In Deutschland sind 13 Millionen Menschen von Armut betroffen. Auch in Schwedt gibt es Einwohner, die am Rande des Existenzminimums leben. Sie haben in der Schutzhütte mit der Schwedter Tafel eine Anlaufstelle, die für sie lebenswichtig ist. Sie versorgen sich dort unter anderem mit Lebensmitteln, die aus Spenden großer Märkte in der Schutzhütte eintreffen.

Arbeit mit Maske und Plexiglas

In diesen Tagen geht es in den beiden Parterrewohnungen der Felchower Straße 18 und 24 nach strengen Regeln zu. Einige ehrenamtliche Mitarbeiter, die den Alltag der Schutzhütte sichern helfen, sind coronapositiv getestet worden.
„Wir arbeiten mit Maske und Plexiglasschutz und haben eine ganz strenge Einteilung der Mitarbeiter in Schichten. Dadurch mussten wir nie mehr als zwei Leute in Quarantäne schicken. Die Krankheit breitet sich hier nicht weiter aus“, ist Geschäftsführer Andreas Noack erleichtert.

Viele Helfer arbeiten freiwillig

Er ist der einzige Festangestellte in der Schutzhütte, die vom Advent-Wohlfahrtswerk getragen wird. Die meisten anderen 50 Männer und Frauen arbeiten als freiwillige Helfer. Sie kriegen eine kleine Aufwandsentschädigung. Sie ist möglich durch Fördergelder der Sozialorganisation Aktion Mensch.
Die Schutzhütte sieht sich gern als Treffpunkt für Menschen in Not. „Wir leisten Suchthilfe, Flüchtlingsarbeit und unterstützen Menschen mit geringem Einkommen. Das ergibt sich einfach aus unserer täglichen Arbeit mit Hilfsbedürftigen“, erläutert Noack. Wo seine Kräfte nicht ausreichen, vermittelt er Kontakte zu Rechtsanwälten, Ärzten und Behörden.

Sozialcafé seit März geschlossen

Das Gespräch mit den Gästen und das Mutmachen untereinander spielen eine große Rolle. Doch ausgerechnet das Sozialcafé der Schutzhütte ist wegen Corona seit März geschlossen. Dort haben Hartz IV-Empfänger, Menschen mit geringer Rente sowie Sozialpassinhaber beim Pott Kaffee einander ihre ihren Sorgen erzählt. Sie reichen von Wohnungs- und Geldnot bis hin zu Auseinandersetzungen vor Gericht.

Nur einzeln in den Laden

Doch es ist noch schlimmer gekommen. Gäste der Schutzhütte dürfen jetzt nur noch einzeln in den Laden treten, um sich zu versorgen. Ein Ehrenamtler packt für sie das Gewünschte in den Korb und sie geben dafür eine Spende ab. Inzwischen steht der Korb draußen vor der Tür, wo sie die Lebensmittel in die Tasche oder ihren Rucksack umpacken. Egal, welches Wetter herrscht.
„Wir wollten gern ein Vordach oder ein Zelt aufbauen. Aber das ist nicht erlaubt. Wir könnten in diesen Zeiten viel mehr Leute draußen bedienen“, bedauert Andreas Noack. „Wir merken, dass die Besucher schon eine halbe Stunde eher da sind, weil sie draußen noch miteinander reden können. Sie brauchen das absolut.“
Der Alltag für die freiwilligen Helfer hat einen festen Rhythmus. Sie fahren in Märkte und holen Lebensmittel ab, sortieren sie und bereiten sie für die Regale vor. Das betrifft Backwaren, Obst und Gemüse genauso wie Milchprodukte, die extra gekühlt werden. Um Weihnachten und Silvester herum gibt es automatisch mehr Lebensmittelspenden, weil dann in den Märkten viel anfällt.

Helfer kennen die Notleidenden

Im Laden der Tafel kommen die Freiwilligen mit den Bedürftigen in Kontakt. Sie kennen einander und reden sich meist mit Vornamen an. Zu den Helfern gehören auch Saif aus Syrien und Farahnaz aus dem Iran, die dort Oberstufenlehrerin war.
Noack sagt: „Ich bin sehr dankbar, dass Flüchtlinge uns unterstützen. So können wir auch Notleidende unterstützen, die persisch, arabisch, russisch oder Urdu sprechen“, und er rechnet vor: „Wir leisten hier viele Arbeitsstunden und schaffen allein mit der Schwedter Tafel eine Wertschöpfung von 1,5 Millionen Euro im Jahr. Das ist die Summe, die den Bürgern und der ganzen Gesellschaft durch unsere geleistete Arbeit und den Wert der verspendeten Lebensmittel und Gebrauchsgüter zugutekommt. Wir lindern Armut. Unsere Hauptaufgabe ist vom Ursprung her die Rettung von Lebensmitteln. “

Kleiderspenden aus Schwedt

Ein weiteres Angebot ist die Versorgung mit Gebrauchsgütern vom Bügeleisen, Besteck bis hin zur Bekleidung. Spenden dafür kommen zum Teil aus Haushaltsauflösungen, von Privatpersonen aber auch aus mancher Schwedter Modeboutique. In der Schutzhütte müssen Bedürftige pro Kleidungsstück 50 Cent spenden. Noack ist auch dankbar für die Unterstützung durch Rotary- und Lionsclub sowie die Schwedter Firma Butting.
Manche Mitarbeiter der Schutzhütte müssen auch Sozialstunden ableisten, zu denen sie vom Gericht verurteilt wurden. „Ein Großteil dieser Menschen fragt nach dem Ableisten ihrer Stunden, ob sie hier weiter tätig sein dürfen, und zwar im Ehrenamt“, erläutert Andreas Noack.
Wer sich versorgen darf, hat der Tafel-Bundesverband klar geregelt: Ein-Personen-Haushalte mit einem Einkommen von 1050 Euro gehören dazu, Paarhaushalte mit Einkommen von 1650 Euro ebenso wie ein Paar mit einem Kind (1950 Euro) und mit zwei Kindern (22000 Euro). Bei Alleinerziehenden mit einem Kind liegt die Einkommensgrenze bei 1350 Euro, mit zwei Kindern bei 1650 Euro.

Neuer Höchststand seit der Wiedervereinigung


Laut Armutsbericht, den der Paritätische Gesamtverband im November vorgestellt hat, erreicht die Armutsquote mit 15,9 Prozent einen neuen Höchststand seit der Wiedervereinigung. Betroffen sind vor allem Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Arbeitslose und Menschen mit niedriger Qualifikation. Aber auch Erwerbstätige (über 30 Prozent) sowie Rentnerinnen und Rentner (fast 30 Prozent) sind in die Armut abgerutscht. Sozialverbände kritisieren: „Die betroffenen Erwerbstätigen sind die armen Rentnerinnen und Rentner von morgen.“