Lesung
: Die Stasi lauschte neben der Bühne

Die Theaterregisseurin Freya Klier hat im Berlischky-Pavillon aus ihrem „Tagebuch-Abreißkalender“ vorgelesen. Darin sind Erinnerungen aus ihrer Schwedter Zeit am Theater aufgeschrieben sowie ihre Bespitzelung durch die Staatssicherheit.
Von
Eva-Martina Weyer
Schwedt
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Im Berlischky-Pavillon: Theater-Regisseurin Freya Klier zeigt ihr Tagebuch "Abreiß-Kalender". Außerdem sprach sie über ihr neues Buch, das sie zu 30 Jahre Mauerfall herausgegeben hat.

Oliver Voigt

Sie hat in Schwedt Theater gemacht und dort 1983 Ulrich Plenzdorfs „Legende vom Glück ohne Ende“ zur Uraufführung gebracht. Was in Berlin verboten war, ging für Regisseurin Freya Klier plötzlich in Schwedt. Das hat für Aufsehen im Publikum und bei Parteifunktionären gesorgt. – Freilich aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Jetzt ist die Regisseurin nach langer Zeit wieder nach Schwedt zurückgekehrt. Für eine Lesung aus ihrem Buch „Abreißkalender“. Es erzählt von ihrem Alltag in Schwedt, der immer auch politisch war. Zum ersten Mal hat sie über ihre Schwedter Zeit in der Öffentlichkeit vorgelesen – und zwar auf Einladung des Stadtmuseums. Leiterin Anke Grodon sieht in Freya Klier eine Person der Zeitgeschichte, die in der Veranstaltungsreihe „Treffpunkt Pavillon“ einiges zu sagen hat. Gerade läuft im Museum die Sonderausstellung „Wendegeschichten“. Und das ist wiederum ein Thema, das Freya Klier sehr am Herzen liegt. Kürzlich hat sie das Buch „Und wo warst Du? – 30 Jahre Mauerfall“ herausgegeben.

Gleich zu Beginn der Lesung entschuldigte sie sich für ihren ersten Satz im „Abreißkalender“. Dort steht nämlich: „Schwedt ist hässlich.“ Freya Klier gab zu: „Mir kommen gleich die Tränen. Denn heute habe ich gesehen, wie schön Schwedt ist.“ Damit hatte sie das durchaus kritische Publikum etwas versöhnt.

Freya Klier hat während ihrer Zeit am Schwedter Theater die Gängeleien durch die Stasi ausgehalten. So habe es ein Kabuff neben der Bühne gegeben, liest sie vor. Den Schlüssel dazu hätten nur Stasi-Leute gehabt. Sie hätten durch ein Fenster den gesamten Zuschauerraum beobachtet und genau registriert, wer wann lacht.

In ihrer Schwedter Zeit hat sie sich für den Alltag von Frauen in der DDR interessiert und Interviews mit ihnen geführt. Petra Dreßler aus Berkholz äußerte sich dazu: „Ich habe alle Ihre Vorstellungen gesehen und war sehr beeindruckt. Aber Ihre Sicht auf Schwedt und die einseitige Darstellung der Frauen hat mich beleidigt und schockiert. Ich habe drei Studienabschlüsse zu DDR-Zeiten machen dürfen.“ Petra Dreßler erhielt Beifall und Freya Klier erwiderte: „Alle Interviews sind genau so aufgenommen und dokumentiert.“

Auf Nachfrage des Gartzer Pfarrers Oswald Wutzke erzählte sie vom DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Schnur, der in der Nachwendezeit zum Politiker wurde. „Schnur war ein Freund der Familie, aber er hat uns an die Stasi verraten.“

Freya Klier lebt heute in Berlin. Sie ist freie Autorin und arbeitet eng mit der Konrad Adenauer Stiftung zusammen. Klier ist in Schulen tätig zum Thema „Leben in der Diktatur“. Sie sagt: „Ich erzähle den Schülern, wie wir in der DDR gelebt haben und würde das auch gerne in Schwedt machen. Ich möchte jungen Leuten zeigen, wie wichtig es ist, unsere Demokratie zu bewahren.“ Museumsleiterin Anke Grodon nahm dieses Angebot auf. Für die inzwischen beliebte Veranstaltungsreihe „Treffpunkt Pavillon“ kündigte sie an: „Im nächsten Jahr geht es mit unserer Reihe weiter. Wir beschäftigen wir uns mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.“

Ein Leben fürs Theater und den Frieden

Freya Klier wurde am4. Februar 1950 in Dresden geboren. In früher Kindheit war sie Heimkind. Weil sie nach dem Abitur in den Westen flüchten wollte, kam sie für Monate ins Gefängnis. Trotz der Strafe konnte sie Schauspiel und Regie studieren. In den 1980er-Jahren arbeitete sie am Theater Schwedt. Sie war in der Friedensbewegung Berlin tätig, bekam Berufsverbot. Mit ihrem damaligen Mann, dem Sänger Stephan Krawczyk, trat sie in Kirchen auf, geriet ins Visier der Stasi. Mit Nervengift verübte die Stasi 1987 einen Anschlag auf das Paar. Beide überlebten, wurden inhaftiert, dann zwangsausgebürgert. ⇥emw