Wahnsinn
: Angermünde schlägt Wetterrekord

1912 war die Stadt der kälteste Ort in ganz Brandenburg. Jetzt übertrifft die Jahrestemperatur 2019 alle Messwerte.
Von
Oliver Schwers
Angermünde
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Ob er künftig überhaupt noch einen Schal tragen muss? Gundolf Sperling, früherer Chef der Wetterwarte Angermünde, zeigt das Schild von Wetterdienst und RBB zur Markierung des kältesten Ortes in Brandenburg im Jahre 1912.

Oliver Schwers

Angermünde ist die Stadt der Wetterrekorde: Seit 1908 wird hier täglich das Wetter aufgezeichnet. Doch eine solche Jahresmitteltemperatur wie 2019 hat es noch nicht gegeben. Gundolf Sperling, früherer Chef der Angermünder Wetterwarte, musste erst noch einmal genau nachrechnen. Doch nun steht es fest: Mit 10,9 Grad Celsius bietet die Region den wärmsten Gegenden Deutschlands Paroli. Der Mittelwert liegt über dem deutschen Rekorddurchschnittswert von 10,5 Grad Celsius, gemessen 2018.

Es wird sprunghaft wärmer. Denn das bisherige Angermünder Maximum von 10,4 Grad Celsius (erreicht in den Jahren 2014 und 2018) ist nun gleich um ein halbes Grad überschritten worden. „Ein ungeheurer Sprung“, so die Einschätzung des Wetterexperten Gundolf Sperling, der auch im Ruhestand die berühmte Angermünder Klima–Reihe weiterführt und zur Verfügung stellt. Das hat sich schon Mitte November nach Auswertung der öffentlich vorliegenden amtlichen Messwerte angedeutet. Mit Ausnahme von Mai liegen alle Daten über den jeweiligen monatlichen Normaltemperaturen.

Jahres–Wärme–Spitzenleistung

Die neue Jahres–Wärme–Spitzenleistung wird umso bedeutsamer, wenn man den Vergleich mit den vergangenen Jahrzehnten heranzieht. Die 30–jährige Mitteltemperatur zwischen 1961 und 1990 ist da mit nur 8,3 Grad Celsius angegeben.

Natürlich gibt es auch immer Jahre, wo es mit den Werten wieder richtig runter geht. Schon 1912 hat Angermünde da einen dicken Rekord geschlagen: Mit einer Bibber–Kälte von minus 30,1 Grad Celsius ist die Stadt bis heute der kälteste Ort in Berlin und Brandenburg seit der Wetteraufzeichnung. Das denkwürdige Datum haben der Deutsche Wetterdienst und der Rundfunk Berlin–Brandenburg sogar mit einer Tafel am Haus der Stadtinformation in der Brüderstraße verewigt.

Und dieser Wert dürfte vermutlich als Allzeitrekord in die Geschichte eingehen. Denn bei Betrachtung der langfristigen Temperaturzunahme werden diese Ausrutscher immer seltener. Die Verlaufskurve macht seit Ende der 1980er–Jahre einen sichtbaren Sprung im Plusbereich. „Es fehlen einem die Worte“, so die Reaktion des wettererfahrenen Gundolf Sperling. „Die Entwicklung geht ständig nach oben.“

Da stellt sich sofort die Frage, ob hier der Klimawandel deutlich schneller zuschlägt als andernorts. „Wir betrachten einen weltweiten Temperaturanstieg“, sagt Sperling. Das bezieht sich auch auf Deutschland. Der neue Sprung in Angermünde sei aber doch unverhofft.

Längere Wechselperioden

Wie aber sah das Wetter in früheren Jahrhunderten aus? Aufzeichnungen darüber gibt es nur sporadisch und zwar meist bei ungewöhnlichen Erscheinungen mit verheerenden Folgen wie Dürre, Bränden oder Hagelschäden. Allerdings besaßen uckermärkische Dörfer einst in vielen Fällen auch Weinhänge. Und Wein benötigt eben ein wärmeres Klima. „Man muss trotzdem nicht davon ausgehen, dass es so warm war“, meint der Wetter–Experte. „Es gab einerseits Eiszeiten und Warmzeiten. Aber der Wechsel vollzog sich in langen Perioden.“ Die neue Angermünder Jahres–Wärme–Spitzenleistung habe in Zeiten der Klimaerwärmung sicher nur eine beschränkte Lebensdauer. Damit dürften weitere Rekorde schon vorprogrammiert sein.