Palliativmedizin
: Eine Lawine der Menschlichkeit

Mit dem Tod setzen sich „Normalsterbliche“ nur ungern auseinander. Das ist in der Uckermark nicht anders.
Von
Kathrin Putzbach-Timm
Schwedt
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Begleitung auf dem letzten Lebensweg: Krankenschwester am Bett eines schwerstkranken Patienten auf der Palliativstation eines Krankenhauses.

epd/Werner Krueper

Mit dem Tod setzen sich Normalsterbliche nur ungern auseinander. Das ist in der Uckermark nicht anders.

Allzu bereitwillig wird der letzte Abschnitt  aus dem Kreislauf des Lebens ausgeklammert. Kommt man mit dem Ende unweigerlich in Berührung, machen sich oft Rat– und Hilflosigkeit breit. Wie gelingt es, das eigene oder das Sterben nahestehender Menschen möglichst schmerzfrei und würdevoll zu gestalten? Noch dazu in einer Region, die auf dem Gebiet der palliativen Versorgung von Professor Dr. Axel Matzdorff aus dem Asklepios Klinikum Uckermark als eher „randständig“ bezeichnet werden muss.

Ganz freiwillig setzten sich dagegen deshalb jüngst berufene Fachleute und engagierte Initiativen zusammen, um durch eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Strukturen die pflegerische und medizinische palliative Versorgung perspektivisch nach vorn zu bringen. Dem Leiter des uckermärkischen Tumorzentrums, Prof. Matzdorff, saß Kollege und Strahlentherapeut Ralph Schrader vom Onkologischen Zentrum Barnim in Eberswalde zur Seite.

Aufhänger dieses Treffens, dem eine Gesprächsrunde mit Ministerin Diana Golze im August letzten Jahres vorausgegangen war, war die Forderung von Familie König nach palliativer Versorgung von Kindern und Jugendlichen, mit der sie bei allen Beteiligten „offene Türen einrannte“. Alexander König und seiner Frau Caroline ist das schlimmste aller Schicksale widerfahren. Sie haben Paul, das eigene Kind, an den Krebs verloren. Damit verbunden war die leidvolle Erfahrung des Mangels einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung für Kinder und Jugendliche in der Uckermark. Für Paul hatten die Eltern ein eigenes kleines Team der „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung“ (SAPV) geschaffen, das notgedrungen bis nach Frankfurt an der Oder reichte.

Um das Netzwerken ging es den 24 Teilnehmern  der Runde in Schwedt. Von niedergelassenen Ärzten über engagierte Pflegedienste– und -kräfte bis zum Apotheker, vom Verein „Uckermark gegen Leukämie“ über ambulante Hospizdienste bis zur Initiative einer „Palli–WG“ reichte der Kreis, den die Koordinatorin des Tumorzentrums, Susanne Johs, im Turmhotel zusammengebrachte. Ziel: „Wer kann welchen Beitrag in der Zusammenarbeit leisten?“

„Es beginnt mit einem Schneeball, der zur Lawine wird und in die richtigen Bahnen gelenkt werden muss“, beschreibt Axel Matzdorff die Bedeutung der Koordination von Hilfsangeboten. Die Kollegen vom Eberswalder Hospizverein „Am Drachenkopf“ waren gekommen, um Erfahrung und Unterstützung einzubringen.  Dennoch wird es auch künftig eher um das „Management des Mangels“ gehen, in Anbetracht der Pflegekräftesituation. Trotz des Ziels eines eigenen, stationären Hospizes für die Uckermark, sollte das Augenmerk gleichzeitig auf Stärken und Ausweiten des Vorhandenen gelegt werden, sagte Horst Ritter vom Hospizverein „Am Drachenkopf“.

Oberster Anspruch bleibt aus der Erfahrung des betroffenen Vaters Alexander König ein „sozialisiertes Sterben“ unter Aufrechterhaltung der bisherigen Kontakte. „Das neben den Verlustängsten nicht außerdem mit Existenzängsten belastet ist“, fügte Pädagogin Grit Steinhauser hinzu, die die Familie damals begleitete. „Krank sein und Sterben als Aufgabe des Gemeinwohls in einer Gesellschaft“, fasst Matzdorff die Vision in Worte. Dies beinhaltet auch eine Enttabuisierung des Themas. „Das Sterben als Normalität ist uns abhanden gekommen und wird outgesourct. An seine Stelle ist zum Teil die spezialisierte Palliativversorgung getreten“, sagt Ralph Schrader. Als weiteres Ziel der Aktivitäten nennt er die Bildung von Palliativeinheiten, welche neben der stationären Aufnahme immer auch die Entlassung in eine gut versorgte Häuslichkeit ermöglichen. Dreh– und Angelpunkt dieser Versorgung sind spezialisierte Ärzte und Pflegedienste. Andrea Heenemann, die im Palliativ–Care–Team des „Barnim/Uckermark“ die Palliativbetreuung vom Barnim über die Uckermark bis zum Rand des Märkischen Oderlandes koordiniert, warnt davor, mit „Reklame“ für SAPV eine Nachfrage zu erzeugen, die das derzeitige Angebot an Fachkräften nicht qualitativ und verlässlich decken kann.

In Schwedt gibt es drei qualifizierte Hausärzte. Sie ermöglichen, dass 160 Patienten in der Uckermark zu Hause versorgt werden. Eine ist Allgemeinmedizinerin Monika Rausch. Sie gibt zu bedenken: „Es gab ja auch eine Zeit vor SAPV.“ Zu den ureigensten Aufgaben eines Hausarztes zähle die Versorgung von Patienten, auch durch Hausbesuche. Monika Rausch hält es für wichtig, die Ängste der Berufskollegen vor Überlastung durch 7 Tage/24 Stunden–Verträge zu reduzieren. Wenn jeder nur ein oder zwei seiner Patienten auch palliativ versorgen würde, würde sich die Belastung auf viele Schultern verteilen. Wichtigstes Fundament ihrer Arbeit sind funktionierende Pflegedienste, die über SAPV–Personal verfügen.

Hier eine Bestandsaufnahme vorzunehmen und Aufklärung zu leisten, hat sich die Donnerstagrunde ebenfalls auf die Agenda geschrieben. Eine Spezialisierung könne mit Durchhaltevermögen sowohl ökonomisch stabil untermauert und auch ein Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb sein. Kurzfristig werden dazu Treffen mit Ärzten und Pflegediensten organisiert. Um die Verantwortungsträger der gesetzlich verankerten Palliativversorgung in die Pflicht zu nehmen, werden dazu Vertreter der Krankenkassen eingeladen. Auch die Förderung der preisintensiven Ausbildung soll ein Aspekt der Gespräche sein. Doch es geht auch um eine Aufwertung der spezialisierten Pflegekräfte. „Sie sind vor Ort die Palliativ–Notärzte und  müssen Entscheidungen wie diese treffen“, sagt Lars Brunner vom Palliativ–Care–Team und ambulanten Hospizdienst Eberswalde. Das müssen sie nicht nur in der finanziellen Entlohnung spüren, sondern auch im Ansehen in Gesellschaft und Politik. Ihr Vertreter, Landtagsabgeordneter Mike Bischoff (SPD), resümierte: „Wir stecken viel Energie in den Geburtsprozess, aber zu wenig in einen würdevollen Sterbeprozess.“ Der Abend brachte den Schneeball ins Rollen.