Wie bei Dark und Interstellar?
: Zeitreisender Mönch von Heisterbach

Der Mönch von Heisterbach mutet an wie ein Zeitreisender. Ob Markgraf Waldemar von Brandenburg ein Weltenreisender gewesen sein könnte, ist auch eine Überlegung wert.
Von
René Wernitz
Rathenow
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  • Ansichtskarte mit der von Wolfgang Müller im 19. Jahrhundert zum Gedicht gereimten Sage vom "Mönch von Heisterbach". Der Mann Gottes ging nur kurz in einen nahen Wald. Bei seiner Rückkehr waren 300 Jahre vergangen.

    Ansichtskarte mit der von Wolfgang Müller im 19. Jahrhundert zum Gedicht gereimten Sage vom "Mönch von Heisterbach". Der Mann Gottes ging nur kurz in einen nahen Wald. Bei seiner Rückkehr waren 300 Jahre vergangen.

    Sammlung Wernitz
  • Die Waldemarstraße in Rathenow ist benannt nach jenem brandenburgischen Markgrafen, der 1319 starb. 29 Jahre nach seinem Tod tauchte ein Mann auf, der als der "falsche Waldemar" Geschichte schrieb. Er hatte angegeben, dass er gar nicht gestoren war, sondern sich auf langer Pilgerreise befand. Man glaubte ihm zunächst und machte ihn zum Markgrafen.

    Die Waldemarstraße in Rathenow ist benannt nach jenem brandenburgischen Markgrafen, der 1319 starb. 29 Jahre nach seinem Tod tauchte ein Mann auf, der als der "falsche Waldemar" Geschichte schrieb. Er hatte angegeben, dass er gar nicht gestoren war, sondern sich auf langer Pilgerreise befand. Man glaubte ihm zunächst und machte ihn zum Markgrafen.

    Rene Wernitz
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Bestens geeignet ist Nolans Sci–Fi–Beitrag „Interstellar“ (2014). Hier geht die Reise auch durch extrem massereiche Schwarze  Löcher. Die Protagonisten erleben teils am eigenen Leib oder in ihrem Umfeld, wie sich manche der von Albert Einstein (1879—1955) formulierten Relativitätstheorien bewahrheiten. Raumfahrer Cooper altert praktisch gar nicht, während seine auf der Erde zurück gebliebene Teenie–Tochter Murphy letztlich eine Greisin ist. Er reist also in die Zukunft!

Wer sich über den von Physikern durchaus positiv aufgenommenen Film hinaus mit Einsteins Gedankenwelt befasst, stößt beinah unausweichlich auf ein Zitat. Im Brief an Hinterbliebene seines Freundes Michele Bresso (1873—1955) schrieb Einstein: „Nun ist er mir auch mit dem Abschied von dieser sonderbaren Welt ein wenig vorausgegangen. Das bedeutet nichts. Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer, wenn auch hartnäckigen, Illusion.“

Wenige Wochen später war Einstein ebenfalls gestorben. Was er mit der Illusion konkret meinte, ist unklar. Indes basiert die deutsche Netflix–Produktion „Dark“ im Grunde auf eben jenem Zitat.

Die jüngste von drei Staffeln wurde erst Ende Juni 2020 veröffentlicht. Die erste ist seit Dezember 2017 verfügbar. Es empfiehlt sich, die Staffeln am Stück zu konsumieren bzw. vor der dritten nochmals die ersten beiden zu schauen. Denn das Hin und Her und die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Zeitebenen fordern den interessierten Zuschauer enorm.

Ging es zunächst noch um die Gleichzeitigkeit von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem und mögliche Verstrickungen, tritt in der dritten Staffel die gleichzeitige Existenz verschiedener individueller Daseinsformen in den Mittelpunkt. Auch hier bedingt sich vieles gegenseitig. Mitunter begegnet ein Handlungsträger sogar seinem Pendant in einer der Parallelwelten.

Wer da so über die Phänomene der Zeit und in der Theorie bestehende Multiversen grübelt, fragt sich womöglich, ob Zeit– bzw. Weltenreisende tatsächlich unter uns sind oder waren. Bislang dominieren sogenannte Prä-Astronautiker wie Erich von Däniken, wenn es darum geht, alternative Erklärungsansätze für wahre Zivilisationssprünge zu finden. Diese Leute meinen, Außerirdische hätten etwa Steinzeitmenschen auf verschiedene bahnbrechende und wegweisende Ideen gebracht. Alternativ könnten es nun durchaus auch besserwissende Zeit– und Weltenreisende gewesen sein.

Die Geschichte gibt nicht viel Konkretes her, was Kontakte zwischen verschiedenen Welten anbelangt. Ein Kuriosum der hiesigen Mittelaltergeschichte taugt zumindest als Verdachtsfall. Denn ein brandenburgischer Markgraf namens Waldemar herrschte zwei Mal. Die erste Version starb 1319, die zweite im Jahr 1356. Der erste Waldemar wurde standesgemäß im Kloster Chorin bestattet, der andere letztlich in Dessau.

Das Auftauchen des zweiten Waldemars hatte für reichlich Wirbel gesorgt. 1348 war er beim Erzbischof von Magdeburg vorstellig geworden, dem er wohl oder übel eine halbwegs taugliche Geschichte präsentieren musste. Mal angenommen, jener Waldemar stammte tatsächlich aus einer Parallelwelt, dann hätte er dort erheblich länger gelebt als sein Pendant auf unserem Zeitstrahl. Wäre er 1348 irgendwie in unsere Welt gestolpert, hätte ihn das sicher sehr verwirrt. Eine hochkomplexe Viele–Welten–Story hätte er schon aus Unwissenheit niemandem auftischen können. Waldemar berichtete letztlich, dass er sich in den zurückliegenden fast 30 Jahren  auf Pilgerreise befand — das Grab in Chorin war offenbar ein Fake.

In der Folge erhielt Waldemar vom König sogar die Markgrafschaft Brandenburg zurück. Nicht sein ganzes Land, wohl aber ein großer Teil — darunter das Havelland — huldigte gern dem vermeintlich zurückgekehrten Markgrafen. Ein paar Jahre später hieß es auch seitens des Königs, Waldemar sei ein Betrüger. Die letzten, die zu ihm hielten, waren die Alt– und Neustadt Brandenburg, beide entband Waldemar  per 1355 ausgestellter Urkunde vom Huldigungseid.

Dass der Markgraf ein Betrüger war, wurde im 19. Jahrhundert in Band 40 der Allgemeinen Deutschen Biographie abgeschwächt. Darin wird die Wahrscheinlichkeit dargelegt, dass „wir in ihm nicht einen Betrüger, sondern einen in gutem Glauben handelnden Irrsinnigen zu erblicken haben, dessen fixe Idee von anderen zu politischen Zwecken ausgenutzt wurde.“

Ganz anders gelagert ist die Geschichte des Mönchs von Heisterbach (Siebengebirge/Nordrhein–Westfalen). Die Sage, die sich um ihn rankt, war schon Jahrzehnte vor Einsteins Relativitätstheorien im Umlauf. Wolfgang Müller (1816—1873) aus dem nahen Königswinter hatte dazu ein Gedicht gereimt. Demnach grübelte der mittelalterliche Mönch, während er vom Kloster aus in einen nahen Wald spazierte, über die biblischen Angaben, wonach 1.000 Menschen–Jahre vor Gott nur ein Tag seien. Als er wenig später zurück ins Kloster kam, von dem heute nur eine Ruine existiert, waren dort 300 Jahre vergangen. Der Mann war demnach in die Zukunft gelangt. Im Gedicht heißt es: „Man nimmt das alte Klosterbuch zur Hand, da wird ein großes Gotteswunder klar: Er ist’s, der drei Jahrhunderte verschwand.“

Sci–Fi–Filmregisseure würden bei Verfilmung der Sage wohl eine heftige Gravitationsanomalie im Wald bei Heisterbach zu Grunde legen. In der Netflix–Produktion „Dark“ ist es ein Tunnelsystem im Wald, das Zeitreisen unter dem Schwerkraft–Einfluss eines dortigen Schwarzen Lochs ermöglicht.