Seit dem Wochenende weiß die Welt um einen neuen Raketentyp, der den russischen Streitkräften zur Verfügung steht und den sie bei ihrem Krieg mit der Ukraine zum Einsatz brachten. Die „Kinschal“ genannte Rakete soll eine Reichweite von 2.000 Kilometer haben und Ziele mit bis zu zehnfacher Schallgeschwindigkeit ansteuern. Jetzt erst recht drängt sich die Frage nach dem Zivilschutz im Havelland auf. Gibt es überhaupt noch ausreichend Sirenen, die vor Gefahr warnen würden?

Dezernatsleiter Michael Koch verweist auf MoWaS, kein eigener Signalton bei militärischer Gefahr

Der Bevölkerungsschutz ist in der havelländischen Kreisverwaltung im Dezernat III angesiedelt, das Michael Koch leitet. Auf die Frage hin, ob es ein Vorwarnsystem gibt, verweist er auf das Modulare Warnsystem des Bundes und der Länder (MoWaS). Dieses sei das zentrale Instrument für die Warnung und Information der Bevölkerung beim Eintritt möglicher Schadensszenarien, die ihre Ursache im Bereich des Katastrophen- oder auch des Zivilschutzes haben. Auslösebefugt seien in erster Linie die Integrierten Regionalleitstellen (IRLS). Im Koordinierungszentrum Krisenmanagement der Landesregierung (KKM) im brandenburgischen Ministerium des Innern und für Kommunales (MIK) sei ebenso ein MoWaS-Vollsystem verbaut, so Koch. Auch von dort aus könnten Warnmeldungen ausgegeben werden. Dabei sind die Warn-Apps KATWARN und NINA zwei wichtige Multiplikatoren. Weitere Bausteine im Rahmen der Warnung der Bevölkerung sind die angeschlossenen Radio- und Fernsehsender.
Apropos Warnung der Bevölkerung: Wohl nur die wenigsten Leute dürften überhaupt den entsprechenden Sirenenton kennen. Auf Youtube im Internet gibt es Hörproben. Es handelt sich um einen einminütigen auf- und abschwellenden Heulton. Michael Koch sagt, dass es für militärische Handlungen keine Sirenensignale gebe. In einem solchen Fall würde das Signal für den Katastrophenfall verwendet werden, also der auf- und abschwellende Heulton.

„Sonderförderprogramm Sirenen“ des Bundes, Rathenow erhält Fördermittel

Der Dezernent verweist auf das 2021 aufgelegte bundesdeutsche „Sonderförderprogramm Sirenen“ mit einem Gesamtvolumen von fast 90 Millionen Euro. Wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf seiner Internetseite www.bbk.bund.de informiert, werden der Neubau von Sirenen sowie die Ausstattung bestehender Anlagen mit neuen Ansteuerungsgeräten gefördert. Ziel sei es, die Verfügbarkeit des Warnmittels in der Fläche und für den Zivilschutz zu erhöhen. Verantwortlich für Betrieb und Ausbau sind die Gemeinden, die demnach auch die Fördermittel beim jeweiligen Land beantragen müssen. Alle Infos zur Antragstellung in Brandenburg gibt es auf der Internetseite des Ministeriums des Innern und für Kommunales (mik.brandenburg.de). Das Programm läuft allerdings nur noch bis Ende 2022.
Etwa 100 funktionstüchtige Sirenen soll es im Landkreis Havelland geben, allein elf in Rathenow. Fünf Sirenen befinden sich in der Kernstadt, zwei in Steckelsdorf und je eine in Semlin, Böhne, Göttlin und Grütz. Auch die Kreisstadt hat Fördermittel für Neuanschaffung und Modernisierung beantragt. Ein Fördermittelbescheid über 52.000 Euro liegt seit Mitte Februar 2022 vor, so Verwaltungssprecherin Anne Kießling auf Anfrage. Gegenwärtig werde die Ausschreibung vorbereitet.

Zivil- und Katastrophenschutz im Schulunterricht?

Und was sagt Michael Koch dazu, ob Zivilschutz wieder Teil des Unterrichts sein sollte? „Es gibt viele Situationen, in denen sich die Betroffenen durch einfache Vorkehrungen zunächst eigenständig versorgen können. Damit verschaffen sie den Einsatzkräften und Behörden etwas Zeit, sich um die Schadensursache zu kümmern und eine weitere Ausdehnung zu verhindern. Eine frühzeitige Sensibilisierung und das Vermitteln von Verhaltensregeln ist daher wichtig, um in Krisen- und Katastrophenfällen die richtigen Maßnahmen einzuleiten“, so Koch. Dabei gehe es nicht nur um Fragen des Zivilschutzes. Langanhaltende Stromausfälle, Störungen der Versorgungsinfrastruktur oder Hochwasserereignisse sind ebenfalls mögliche Szenarien, bei denen die Einhaltung entsprechender Handlungsempfehlungen den weiteren Verlauf der Lage maßgeblich beeinflussen. Der Landkreis Havelland würde daher eine Ausweitung des Schulunterrichts um die Belange des Zivil- und Katastrophenschutzes begrüßen, so Koch.
Indessen hat der Landkreis schon 2019 zwei Stellen „Sachbearbeiter Blaulichtorganisationen“ geschaffen. Beide Mitarbeiter führen in Kitas und Grundschulen Unterrichtseinheiten durch, in denen sie theoretisch und praktisch Kenntnisse im Umgang mit Gefahrensituationen vermitteln. Dem Dezernat III ist das Referat für Brand-/Bevölkerungsschutz angesiedelt. In diesem ist Sebastian Lodwig, laut Angaben auf www.havelland.de, der Ansprechpartner in Sachen „Zivile Verteidigung, Zivil- und Bevölkerungsschutz“.