Museumsreif
: Ein Angermünder Stück DDR-Geschichte

Klaus Täublers legendäres Mähdrescher-Modell eines E 512 soll künftigen Generationen von früherer Landtechnik berichten.
Von
Oliver Schwers
Angermünde
Jetzt in der App anhören

Findet würdigen Platz im neuen Museum: Klaus Täubler (zweiter von links) zeigt Museumschef Rals Gebuhr (l.) das Modell des E 512, das in den 1970er-Jahren im KfL Angermünde entstand. Frühere Mitarbeiter interessieren sich für das "Objekt des Monats".

Oliver Schwers

Er ist blau-weiß, wurde von vielen Händen geschaffen und hat wie durch ein Wunder vergangene Jahrzehnte fast unbeschadet überstanden: Das Modell eines Mähdreschers vom Typ 512. Sein großes Vorbild war zu Beginn der Serienfertigung im Kombinat Fortschritt der Inbegriff moderner Landtechnik. Der robuste Drescher hielt auch international kräftig mit. Weil solche Maschinen am Fließband im früheren Kreisbetrieb für Landtechnik Angermünde instand gesetzt wurden, kam der damalige Lehrmeister Klaus Täubler auf die Idee, einen kleinen Bruder zu fertigen. Gemeinsam mit vielen Schülern entstand zwischen 1974 und 1977 das legendäre Modell, das sogar auf Messen und großen Ausstellungen gezeigt wurde.

Relikt aus Traditionskabinett

Täubler lebt heute im Ruhestand. Seinen Betrieb gibt es längst nicht mehr. Wo das zentrale Verwaltungsgebäude einst stand, befindet sich der Lidl-Markt. In den alten Schlossereihallen arbeiten heute Nachfolgefirmen für Lastwagen- und Pkw-Instandsetzung.

Jetzt sitzt Klaus Täubler in der Garage und repariert den Mini-Drescher, der auch als Modell beachtliche Ausmaße hat und nur mit abgenommenem Schneidwerk in einen Pkw passt. Denn ausgerechnet dieses Relikt aus dem früheren Traditionskabinett des Betriebes soll dauerhaft an ein Stück DDR-Arbeitswelt erinnern. Es findet im fast fertigen neuen Museum der Stadt einen würdigen Platz. „Der Modellbau steht somit für den einst wichtigen Betrieb, aber auch für die starke Verbindung von Stadt und Landwirtschaft“, sagt Museumsleiter Ralf Gebuhr.

Der Erfindungsgeist von einst, die Materialnöte und Besonderheiten einer DDR-Ära sind noch nicht vergessen. Das Museum sammelt Material für künftige Ausstellungen. Als Gebuhr den E 512 bei seiner Veranstaltung zum Objekt des Monats im Ratssaal vorstellt, kommen einige frühere Mitarbeiter. Ihre Anekdoten und Berichte sind abendfüllend und dokumentieren eine andere Arbeitswelt, eine enorme gesellschaftliche und kulturelle Verantwortung von Betrieben. In dem Film „Ein Bett im Kornfeld“, der im Amateurfilmkollektiv des Betriebes entstand, lebt die Vergangenheit wieder auf. Selbst gebaute Prüfstände und Abziehwerkzeuge, Feldrandversorgung für Erntehelfer, Werkstattwagen mit Reparaturbrigaden auf dem Acker und immer wieder Improvisation. Die Belegschaft hielt damals stärker zusammen als in heutiger Zeit. „Wir haben bis zu 700 Mähdrescher pro Jahr instandgesetzt“, erzählt der Mechanisierungsingenieur Herbert Brommundt. „Für die damalige Zeit hatten wir gute Technik, aber keine Ersatzteile.“ Also wurden die selbst gebaut.

Unterwegs zur Ernteschlacht

Und wenn es nicht genug Fahrer gab, schickte der Angermünder KfL seine Leute sogar bis nach Thüringen aufs Feld in die Ernteschlacht. Betriebsleiter mussten damals Wohnungen oder Bauland für Eigenheime besorgen. Es gab überall Mittagsküchen. Kulturveranstaltungen wurden bezahlt, ein eigener Chor gegründet, sogar Laienspiel. Im Urlaub fuhr man nach Ückeritz, wo die Firma Bungalows besaß. Und am Wochenende konnten sich FKK-Freunde in dem vom Betrieb unterstützten Naherholungsgebiet Herzsprung sonnen.

Klaus Täubler will nun den Drescher wieder richtig fit machen. Alles soll sich drehen. Wie damals, als Stadtmenschen noch Traktoren, Getreidearten und Kühe kannten.