimmen in geheimer Wahl abgeben.

Wählerstimmen in den einzelnen Bundesstaaten unterschiedlich gewichtet

Dabei sind die Wahlmänner- und frauen aufgerufen, ihre Stimmen den Kandidaten zu geben, der in ihrem Bundesstaat die Mehrheit der Wählerstimmen erhalten hat. Absolut bindend ist diese Verpflichtung allerdings nicht. In der US-Geschichte kam es immer wieder vor, dass einzelne Wahlmänner sich nicht an diese Verpflichtung gehalten haben.
Aber nicht nur diese Besonderheit des amerikanischen Wahlrechts ist mit unserem Demokratieverständnis in Deutschland nur schwerlich in Einklang zu bringen. Auch die Tatsache, dass die Wählerstimmen in den einzelnen Bundesstaaten unterschiedlich gewichtet sind, wirkt auf uns befremdlich. In Wyoming beispielsweise reichten aktuell 187.875 Wählerstimmen für eine Wahlperson, in Kalifornien ist das Verhältnis 677.345 zu 1. Damit bevorteilt das amerikanische Wahlrecht tendenziell die Wähler in dünn besiedelten, ländlich geprägten Bundesstaaten.

Gesamtstimmenanzahl nicht wahlentscheidend

Auch die Gesamtstimmenanzahl eines Präsidentschaftskandidaten sagt nichts über den Wahlerfolg aus. So gewann der Republikaner Donald Trump im Jahr 2016 die Präsidentschaftswahl mit 304 zu 227 Wahlmännerstimmen. Seine Kontrahentin Hillary Clinton von den Demokraten lag allerdings bei der absoluten Zahl der Wählerstimmen mit 65,8 Millionen zu 62,9 Millionen deutlich vorn. Übrigens gehört Hillary Clinton diesmal zu den Wahlleuten aus dem Staat New York. Auf ihre Stimme kann Parteifreund Joe Biden sicher ganz gewiss setzen, wie Otto von Bismarck auf die Mehrheit der Wahlmännerstimmen aus dem Westhavelland vor nunmehr 151 Jahren.

Amtseinführung am 20. Januar

Wieviele Wahlmännerstimmen Biden tatsächlich erhält, steht erst am 6. Januar komnmenden Jahres fest. Erst dann erfolgt die öffentliche Auszählung im Repräsentantenhaus. Die Amtseinführung des neu gewählten US-Präsidenten findet seit den 1930-er Jahren traditionell am 20. Januar statt.