Abschied
: Legende der Marienkirche Angermünde geht

Kantor Rainer Rafalsky war lange die Muse der Barockorgel in der Angermünder Marienkirche. Jetzt geht er.
Von
Daniela Windolff
Angermünde
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Musik im Herzen: Kantor Rainer Rafalsky hauchte der barocken Wagnerorgel in der Angermünde Marienkirche sechs Jahre lang seine eigene Seele ein. Jetzt nimmt er Abschied.

Daniela Windolff/MOZ

Der hochgewachsene, drahtige Rainer Rafalsky ist jedoch auch der Mann, der eine Liaison mit einer Königin genießt, der die berühmte Barockorgel in der Angermünder Marienkirche jubeln lässt, die Königin der Instrumente. Ihr ist Mode egal. Sie bleibt dem Ebenholz, dem Elfenbein, dem Zinn und den pausbäckigen Engeln am Firmament ihres Antlitzes treu. Sie pfeift auf modischen Schnickschnack und das klanghaftig aus 2000 Röhren. Seit mehr als 250 Jahren.

Rainer Rafalsky durfte sie kennenlernen, durfte diese Königin berühren, befühlen, bespielen und ihr dabei mehr und mehr in die Seele schauen, ihren Geist spüren und sie verführen. Auf seine eigene Weise.

Seit 2013 ist er Kantor in der Angermünder Mariengemeinde, also ein Musiker, der in der Kirche für die Kirche musiziert, vornehmlich zu Gottesdiensten und christlichen Feiertagen. Und wenn er mag und sein Arbeitgeber es ermöglicht, auch darüber hinaus für öffentliche Konzerte und Projekte. Und Rainer Rafalsky mochte Konzerte, Projekte, Experimente. Vielleicht ist das so ein Kantorendrang. Sie wollen raus mit ihrer Musik, mit dem Orgelklang, der viel zu mächtig nur für eine Kirche allein erscheint. Sie wollen Gehör. Da unterscheidet sich Rafalsky wenig von seinen berühmten Berufskollegen der Geschichte, auch wenn es ihm womöglich peinlich wäre, verglichen zu  werden.

Wortkarger Rheinländer

Rainer Rafalsky ist kein Mensch für viel Tamtam um seine Person. Er selbst bezeichnete sich immer als wortkarg, obwohl er gebürtiger Rheinländer ist. Sein lustiges Augenblinzeln beweist es.

Mental fühlt er norddeutsch, lebte viele Jahre in Nordfriesland und jetzt, irgendwie ähnlich, in der Uckermark. Karneval war nie sein Ding, obwohl er in Düsseldorf aufwuchs, gesteht er. Die rheinländische Lebenslust schon. „Ich bin mit Musik groß geworden. Mein Vater war Hobbyorganist, jeder in unserer Familie spielte ein Instrument, zu Weihnachten machten wir  Hausmusik“, erzählt Rainer Rafalsky. Er machte einen Beruf daraus.

„Meine Eltern waren nicht reich.“ Die Mutter kam von einem Bauernhof im Hunsrück. Der Vater war selbstständiger Werkzeugmacher in Düsseldorf mit einem kleinen Schlüsseldienst und Wurzeln in Danzig. „Mein Vater unterstützte mich dennoch immer in meiner Liebe zur Musik“, erinnert sich Rainer Rafalsky. „Musik  ist eine Leidenschaft, die er ja selbst spürte."  Der  Vater hatte sich als Soldat im Krieg mit dem Akkordeon seinen Lebensmut bewahrt und den vieler seiner Kameraden sicher auch. Nach dem Krieg erspielte er sich in Kneipen ein Taschengeld zum Überleben. Seine Botschaft an den Sohn: Gerade in schwierigen Zeiten wird Musik gebraucht!

Also folgte der Sohn seinem Herzen und dem Credo des Vaters, studierte Musik und sorgte vor für schwierige Zeiten. Rainer Rafalsky studierte in Düsseldorf und München, ging auf mehrere Akademien, spezialisierte sich auf  Kirchenmusik und Alte Musik, Rhythmus, Musikpädagogik und liebt Jazz. Er  spielt nicht nur Klavier und Orgel, sondern auch Kontrabass, Saxophon und Akkordeon. Er war in Berlin, in München, Bremen und lange Zeit in Nordfriesland aktiv.

Dort hat er zwei Jahrzehnte lang als Kreiskantor versucht, in der kargen, rauen Gegend ein musikalisches Gemeindeleben erblühen zu lassen. Land und Leute an der Nordsee haben ihn geprägt.  "Nordfriesland war immer eine ärmliche Gegend, es gibt dort kaum historische Orgeln“, erzählt er. Da hat er als Kantor eben Akkordeon in der Kirche gespielt. Hauptsache Musik. In Nordfriesland hat er das Projekt „Singen tut gut“ zur Singförderung auf dem Lande ins Leben gerufen, hat musikalische Kinder– und Jugendfreizeiten organisiert und Chöre geleitet. „Ich konnte viele eigene Projekte aufbauen und hatte das erfüllende Gefühl,  wirklich etwas zu bewegen, nur mit Musik“, erinnert er sich dankbar.

Verliebt in die Wagnerorgel

Als in Angermünde ein neuer Kantor gesucht wurde, witterte der Hobbyskipper eine Brise, die neuen Wind in sein Leben bringen könnte. Er arbeitete inzwischen in der Großstadt Berlin als Krankenvertretung und hörte von der freien Kantorenstelle in der Uckermark. „Wenn man in Berlin wohnt, kennt man die Uckermark, aber von der berühmten Wagnerorgel in der Angermünder Marienkirche hatte ich bis dahin nichts gehört. Ich war mit dem Fahrrad auf dem Radweg Berlin–Usedom unterwegs und habe ganz spontan in Angermünde Halt gemacht, um mir diese Orgel anzuschauen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich war fasziniert!“ erinnert sich Rainer Rafalsky.

Seine Erfahrungen mit Musik auf dem Lande in Nordfriesland machten ihm Mut, auch hier in der ländlich–spröden Uckermark Fuß zu fassen,. Die Lust auf prächtige Orgeln, die es in Nordfriesland gar nicht gab, machten ihn neugierig, mit Mitte fünfzig einen Neuanfang zu starten.

Unbekümmert und sturmerfahren legte er los und setzte seine Segel auf volle Fahrt voraus. Ein lebendiges Konzertleben in der Marienkirche hatte bereits sein Vorgänger Dieter Glös mit dem Angermünder Orgelsommer ins Leben gerufen und damit  die Wagnerorgel in Berufskreisen bekannter gemacht. Rainer Rafalsky ließ das Konzertleben wieder aufblühen und lud nicht nur Organisten ein, sondern Musiker aller Couleur, die mit ihm die Orgel neu und auch modern interpretierten, mit Jazzrhythmen, mit Schlagzeug, mit Saxophon, mit Bläsern.

Und er brachte auch frischen Wind in das musikalische Gemeindeleben. Er gründete einen Gemeindechor, einen Bläserchor, baute einen Flüchtlingschor auf, startete ein waghalsiges Ein–Jahres–Projekt, um mit Laien eine anspruchsvolle Bachkantate einzustudieren und aufzuführen, organisierte Orgelreisen,  Bach–und–Bike–Radtouren sowie gemeinsam mit der Stadt die Wandelkonzerte. Er organisierte  Gospel–Workshops für Jedermann, Konzerte zum Mitsingen und gestaltete gemeinsam mit der Uckermärkischen Musik– und Kunstschule ein großes Friedenskonzert in der Marienkirche, das überwältigend schön und für Angermünde bisher einzigartig war. Und als der Chorleiter der Angermünder Stadtsänger, Siegfried Soldan, erkrankte, übernahm er auch dessen Vertretung. In der Corona–Zeit musizierte er gemeinsam mit seiner Partnerin Ulrike Fritz – neben der Orgel die andere große Liebe, die er in der Uckermark fand – auf dem Balkon seiner Wohnung. Einfach so. Jeden Abend, 50  Tage lang für all die Menschen, die zuhören wollten, als ein Zeichen der Verbundenheit und der Hoffnung. Musik hilft durch schwierigste Zeiten. Rainer Rafalsky hat es bewiesen.

Doch seine Kreativität und Lust, gemeinsam mit und für Menschen hier vor Ort etwas zu gestalten, wurde immer wieder gebremst. „Die jahrelangen massiven Personalprobleme in der Kirchengemeinde machten sich natürlich auch in meiner Arbeit bemerkbar. Ich musste mich um so viel Organisatorisches und Bürokratie kümmern, musste alles allein machen, von der Organisation der Konzerte, über Werbung bis zur Technik, Betreuung der Gastkünstler und sogar Saubermachen nach dem Konzert, sodass ich kaum Ruhe fand für meine Aufbauarbeit oder neue künstlerische Projekte. Und Musik, das Proben, das zieht auch Kraft“, erzählt Rainer Rafalsky.

Flaute im Ehrenamt

Zunehmend spürt er auch Gegenwind und Flaute im Engagement der Menschen, entdeckt tiefe Gräben. „Angermünde hat diese riesengroße wunderschöne Kirche mit einer einmaligen Orgel, die weit über die Landesgrenzen bekannt ist. Aber ihr Potenzial wird gar nicht ausgeschöpft, weil die Gemeinde aber auch die Stadt damit allein überfordert sind“, vermutet der Kantor.

Er vermisst bei vielen seiner Mitmenschen Interesse und Neugier für das, was andere tun. Er vermisst die Frage: Was bewegt dich? Ihn hat das immer interessiert, egal ob oder woran jemand glaubt. Mit seiner Musik, mit seinen Projekten wollte er Menschen zusammenbringen, unabhängig ihrer Konfession, ihrer Herkunft, ihres Alters, ihres Vermögens. Er wollte mit ihnen singen, in der Überzeugung, dass das jeder kann und es jedem gut tut. Er wollte ihnen die Schönheit der Kirchen als Kulturgut nahe bringen und sieht gerade sie als Orte der Begegnung, der Besinnung, des Krafttankens, gerade mit Musik, gerade in schweren Zeiten.

Er setzt die Segel neu

Doch ihm fehlt inzwischen selbst die Kraft, sich zwischen Visionen und Realität aufzureiben, gegen den Strom, gegen den Wind. Der 63–Jährige setzt die Segel neu und kehrt zurück nach Norddeutschland, wo seine Kinder leben. Seine Freundin wird ihm später nachfolgen. „Ich war ja nie wirklich sesshaft. Das Umziehen gehört zu meinem Leben“, bleibt Rainer Rafalksy gelassen. „Im Ruhestand nehme ich mir den Freiraum, das zu tun, was mir Spaß macht. Vielleicht werde ich sogar wieder in einer Band spielen. Und segeln“, erzählt rheinländische Seebär. Den Sommer verbringt er auf seinem Boot und hat Zeit zum Nachdenken, Pläne schmieden und sich treiben lassen im Wind.

„Ich wünsche mir, dass  Kirche und Stadt für diese wunderschöne Marienkirche noch enger zusammenarbeiten und die Angermünder wertschätzen, welchen Schatz sie hier haben“, hofft  Rainer Rafalsky. Vielleicht kommt er noch mal wieder zu einem Rendezvous mit der Königin, zwinkert er verschmitzt. Denn er hat in Angermünde auch viele Freunde gefunden. Und die haben ihm zum Abschied ein besonderes Geschenk gemacht: ein Konzert für und mit Rainer Rafalksy. Ein musikalisches Aufwiedersehen. Dafür hat sich der Kantor zu seinem letzten großen Auftritt als Kantor in Schale geworfen: Hemd statt Fischerpullover. Damit ist’s genug. Vor der barocken Schönheit der Königin übt er Demut und huldigt ihr nicht durch Krawatten, sondern Können. Und so blieb er der stille große Mann wie immer eher im Hintergrund  und ließ die anderen reden. Er sagt mit Musik, was ihm schwerfällt: Ahoi.