Geschichte
: Wenn Steine erzählen könnten

In der neuen Reihe des Angermünder Museums „Objekt des Monats“ werden merkwürdige Steine aus der mittelalterlichen Klosterkirche vorgestellt, die Geschichte erzählen.
Von
Daniela Windolff
Angermünde
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  • Wundersame Steine: Der Angermünder Museumsleiter Ralf Gebuhr zeigt beim Objekt des Monats besondere Steine der Klosterkirche, wie hier ein mit Weinlaub verzierter Ziegel.

    Wundersame Steine: Der Angermünder Museumsleiter Ralf Gebuhr zeigt beim Objekt des Monats besondere Steine der Klosterkirche, wie hier ein mit Weinlaub verzierter Ziegel.

    Daniela Windolff
  • Steine erzählen: Rillen in den Klostermauern haben eine historische Bedeutung. Im Mittelalter wurde Ziegelmehl als Heilmittel geschabt.

    Steine erzählen: Rillen in den Klostermauern haben eine historische Bedeutung. Im Mittelalter wurde Ziegelmehl als Heilmittel geschabt.

    Daniela Windolff
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Im Fußboden der Angermünder Klosterkirche sind deutlich die Abdrücke von Hundepfoten zu erkennen. Im sogenannten Priestergang, einem kleinen Durchgang zwischen den Klosterräumen, tragen die Wände Kratzspuren und Ausschabungen. Es sind keine Zufälle oder Gebrauchsspuren. Die über 700 Jahre alten Ziegel erzählen Geschichten aus dem Mittelalter, die das Museum der Nachwelt erhalten und weitererzählen will. Der Leiter des Angermünder Museums Ralf Gebuhr und Mitarbeiter Lutz Libert zeigen diese seltsamen Steine aus der umfangreichen Sammlung des Museums in der neuen Veranstaltungsreihe „Objekt des Monats“, mit der Ralf Gebuhr die Wartezeit bis zur Neueröffnung des Angermünder Museums zum Jahresende verkürzen und auf die besonderen Schätze des Fundus neugierig machen möchte.

Näpfchensteine, Dämonensteine, Teufelskrallen, Symbole von Sternen, Kreuzen oder Weinranken... in der Angermünder Klosterkirche gleicht kaum ein Stein dem anderen. „In zahlreichen Backsteinbauten des Mittelalters, im Angermünder Kloster, in der Marienkirche, in Dorfkirchen, an Stadtmauern, auch an der Greiffenberger Burg findet man viele merkwürdige Steine, die in der damaligen Zeit, als die Menschen glaubten, dass auch Gebäude eine Seele haben, eine ganz bestimmte Symbolik hatten“, erzählt Ralf Gebuhr.

Tierspuren im Fußboden sind relativ häufig in Kirchen zu finden. Ob Abdrücke von Katzen– oder Hundepfoten oder Hahnenfüße, sogar Schweineklauen findet man. In der Angermünder Marienkirche entdeckt man unter einigen Bänken Tiertapsen, im Kloster am Eingang des Armariums. In der Dorfkirche Kunow sind zwei Kinderhände zu erkennen, die wie abwehrend wirken.

Hier sind aber keine Tiere versehentlich über den ungehärteten Ton gelaufen oder haben sich Kinder einen Spaß erlaubt“, erklärt der Historiker Lutz Libert. Tatsächlich dienten solche Abdrücke in Steinen im Mittelalter zur Abwehr böser Mächte, Dämonen, Geister, Hexen und sogar des Teufels. Diese sogenannten Dämonensteine, die oft an Eingängen aber auch an Decken zu finden sind, sollten bedrohlichen Eindringlingen vortäuschen, dass hier bereits einer der ihren haust. Das Gebäude ist schon besetzt, sie sollen weiterziehen, erklärt Lutz Libert.

Die sogenannten Näpfchensteine, die man zum Beispiel im Priestergang und im Lettner des Angermünder Klosters findet,  geben der Wissenschaft allerdings bis heute Rätsel auf. Angeblich sollen nach Prozessionen darin die Fackeln ausgedrückt worden sein.

Heilwirkung von Ziegelmehl

Wahrscheinlicher ist die Vermutung, dass aus den halbrunden Löchern in der Wand Ziegelmehl ausgeschabt wurde, das im Mittelalter als Wundermittel galt. Wenn man die Ziegel zur Geisterstunde ausschabte, wurde ihnen eine besonders große Heilwirkung nachgesagt. Auch durch Reinpusten in die Löcher sollten Krankheiten abgewehrt werden, erzählt Museumsleiter Ralf Gebuhr. Eine andere Bedeutung schreibt die Geschichtsforschung den Rillen in mittelalterlichen Mauern zu. So könnten an den Steinen gewetzte Säbel auch als symbolische Zeichen der Stärke Bedeutung gehabt haben. Eindeutiger sind Erklärungen für die mitunter reich verzierten Schmuckziegel zu finden, die man auch bei Grabungen an der Angermünder Klosterkirche fand. So deutet Weinlaub auf den Weinanbau in Klöstern hin und hat auch religiöse Bedeutung.

„Die Sprache der Steine ist ein spannendes Thema mit vielen Rätseln, denn dazu gibt es kaum schriftliche Überlieferungen“, so Ralf Gebuhr. So folgt die Wissenschaft weiter der Spur der Steine.