Tag der Archive: Schwedt tanzt aus der Reihe
So lange es Menschen wie den Hobby-Historiker André Vogel und die Mitarbeiter des Schwedter Stadtarchivs gibt, gelingt das den Schwedtern grandios. Vogel war am Sonnabend nach seinem Vortrag „Wie lange wirkt ein Krieg nach?“ zu Folgen des Zweiten Weltkrieges im unteren Odertal dicht umlagert und gefragter Gesprächspartner.
Das Ufer der Schwedter Querfahrt gilt bis heute als munitionsverseucht und darf nicht betreten werden. Vogel präsentierte todbringende Fundstücke, die beim Räumen von Kampfmitteln geborgen wurden. Er erzählte von tödlichen und grausamen Funden zwischen Gartz, Friedrichsthal und Schwedt. Bei der jüngsten Deichsanierung sind neben Tonnen von Weltkriegsmunition auch viele Leichen gefallener deutscher und russischer Soldaten entdeckt und geborgen worden.
Seit 1991 sind in ganz Brandenburg bei den Einsätzen der Kampfmittelräumer viele tausend Tonnen Munition und Munitionsteile beseitigt worden. Deren Entschärfung, Sprengung und Entsorgung hat bereits mehr als 210 Millionen Euro gekostet.
Zeitzeugen berichten
„1945. Das Jahr zwischen Krieg & Frieden“ heißt die aktuelle Ausstellung im Schwedter Stadtarchiv. Sie zeigt Fotos und Erinnerungen von Zeitzeugen an Kriegs- und an Nachkriegstage. Am 2. März 1945 schrieb der Bankdirektor Gustav Seifert an seine Frau: „Wir haben anscheinend den Brückenkopf Schwedt/Ost aufgegeben.“ Seifert wurde im April 1945 wahrscheinlich durch eine Granate getötet.
Der Ausstellungsbogen spannt sich weiter über Tagebuchaufzeichnungen von Otto Borris und Fritz Schultz über den Volkssturm 1945 bis zur Ruinenstadt Schwedt. Im August 1945 war die Sterblichkeit infolge der Kriegsnot durch Typhus bis auf 20 Fälle pro Tag angestiegen. Weitere Zeugen erzählen von der Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Günter Siebier berichtet von russischer Kriegsgefangenschaft, Rückkehr in die Heimat, dem Hochwasser 1947, dem Deichbau und den ersten Minenräumtrupps im Sommer 1945.
Museumsleiterin Anke Grodonführte mit ihren Mitarbeitern Besucher durch die Archivräume, öffnete alte Akten und Personenstandsbücher, erklärte, wozu Bürger das Schwedter Stadtarchiv auch für private Recherchen nutzen können.
WechselndeStandorte
Vor 1945 existiert das Archiv in den Kellerräumen des Alten Rathauses auf dem Markt. 1945 wurde es fast vollständig zerstört. Nur wenige Dokumente blieben erhalten. Bis 1952 gab es nur eine ungeordnete Aktenablage in einem Kellerraum der Stadtverwaltung am Karlsplatz. Verwaltungsarchiv und Bauarchiv waren zeitweilig in ehemaligen Gefängniszellen des Kreisgerichts eingelagert.
In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre zog das Stadtarchiv in die Bahnhofstraße 21. Seit 2003 hat das Stadtarchiv seinen Sitz im Rathaus in der Dr.-Theodor-Neubauer-Straße 5.

