2. Weltkrieg in Lebus
: Oderstadt 1945 – zwischen Verdrängung, Flucht und Hoffnung

In Lebus wird an den 80. Jahrestag des Kriegsendes mit Veranstaltungen erinnert. Ortschronist Manfred Hunger schildert eindrucksvoll, was sich gegen Kriegsende ereignet hat.
Von
Ingo Mikat
Lebus
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Wehrmacht in der Oderstraße von Lebus im Frühjahr 1945:

Wehrmacht in der Oderstraße von Lebus im Frühjahr 1945

Klaus Hunger/Heimatverein Lebus

„Zum Ende des 2. Weltkrieges waren in Lebus 90 Prozent der Häuser zerstört. Überall lauerten Minen, auf den Feldern und an vielen Wegesrändern lagen Leichen. Es gab keinen Strom, kein Wasser und es herrschte Rechtlosigkeit. So beschreibt der Ortschronist von Lebus, Manfred Hunger, die Situation in Lebus an der Oder zum Kriegsende vor 80 Jahren.

Der Heimatverein der Stadt erinnert mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen an das historische Geschehen.

Manfred Hunger bezeichnet Aufrüstung als Irrweg

Manfred Hunger schildert vor seinem Rückblick auf Lebus zum Kriegsende vor 80 Jahren seine Freude über die anfänglich friedliche Entwicklung in der Welt nach 1989 und gab dem Wunsch Ausdruck, dass Politiker endlich wieder auf den Weg der Vernunft und Menschlichkeit zurückfänden.

Angesichts mannigfaltiger Bedrohungen und Problemen für eine weitere und zukünftige gedeihliche Entwicklung der Menschheit (drohender Umweltkrisen und damit Hungerkatastrophen, maroder Infrastruktur, mangelhaftem Gesundheitswesen und ungenügenden Bildungsanstrengungen sowie weltweitem Anwachsen von Fluchtursachen) bezeichnete er die zurzeit von einigen Politikern betriebene und angedachte Aufrüstung als gefährlichen und absurden Irrweg.

Im Haus Lebuser Land: Am Sonnabendnachmittag startete der Heimatverein der Stadt eine Veranstaltungsreihe zum 80-jährigen Kriegsende in Lebus mit einem Vortrag des Ortschronisten Manfred Hunger.

Im Haus Lebuser Land: Am Sonnabendnachmittag startete der Heimatverein der Stadt eine Veranstaltungsreihe zum 80-jährigen Kriegsende in Lebus mit einem Vortrag des Ortschronisten Manfred Hunger.

Cornelia Mikat

Für seinen Vortrag hat der Lebuser Geschichtsforscher in den letzten Jahrzehnten in hunderten Stunden historische Dokumente und Materialien in Archiven studiert und zahlreiche Zeitzeugen befragt. So konnte er am Sonnabend (16. Februar), im bis auf den letzten Stuhl gut gefüllten Veranstaltungssaal des Stadt-Museums Lebus, einen fast minutiösen Verlauf der letzten Kriegstage in Lebus schildern.

2. Weltkrieg in Lebus: Durchhalteparolen bis zuletzt

Am 28. Januar 1945 fand der letzte reguläre Gottesdienst in der Lebuser Kirche statt. Drei Tage später bildete die Rote Armee mit 2000 Soldaten und Panzern der 5. Stoßarmee der 1. Belorussischen Front überraschend am 31. Januar einen ersten Brückenkopf bei Kienitz. In Lebus waren zu jener Zeit nur eine kleine SS-Truppe und wenige versprengte deutsche Soldaten stationiert.

Viele Lebuser waren zur Flucht entschlossen und bereiteten diese trotz Verbot heimlich vor. Andere, die vielleicht in Distanz zum NS-Staat gestanden hatten, oder die ihr mühsam erarbeitetes Heim nicht im Stich lassen wollten, waren bis zum Schluss unentschlossen und zögerten. Sie bezahlten ihr Abwarten oft mit dem Leben oder ihrer Gesundheit. NS-Funktionäre verbreiteten auch in Lebus nach wie vor Durchhalteparolen und pressten die Menschen in den Dienst einer verlorenen Sache. So beschuldigten Fanatiker kriegsmüde Lebuser als „Saboteure der Heimat“.

Lebus  von der oder aus im Frühjahr 1945:

Lebus von der Oder aus im Frühjahr 1945: Bis zum 31. Januar 1945 war das Westufer der Oder bei Lebus militärisch ungesichert.

Manfred Hunger/Heimatverein

Am gleichen Tag der Bildung des Sowjetischen Brückenkopfes bei Kienitz erhielt der Unteroffizier Menke vom NSDAP-Ortsgruppenleiter Rauschenbach Befehl, den Lebuser Volkssturm zu einer „schlagfertigen Einheit“ zu formieren. Die Männer erhielten italienische Gewehre, 30 Patronen und Panzerfäuste. Bis zum 31. Januar war das Westufer der Oder bei Lebus militärisch ungesichert.

Ende Januar wurde in Bayern das Volkssturm-Bataillon 7/198 „Franken“ formiert und nach Frankfurt (Oder) in Marsch gesetzt. Alte und unausgebildete Männer, notdürftig bewaffnet, sollten die offene Front vom Frankfurter Nordrand bis zur Stadt Lebus verteidigen. Am 1. Februar verließ der Neu Lebuser Lehrersohn Peter Zaeske mit der letzten über die Oder fahrenden Fähre seine Heimat. Das kleine Boot wurde schon von einer Kosakenpatrouille beschossen.

Rechts der Oder fanden zu dieser Zeit noch keine Kampfhandlungen statt. Angesichts der aussichtslosen Lage und unzureichender Bewaffnung vermieden die Angehörigen des Lebuser Volkssturms jedoch bewaffneten Widerstand. In Neu Lebus wurden Ende Januar die ungefähr 15 bis 20 noch vorhandenen Männer aufgefordert, die Verteidigung vorzubereiten. Mit Pistolen und Panzerfäusten sollten sie den Ort verteidigen.

2. Weltkrieg in Lebus: Kriegsende – Hoffnung auf Verschonung

Das Grundstück Thiede wurde Kommandostelle. Als die telefonische Verbindung von dort zur Stadt Lebus jedoch abriss, kamen keine Befehle mehr an. Die Männer wollten die anrückenden russischen Soldaten nicht durch sinnlose Aktionen reizen, deshalb entledigten sie sich ihrer Waffen und gingen auseinander. Auf der Westseite der Oder, in den Höfen von Lindenstraße, Oderstraße und Schlossberg waren ab dem 3. Februar  Wehrmacht und SS einquartiert. Lebuser berichteten vom anmaßenden und rüden Benehmen der SS-Soldaten gegenüber der Lebuser Zivilbevölkerung.

Bewohner der Oderstraße erzählten unter anderem nach dem Krieg: „Am Abend des 2. Februar 1945 rüstete man zur Flucht. Nach 20 Uhr klopfte es an der Tür. Drei SS-Soldaten erklärten eine Schreibstube einrichten zu wollen. Die Soldaten gaben sich optimistisch: „Die anderen Brotbeutelhopser haben ja nichts gemacht, jetzt kommen wir, da brauchen Sie keine Angst mehr haben.“

Die Lebuser hatten tatsächlich keine Angst mehr.  Denn es war ja undenkbar gewesen, dass die „Russen“ über die Oder kommen würden.“ Viele Bewohner in Lebus, Tirpitz und Neu Lebus waren Landwirte. Einige wollten Grundstücke und Vieh nicht im Stich lassen, sie hofften, dass der Krieg über sie hinweggehen, sie vorm Schlimmsten verschont bleiben würden. Die meisten von ihnen mussten diese Hoffnung teuer, viele mit dem Leben, bezahlen. Manfred Hunger berichtet von erschütternden Zeitzeugenberichten der Überlebenden von unglaublichen Übergriffen und Kriegsverbrechen.

Linda Schrape las den Gästen der Veranstaltung einige dieser Berichte vor, unter anderem einen von Frau Konietzka: „Trotz allem hieß es stets, keine Gefahr für Lebus. Im Ernstfall erfolge eine organisierte Räumung der Bevölkerung. Doch diese erforderliche Meldung ging nur an die – Parteigenossen (PG).  Wir selbst hatten uns im Hauskeller für den Notfall eine Schlafgelegenheit eingerichtet und hier auch die letzte Montagnacht verbracht. Am Montag früh kamen plötzlich einige Offiziere. Sie waren überrascht uns noch im Haus anzutreffen und wollten sicher unser Lebensmittelgeschäft schon ausräumen. Sie sagten, dass nachts bereits der Räumungsbefehl ergangen sei und wir schnellstens raus müssten, Lebus wäre jetzt Hauptkampflinie.

Mit meiner einhalbjährigen Tochter im Kinderwagen und meinen Eltern, sowie notwendigstem Gepäck gingen wir zur Seelower Straße, wo angeblich noch einige Lebuser Fuhrwerke abfahren sollten.  Mein Vater wollte den anwesenden Ortsgruppenleiter Rausch die Ladenschlüssel für alle Fälle abgeben. Dieser wies ihn jedoch barsch zurück; er dürfe nicht flüchten, sondern solle die Lebuser versorgen. Meinen kleinen Koffer, den ich bereits auf dem Wagen hatte, warf er meinem Vater hin, wir seien keine PG, wir dürften nur mitnehmen, was wir tragen könnten.“

Das Lebuser Schützenhaus 1945:

Das Lebuser Schützenhaus 1945: Die meisten Einwohner verließen Lebus zu Fuß in Richtung Döbberin – Falkenhagen.

Manfred Hunger/Heimatverein

„Am Sonntag, 5. Februar, stieg das Wasser in der Oder stark an", berichtet Konietzka. „An der Ecke Kietzer/Breite Straße befand sich die Molkerei Völz (das neue Grundstück von Metzkows), die schon unter Wasser stand. Frau Völz kam mit ihren Milchkannen in unser Geschäft (heute südlich vom Handelshof) um die Milch auszugeben. Der Vater musste auf Geheiß des Ortsgruppenleiters Rausch weiter zur Absicherung der Versorgung bleiben).“

„Schweren Herzens mussten wir meinen Vater zurücklassen und versuchten einem Fuhrwerk zu folgen. Dies gelang uns aber nicht und wir unternahmen einen schwierigen Fußmarsch nach Treplin, wo die Lebuser Flüchtlinge angeblich aufgenommen würden. Hinter uns grollte der Geschützdonner aus Richtung Lebus. Mein Vater erzählte später, dass schon gegen Mittag eine erste Granate zwischen unserem und Nachbar Fischers Haus eingeschlagen wäre. Sämtliche Scheiben im Haus waren geplatzt. Auf dem Grundstück Dr. Bieler, in der Frankfurter Straße, sah er schon einen Verbandsplatz und viele Tote.“

2. Weltkrieg in Lebus: Granateneinschläge am Bahnübergang Schönfließ

Am 5. Februar verließen die Lebuser die Stadt, auf Fuhrwerken oder mit Handwagen. Betuchtere bzw. Privilegierte waren schon vorher zum Teil mit Pkw auf Flucht gegangen. Viele sahen ihre Heimat nicht wieder. Die Stadt lag nun schon unter Dauerbeschuss. Zu den ersten Treffern zählten die Mühlen von Bretsch-Mathias. Die Flüchtenden sahen in der Dämmerung ihre brennenden Flügel, die im Wind drehten. Am Bahnübergang schlugen regelmäßig Granaten ein, die Fuhrwerke mussten die kurze Zeit zwischen zwei Einschlägen nutzen um den Übergang zu passieren.

Am Straßenrand lag die Leiche des getöteten Sanitäters Fritz Schindler, bewacht von seinem Hund, der nicht von seinem Herrn weichen wollte. An den Straßeneinmündungen am Bahnüberübergang Schönfließ standen damals drei Freileitungs-A-Masten. Die fliehenden Lebuser sahen an jedem der Masten einen fahnenflüchtigen Deutschen aufgehängt. Die meisten Einwohner verließen Lebus zu Fuß in Richtung Döbberin – Falkenhagen. Viele Lebuser wurden nach Elstal, dem olympisches Dorf von 1936, evakuiert.