ESC 2024: Pop und Politik ‒ das sagen Experten und Sänger Nino de Angelo

Schaufenster europäischer Identitäten: Fans mit Nationalflaggen beim Eurovision Song Contest (ESC), hier der Wettbewerb am 10. Mai 2014 im dänischen Kopenhagen
Jörg Carstensen/dpaAn seinen Auftritt beim Eurovision Song Contest hat er immer noch starke Erinnerungen, auch 35 Jahre später. An die „unheimliche Anspannung“, verbunden mit dem Gedanken: „Du vertrittst Dein Land“.
Nino de Angelo hatte seinen ESC-Moment am 9. Mai 1989 im schweizerischen Lausanne. Das Lied „Flieger“ hat damals Dieter Bohlen für ihn geschrieben und produziert. Da war er schon längst ein etablierter Star. Seinen internationalen Durchbruch hatte der Kölner mit italienischen Wurzeln 1983 mit „Jenseits von Eden“, da war er gerade erst 19 Jahre alt. Dennoch hat die Stimmung in den Messehallen von Lausanne einen mächtigen Eindruck bei ihm hinterlassen. „Lieber nicht zu viel darüber nachdenken“, sei seine Einstellung gewesen, wie de Angelo sich in diesem Frühjahr 2024 im Telefon-Interview an den Auftritt zurückerinnert, „sonst würde man keinen Ton mehr herausbekommen“.

Das Archivbild von 1989 zeigt den deutschen Schlagersänger Nini de Angelo. Der bekannte Interpret ("Jenseits von Eden") ist in dem Jahr mit dem Stück "Flieger" beim Eurovision Song Contest (ESC) in der Schweiz angetreten.
Erwin Elsner/dpaAm Ende hat es für Nino de Angelo in Lausanne nur für Platz 14 gereicht. Ein kleiner Beigeschmack ist geblieben, denn Bohlen hat in dem Jahr auch den Beitrag für Österreich komponiert, ohne das mit de Angelo abgesprochen zu haben. Der Kandidat Thomas Forstner schaffte es mit „Nur ein Lied“ auf Platz 5.
Das Alltägliche ist politisch
Am 11. Mai ist es wieder soweit: Der Eurovision Song Contest (ESC) findet in diesem Jahr im schwedischen Malmö statt. Die Kandidaten aus 37 Ländern treten gegeneinander an, die meisten von ihnen müssen sich aber zunächst am 7. und 9. Mai noch in zwei Halbfinals für die engere Auswahl durchsetzen. Für Deutschland tritt der noch weitgehend unbekannte Isaak Guderian an. Sein Lied: „Always On The Run“.
Befürchtet werden radikale politische Statements im Umfeld des Wettbewerbs. Es kursieren Boykottaufrufe. Eine Gefahr von Terroranschlägen wird zumindest einkalkuliert. Der Grund: Die Folgen des Terrorangriffs der Hamas auf Israel vom 7. Oktober vergangenen Jahres. Denn auch Israel schickt mit Eden Golan eine Kandidatin nach Malmö. Und noch dazu eine, deren Song „October Rain“ doppeldeutig genug ist, um als Chiffre für die Ereignisse durchzugehen. Hat in den vorausgegangenen beiden Jahren der Einmarsch Russlands in die Ukraine den ESC politisch eingefärbt, so ist es jetzt der umstrittene Krieg im Gazastreifen. Gibt es in der Popmusik womöglich einen neuen Trend zum Politischen?
Der Schlager-Veteran Nino de Angelo beobachtet diese Entwicklung ohne Begeisterung. „Ich finde das schade, weil es mit Musik nicht mehr viel zu tun hat.“ Persönlich würde er sich ungern vor den Karren einer politischen Kampagne spannen lassen. Zwar singt er gerne allgemein über die Zerstörung der Erde, und er zeigt sich besorgt über den Klimawandel: „Ich kann mir durchaus vorstellen, darüber zu singen.“ Im Übrigen ist er aber der Meinung, das politische Botschaften im Unterhaltungsgeschäft nicht viel verloren hätten: „Ich sehe da keine Verbindungen zu meiner Musik.“
Queere Identitäten und Diversität
Jemand, der ihm heftig widersprechen würde, ist David-Emil Wickström. Der Musikwissenschaftler hat eine Professur an der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. Er hat sich in seinen Forschungen mit populärer Musik im postsowjetischen Raum ebenso beschäftigt wie mit Musik in Bezug auf Lokalität, Identität, Migration und Konflikt. „Musik ist immer politisch“, sagt Wickström, der in Norwegen, Österreich und Deutschland aufgewachsen ist. „Auch wenn ich über Liebe singe, ist es politisch.“ Schon allein dadurch, dass es entweder die Liebe zwischen Mann und Frau ist, die da besungen wird, oder eben eine gleichgeschlechtliche Liebe. Auch Conchita Wurst („Rise Like A Phoenix“, 2014) ist mit ihrer queeren Identität politisch.

Hat die Musik im postsowjetischen Raum erforscht: der Musikwissenschaftler David-Emil Wickström
Arthur BauerWickström zitiert die Werte, die sich der ESC selbst gegeben hat: „The Eurovision Song Contest’s values are of universality and inclusivity and our proud tradition of celebrating diversity through music.“ Universalität, Inklusivität und Diversität also. 2000 beschied die Europäische Rundfunkunion (EBU) als Veranstalterin, dass Ansprachen und Gesten politischer Natur beim ESC verboten sind. Aber auch das ist natürlich ein politisches Statement. Und: Das Verbot politischer Positionierungen hielt die Komponisten nicht davon ab, mehr oder minder verklausulierte Botschaften in ihre Songs einzubauen. Trotz des EBU-Polit-Bannes gewann etwa 2016 ein ukrainischer Beitrag, der nur als Antwort auf den Einmarsch der Ukraine auf die Krim und in die Oblaste Lugansk und Donezk von 2014 gelten kann: Die Sängerin Jamala erinnerte mit „1944“ an die Vertreibung der Krimtataren unter Stalin.
Karel Gott, Mariza Koch und Nicole
Der ESC, der die Freundschaft der europäischen Nationen und Kulturen sowie Diversität und Inklusivität feiern will, hatte auch davor schon oft einen politischen Unterton. Sprung zurück in den Wettbewerb von 1968. Österreich schickt den Tschechen Karel Gott als Kandidaten in die Londoner Royal Albert Hall. Sein von Udo Jürgens und Walter Brandin komponiertes Lied „Tausend Fenster“ ist ein Kommentar zum Prager Frühling. Oder 1976. Die griechische Kandidatin Mariza Koch sang mit „Panaghia Mou“ (deutsch „Oh mein Gott“) eine pathetische Anklage gegen den Einmarsch der Türkei auf Zypern knapp zwei Jahre zuvor. Oder 1982, der ESC findet im englischen Harrogate statt. Es ist die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses und der Nachrüstung im Kalten Krieg. Nicoles Lied „Ein bisschen Frieden“ passt perfekt in die Stimmung der Zeit – und trägt den Sieg davon, den ersten für Deutschland.
Im Falle des Krieges in der Ukraine sei das alles etwas anders, erklärt Wickström. „Ich sehe nicht, dass viele Künstler außerhalb der Ukraine auf den Zug aufgesprungen sind und Lieder über den Krieg dort aufnehmen“, das gelte für den ESC, aber auch für das sonstige Geschäft mit der Popmusik. Eher seien es ukrainische Künstler selbst, die mit Musik Aufmerksamkeit für ihr Land erzeugen wollen. Dabei geht es in den Texten gar nicht unbedingt um den Krieg.
Der siegreiche ukrainische ESC-Beitrag von 2022 jedenfalls, „Stefania“ vom Kalush Orchestra, bestätigt Wickströms Beobachtung. Traditionelle rutheniche Trachten, die ukrainische Flöte Telynka und osteuropäische Harmonien kreieren in dem über weite Strecken gerappten Song eine folkloristische Atmosphäre. Es geht eher darum, eine Identität zu behaupten, als konkrete politische Appelle zu transportieren. Über den ESC hinaus: Musik dient als emotionales Werkzeug, um mit Videoclips in den sozialen Medien das Meinungsbild im Westen zu beeinflussen. „Das ukrainische Verteidigungsministerium macht das auf seinem Kanal ziemlich erfolgreich“, sagt David-Emil Wickström.
Der gebürtige Norweger rechnet auf jeden Fall mit Protesten und erhöhten Sicherheitsvorkehrungen rund um den Wettbewerb in Malmö. „Skandinavien ist traditionell sehr propalästinensisch eingestellt und gegen Israel.“ Das habe er auch persönlich während seiner eigenen Jahre dort so erlebt.
Die zentrale Frage: Wer bin ich?
Mehr noch als um unmittelbare Politik geht es beim ESC – und vielleicht generell in der aktuellen Popmusik – um Fragen der Identität. Die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Identität, aber eben auch die Frage der kulturellen und nationalen Herkunft ist dabei bestimmend. Flirts mit der Folklore sind nicht nur beim Kalush Orchestra, sondern in Beiträgen eines jeden Jahrgangs auszumachen. Die zentrale Frage im ESC-Song lautet daher: „Wer bin ich?“
Der Mannheimer Musikwissenschaftler beobachtet das auch an den Songs, die die Studenten an der Popakademie in ihren Seminaren selbst komponieren und aufnehmen. „Mental Health ist ein großes Thema, vor allem seit der Pandemie. Das sieht man zum Beispiel auch an dem Text des diesjährigen deutschen Beitrages ,Always On The Run‘ von Isaak.“ Außerdem beschäftigt sich die jüngere Generation von Pop-Komponisten in seiner Beobachtung mit Themen wie dem Klimawandel und genrell mit ihren – großen – Zukunftsängsten.
Abgesehen davon erweckt der ESC aber bisweilen den Eindruck, eine Orchestrierung des europäischen Einigungsprozesses zu sein. Eine Kampagne der Rundfunkanstalten, mit der der europäischen Idee etwas geborgtes Pathos verliehen werden kann.
Europäische Aussöhnung in den 1960ern in „Göttingen“
Noch ein Blick zurück. Nicht zum European Song Contest, aber zum Schlager der Nachkriegszeit. Die französische Sängerin Barbara (1930-1997) sollte am 4. Juli 1964 für ein einziges Konzert nach Göttingen reisen. Sie sagte nur zögerlich zu. Als Kind jüdischer Einwanderer wollte die Pariserin, die unter der Nazi-Herrschaft mit ihrer Familie aus dem besetzten Teil Frankreichs in den Südosten des Landes fliehen musste, eigentlich nicht nach Deutschland. Als sie am Tag des Konzertes in der niedersächsischen Universitätsstadt eintraf, fehlte im Theater, in dem sie auftreten sollte, noch dazu ein Konzertflügel. Barbara weigerte sich, das vorhandene Klavier zu spielen. Alles drohte zu scheitern.
Eilig organisierte man ihr in letzter Minute einen Flügel aus einem Privathaushalt, der zu Fuß durch die Innenstadt von Göttingen getragen wurde. Barbaras Konzert war ein sensationeller Erfolg. Spontan verlängerte sie ihren Aufenthalt um eine Woche, gab weitere umjubelte Konzerte. Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als sich Franzosen und Deutsche noch immer mit Ressentiments gegenüberstanden. Barbara schrieb in dieser Woche ihren wohl wichtigsten Chanson, der Titel lautet schlicht „Göttingen“: „Lasst jene Zeit nie wiederkehren, wenn Blut und Hass die Welt zerstören. Denn es gibt Menschen, die ich liebe in Göttingen, in Göttingen. Und sollten Kriegsrufe ertönen, und die Kanonen wieder dröhnen, so manche Träne mein Herz verlöre für Göttingen, für Göttingen.“
Das Medium bestimmt den Inhalt?
Heute würden solche ergreifenden Botschaften im Pop vermutlich deplatziert wirken. Im konfektionierten Stil des ESC geht es zunächst um den schönen Schein. Popmusik ist zuletzt zudem starken formalen Zwängen unterworfen gewesen. Das Geschäft mit dem Streaming verlangt nach kurzen Anspielzeiten und einer Klangkulisse, die auf den reduzierten klanglichen Wiedergabemöglichkeiten mobiler Geräte reproduzierbar ist.
Aber hier wiegelt Wickström ab. „Populärmusik ist immer vom Medium abhängig gewesen.“ Er erinnert an die limitierte Laufzeit alter Schellack-Platten, die das heutige noch gültige Single-Songformat von drei bis vier Minuten geprägt hat. Und an die Klangcharakteristik von Produzenten wie Motown-Gründer Berry Gordy, der für die begrenzten klanglichen Möglichkeiten von Autoradios optimiert war. „Es war schon immer so, dass die Produzentinnen und Produzenten ihre Songs auf die gegebenen Möglichkeiten hin optimiert haben.“ Aktuell ist das eben die Software Autotune und die Besonderheit, dass innerhalb einer halben Minute die Melodie verstanden sein muss.
Marktkonform, mit englischem Text - und ein bisschen egal
Doch auch sauber produzierter Pop ist kein Garant für Erfolg. Der Versuch, mit trendigen, marktkonformen Songs ohne Ecken und Kanten zu punkten, ist in den vergangenen Jahren jedenfalls den deutschen Kandidaten gründlich misslungen. 1919: das Duo S!sters, Platz 26. 2020: kein Wettbewerb wegen Corona, 2021: Jendrik, Platz 25. 2022: Malik Harris, Platz 25. 2023: Lord of the Lost, Platz 26 ... Seit 2003 hat übrigens nur noch ein deutscher Kandidat Deutsch gesungen: 2007 war das, Roger Cicero mit „Frauen regier`n die Welt“ (Platz 19).

Nino de Angelo, Sänger, bei einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Der im Allgäu lebende Künstler wir am 18. Dezember 60 Jahre alt. (zu dpa «Schlagersänger mit Rocker-Seele: Nino de Angelo wird 60») +++ dpa-Bildfunk +++
Sven KäulerWenn man Nino de Angelo nach seiner Einschätzung zum diesjährigen deutschen Beitrag fragt, dann könnte erneut ein ähnliches Ergebnis ins Haus stehen: „Ich denke mal, wir werden wieder den letzten Platz machen.“ Die Verantwortung dafür sieht er in den Vorentscheiden: „Ein absoluter Nonsens, was die Jury da immer wieder auswählt.“ Die Jury sollte sich seiner Meinung nach lieber „einfach komplett raushalten und das Publikum entscheiden lassen.“
Seine Befürchtung ist, dass sich ein Mechanismus, der zur Auswahl mittelmäßiger Kandidaten führt, langfristig als Teufelskreis erweist – weil dann die seriösen Interpreten nicht mehr teilnehmen werden: „Jeder ernstzunehmende Künstler muss sich doch fragen: Soll ich das Risiko eingehen, gegen mittelmäßige Influencer zu verlieren, die keinen Ton geradeaus singen können und auch keine Ausstrahlung haben?“ Sein Fazit: „Wenn es so weitergeht, dann sollten wir diesen Wettbewerb einstampfen.“
Informationen zum Eurovision Song Contest 2024 in Malmö auf der Seite der ARD: https://www.eurovision.de


