Uckermärkische Bühnen: Schwedter Intendant Reinhard Simon widmete seine Arbeit der Bühne
Vor wenigen Tagen ist er 68 geworden und könnte längst in Rente sein. Er hat gewissermaßen „überzogen“. Das lag dem Gründungsintendanten der Uckermärkischen Bühnen Schwedt sehr am Herzen. Denn er wollte das Haus ruhigen Gewissens an seinen Nachfolger übergeben. Das kann er jetzt. Nach einer finanziellen Schieflage des Schwedter Theaters vor vier Jahren hat er es mit seinem Team durch Sparen, klugen Spielplan und, wie er sagt, einem Quäntchen Glück geschafft: „Unser Haushalt schreibt schwarze Zahlen.“
Gerade ist er aus dem Urlaub zurück. Vor wenigen Tagen hat er die Proben für „Till Ulenspiegel“ wieder aufgenommen. Das ist das neue Rockmusical, an dem er selbst mitgeschrieben hat und in dem er Regie führt. Die Premiere ist zugleich eine Uraufführung. Sie findet am 5. Oktober statt. Überhaupt — was ist ein Rockmusical? Ein Mischmasch?
Reinhard Simon ist das Mixen von Genres immer furchtlos angegangen. Das war so, als er kurz nach Beginn seiner Intendanz am Schwedter Theater im Wendejahr 1989 eine Fusion sondergleichen wagte: Er legte das Theater und das Schwedter Kulturhaus, die beide konkurrierend nebeneinander herliefen, zusammen. Im Oktober 1990 trat er nach der Premiere von „Linie 1“ vors Publikum im ausverkauften Großen Saal und verkündete die Geburtsstunde einer neuen Institution — der Uckermärkischen Bühnen Schwedt. Er war überzeugt von dieser Idee. Die Mahnung von Skeptikern ließ er nicht gelten und warf sich in den hektischen Zeiten der 1990er–Jahre mit aller Kraft in dieses Vorhaben, zwei Häuser zu einem zu verschmelzen. Denn mit der bloßen Ankündigung von der Bühne herab war es nicht getan: Von 154 Stellen baute er 55 ab, schuf neue Theaterstrukturen in einer schrumpfenden Stadt und gründete mit immer neuen Musicals ein zweites Standbein für das Haus. Manche Theaterkritiker in Berlin und anderswo belächelten den entstehenden Mix aus Schauspiel, Musik und Show, aus ein bisschen Galerie und etwas Messetätigkeit. Inzwischen ziehen selbst große Häuser nach und ringen auf ähnliche Weise um Publikum.
Deutschlandweit auf sich aufmerksam gemacht haben die Uckermärkischen Bühnen Schwedt mit ihren „Faust“-Inszenierungen. Ganz im Sinne eines Volkstheaters haben sie den Goethe auf die Bühne gebracht und ihm über viele Jahre einen ganzen Ostersonnabend gewidmet. Dem damaligen Schauspieldirektor und Regisseur des „Faust“ Gösta Knothe hat Simon dabei freie Hand gelassen. Die Männer wussten, dass sie sich vertrauen können. „In Schwedt habe ich schnell gemerkt, dass die Uckermärkischen Bühnen unter Simons Leitung auf einem guten Weg sind. Der Schlüssel dafür war das ausdrückliche Bekenntnis, für das Publikum vor Ort Theater zu machen“, sagt Gösta Knothe. „Aus dieser Grundüberzeugung heraus erwuchs die Zusammenarbeit mit Polen.“
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Stichwort Polen: Reinhard Simon ist es gelungen, aus der Grenzlage der Stadt Schwedt und des Theaters einen Vorteil zu ziehen. Er lud polnische Künstler und Publikum ein. Schwedter Theaterleute machen Märchen zur Weihnachtszeit auch für polnische Kinder nachvollziehbar, und es gibt einen von Reinhard Simon initiierten Kooperationsvertrag mit der Musicalkademie Danzig: Studenten von dort machen in Schwedt Praktikum. Simon hat manches junge Talent aus Polen entdeckt und glattweg engagiert. Bei diesem Coup offenbarte sich wieder einmal, dass er ein Netzwerker ist, der beharrlich mit Partnern zusammenarbeitet. Neuerdings auch als Landestheater.
In diesen Tagen gibt er die Intendanz der Uckermärkischen Bühnen Schwedt ab. Er war fast 30 Jahre Theaterleiter — so lange wie kein anderer Intendant im Land Brandenburg. Simon gibt zu: „Ich mag den Ruhestand nicht, arbeite einfach weiter und bringe mich ein, wo es notwendig ist.“ Er wohnt gleich gegenüber vom Theater und wird jetzt wohl öfter mal mit seinem kleinen Enkelsohn in der Ferne telefonieren können.
Sein offizieller Weggang aus dem Bühnenalltag ist ein Einschnitt in die Arbeit der Schwedter Theaterleute. Sie wollen gemeinsam mit ihrem Intendanten und dem Publikum Rückschau halten auf ein Leben für die Bühne. Deshalb gibt es am 24. August eine Abendshow unter freiem Himmel auf der Odertalbühne. „Ich merke natürlich, dass hier was im Busche ist. Dieser Verabschiedungstermin geht mir schon ein bisschen an die Nieren“, sagt Simon und ergänzt etwas tiefstapelnd: „Ich habe ja nichts weiter gemacht als gearbeitet.“
Wenn er jetzt als Intendant aufhört, bedeutet das nicht das Ende seiner Arbeit fürs Theater. Dafür ist die Bühne viel zu sehr sein Leben. Womit wir wieder bei „Till Ulenspiegel“ wären und den Proben für die Urauffführung. — Und dem Netzwerken. Denn Reinhard Simon will in Schwedt mit dem Uckermärkischen Berufsbildungsverbund eine Berufsakademie aufbauen. Sie soll Tischler, Schlosser, Dekorateure und andere Handwerker ausbilden, die für einen florierenden Bühnenbetrieb unabdingbar sind. An ihnen gibt es einen Mangel in ganz Deutschland. Simons Vision: Eine richtige Lehre schaffen für theaterpraktische Berufe mit Abschlussprüfung und allem Drum und Dran. Praktika könnten an Theatern in Brandenburg und Berlin stattfinden.

