75. Jahrestag der Befreiung
: Als in Seelow der 2. Weltkrieg vorbei war

Nach der großen Schlacht war die Stadt fast menschenleer und zu 40 Prozent zerstört. Das Aufräumen und die Versorgung mit Lebensmitteln waren die ersten wichtigen Aufgabe für die von der Flucht heimkehrende Bevölkerung.
Von
Michael Schimmel
Seelow
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  • Kriegsende: Polnische Soldaten lassen sich an der Kreuzung in Seelow fotografieren. Sie hatten eine eigene Kommandantur in der Stadt eingerichtet.

    Kriegsende: Polnische Soldaten lassen sich an der Kreuzung in Seelow fotografieren. Sie hatten eine eigene Kommandantur in der Stadt eingerichtet.

    Sammlung Schimmel
  • Haus der Bäckerei Stäuber 1945 in der Berliner Straße (oben). Soldaten der Roten Armee auf dem Seelower Markt (links).

    Haus der Bäckerei Stäuber 1945 in der Berliner Straße (oben). Soldaten der Roten Armee auf dem Seelower Markt (links).

    Ulf Grieger
  • Haus der Bäckerei Stäuber 1945 in der Berliner Straße Polnische Soldaten auf dem Marktplatz Sowjetische Soladaten April 1945 auf dem Markt

    Haus der Bäckerei Stäuber 1945 in der Berliner Straße Polnische Soldaten auf dem Marktplatz Sowjetische Soladaten April 1945 auf dem Markt

    Ulf Grieger
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In den späten Nachmittagsstunden erreichte die Rote Armee den Bahnhof. Die Seelower Höhen waren für die Panzer zu steil, um hinauf zu fahren.

In den Nachtstunden haben die ersten sowjetische Soldaten die ersten Erkundigungen in der Stadt unternommen. Die Rote Armee hatte Seelow umgangen und am 18. April aus Gusow kommend eingenommen. Von Dolgelin über Zernikow kommend, wurde Seelow eingekreist. Für die Stadt war nun der Krieg zu Ende.

Die Häuser am Markt brannten, darunter das Rathaus, die Gaststätten „Goldene Kugel“ und „Norddeutsches Haus“, das Haus des Kaufmanns Mauß, das Zollamt, die Häuser Lode und dahinter. Die Kirche war ausgebrannt. So sah es in der ganzen Stadt aus. Viele Häuser waren durch Brandbomben und Geschosse in Schutt und Asche gelegt oder getroffen und eigentlich unbewohnbar. Die alte Mühle, das Wasserwerk und die Bahnhofsbrücke waren vor dem Angriff gesprengt worden. Alle Versorgungsbetriebe wie Bäckereien und die Zeitungsdruckerei sollten gesprengt werden, was aber durch die Umsicht und viel Mut von Bürgern verhindert wurde. Dagegen blieben alle Gebäude von der unteren bis zur oberen Bruchkante fast unbeschädigt. Die Stadt war zu 40 Prozent zerstört.

Zunächst aber waren in Seelow kaum Einwohner vorhanden, genau 152 waren es im April, am 3. Mai waren 50 Bewohner der Stadt gemeldet. Es waren keine Lebensmittel und kein Vieh vorhanden. Als erstes wurde in der Stadt eine russische und eine polnische Kommandantur eingerichtet. Die polnische Kommandantur wurde am 28. Juni wieder aufgelöst.

Die ersten neuen Bewohner der Stadt waren drei Tage nach der Eroberung Frauen und Kinder aus Müncheberg. Aus Müncheberg kam auch das erste Getreide für Brot. Somit konnte die russische Kommandantur an die Gefangenen, die Flüchtlinge und Bürger Brot verteilen, auch wenn es nur dünne Scheiben waren. Der Briefträger Herr Rieseweber, der als Volkssturmmann in Seelow geblieben war, wurde vom russischen Kommandanten zum Bürgermeister ernannt. Erste Aufgabe war das Aufräumen der Stadt.Täglich gab es früh einen Appell beim Bürgermeister. Die arbeitsfähigen Einwohner wurden zu den anliegenden Arbeiten eingeteilt.

Trotz der langen Arbeitszeit wurde am Abend am eigenen Haus und Garten weitergearbeitet, das Haus, die Stallungen und der Garten in Ordnung gebracht. Die Durchgangsstraßen waren nach kurzer Zeit wieder befahrbar. Die gefallenen Sowjetsoldaten wurden auf dem Marktplatz und an der rechten Ecke nach Werbig beerdigt. Nach zähen Verhandlungen konnte die sowjetische Kommandantur umgestimmt werden, den sowjetischen Friedhof auf der heutigen Gedenkstätte der Seelower Höhen anzulegen und die schon beerdigten Soldaten umzubetten.

Mit der Zeit kamen die Seelower Bewohner zu Fuß zurück. Dort angekommen, sahen sie die Trümmer ihrer Häuser. Oder, dass das Haus durch Flüchtlinge belegt war. Häufig war es dann noch geplündert und ausgeräumt worden.

Die heimkehrende Bevölkerung und die Flüchtlinge brachten Krankheiten wie Typhus mit. Anfang Juli war noch kein deutscher Arzt in der Stadt. Russische Ärzte übernahmen die Versorgung ohne ausreichende Medikamente. Die Krankheit raffte ganze Familien dahin. Es gab mehr als 200 Beerdigungen, die von der Pfarrersfrau Mechthild Kehr vorgenommen wurden. Grund dafür war, dass kaum Essbares vorhanden war und die mangelnde Hygiene in der ersten Zeit. Gottesdienste wurden im Saal der Gaststätte „Drei Kronen“ durchgeführt.

Am 31. Mai nahm die Bäckerei Stäuber wie zuvor schon die Bäckerei Krause ihre Arbeit wieder auf. Zu Essen wurde alles verarbeitet und genutzt was man hatte oder bekam. So unter anderem das Viehsalz, Sauerampfer, Brennnesseln, Saubohnen, Kohlblätter aus den Strünken vom Rosenkohl gesammelt und so weiter. Es wurden auch Eicheln gesammelt und mit Süßstoff zu Marmelade verarbeitet. Wenn es in der ersten Zeit überhaupt Fleisch gab, dann war es von Pferden. Hier wurde auch nicht gefragt, woher es kam. Man war froh, überhaupt Fleisch zu haben. Seit dem 19. Mai gab es Lebensmittel auf Karten. Dafür musste man Arbeit nachweisen und oft waren nicht immer genügend Lebensmittel für die Ausgabe vorhanden.

Auf der zweiten Bürgermeistertagung im Juni im Hotel „Schwarzer Adler“ konnte vermeldet werden, dass die Frühjahrsbestellung fast fertig war, die Straßen bereinigt waren und viele Gebäudereparaturen in gemeinsamer Arbeit ausgeführt wurden. Innerhalb kurzer Zeit konnten Geschäfte instandgesetzt und wieder eröffnet werden, darunter zwei Bäckereien, eine Fleischerei, ein Lebensmittelgeschäft, eine Mühle, eine Restauration, Selter– und Limonadenfabrik, Schlosserei, Schmiede, Tischlerei, Uhrmacherei, Schneiderei, Schuhmacherei und Friseure. Zur Eröffnung vorbereitet waren: ein Konfektions–, ein Eisenwaren– und ein Schuhgeschäft. Eine Drogerie und das Sägewerk wurden wieder instandgesetzt. Die ehemalige Domäne mit seinen Ländereien, wurde vom russischen Kommandanten an die Stadt übergeben.

Das Bürgermeisteramt wechselte, so unter anderem an die Herrn Klawisch und Boer. Beide hatten eigenmächtig etwas vom „Russengetreide“ für die Bevölkerung zurückbehalten und wollten die Menge später wieder zurückführen. Dieses aber bemerkte die russische Kommandantur und stellte Boer und Klawisch unter Anklage.

Neuer Bürgermeister wurde Herr Rückheim. Am 12. Juli übernahm Paul Papke aus Landsberg/Warthe das Amt des Landrates des Kreises Lebus. Obwohl man es vermeiden wollte, die alten Angestellten wieder einzustellen, war es nicht immer zu umgehen. So unter anderem Wilhelm Leder, der Leiter des Kreis–Wirtschafts– und Ernährungsamtes war, und nun vom neuen Landrat berufen wurde, die Abteilung Finanzen zu übernehmen. Infolge der Auslagerung des Landratsamtes waren kaum Unterlagen vorhanden und da wurde das Wissen wie von Leder dringend benötigt.

Mitte September war die Lebensmittelversorgung immer noch nicht besser. Das Brot war aus Schrot, ein schlecht gebackenes Schrotbrot mit Acheln drin, weil die Körner nicht ordnungsgemäß gereinigt worden sind. Eine Zuteilung an Fett oder Butter gab es nicht, weil nichts vorhanden war.

Langsam kam die Zeit der ersehnten Ernte und hoffentlich das Ende der dürftigen Mahlzeiten. Für die Ernte standen kaum Maschinen zur Verfügung. Viele Arbeiten mussten von Hand ausgeführt werden. Das Getreide wurde mit der Sense gemäht und dann zu Garben zusammengebunden und aufgestellt. Pflückerkolonnen ernteten unter der Aufsicht von russischen Soldaten das Obst an den Straßen und Chausseen ab. Am 28. August wurde die Feuerwehr reaktiviert. Motorisierte Technik fehlte. Deshalb gab es eine Anordnung, dass die Bauern ihre Pferde der Feuerwehr zur Verfügung stellen mussten, wenn es brannte.

Zum 1. September wurde die Kreissparkasse Lebus, Sitz Seelow, wieder eröffnet. Zunächst wurde der Saal im Amtsgericht (heute Rathaus) von der Sparkasse benutzt, weil auch das Gebäude der Sparkasse beschädigt war. Der sowjetische Kreiskommandant berief am 13. September, alle Bürgermeister zu einer Arbeitstagung nach Seelow. Der Hauptschwerpunkt war die Durchführung der demokratischen Bodenreform im Kreis Lebus. Dazu gründete sich im Oktober in jedem Dorf ein Ortskomitee der gegenseitigen Hilfe.

Für den September und Oktober waren von der Stadt 1600 kg Kartoffeln und 6,4 Tonnen Getreide beantragt und bewilligt worden. Für den September und Oktober entfielen damit 175 Gramm Kartoffeln pro Kopf. Mitte Oktober konnte es auf 200 Gramm erhöht werden. Vom 15. Oktober bis 15. November sollen 18 kg pro Kopf verteilt werden. In der Magistratssitzung vom 16. Oktober konnte festgestellt werden, daß die Brotgetreideversorgung sehr gut ist. 75 Gramm pro Tag und pro Kopf konnten verteilt werden.

Der Postverkehr konnte am 1.Oktober wieder aufgenommen werden und die Eisenbahnstrecken Berlin–Küstrin–Kietz und Werbig– Bad Freienwalde waren wieder befahrbar. Zu Beginn des Oktobers hatte die Stadt 10 Polizisten.

Ende September kam Pfarrer Kehr wieder nach Seelow. Vom Stadtkommandanten wurde Pfarrer Kehr nach noch nicht aufgespürten Nazis gefragt. Seine Antwort war: „Ich sei bin aus Glaubens– und Gewissensgründen Gegner der Nazis gewesen. Aber Menschen nun nachträglich zu denunzieren, verbietet mir wiederum mein Gewissen.“ Die meisten Nazianhänger hatten sich abgesetzt und kamen nicht mehr nach Seelow zurück. Wenn sie zurückkamen, wurden sie verhaftet und in Internierungslager gebracht. So unter anderem der Zeitungsverleger Miclucy oder die Vorsitzende der NS–Frauenschaft Frau Rehse.

Eine andere Geschichte hatte die Lehrerin Kob. Sie war wegen ihrer Mitgliedschaft bei der Bekennenden Kirche, in den 30er Jahren versetzt worden und wurde nun wieder in Seelow als Lehrerin eingestellt.

Nachdem es sich langsam mit der Lebensmittelversorgung verbessert hatte, bestand nun die Aufgabe der Versorgung mit Heizmaterial. Die Stadt hatte10 000 Meter Brennholz beim Landratsamt beantragt. In der Holzmenge war der Bedarf der Betriebe eingerechnet und dazu je Haushalt ein Meter Holz. Nach vielem Hin und Her konnte am 18. Dezember bekannt gegeben, dass Seelow 1500 Raummeter Holz in den Waldgebieten von Friedersdorf und Falkenhagen, Bau– und Brennholz schlagen darf. In der Zeit von Oktober bis November sollte die Stadt 5000 Zentner Kohlen erhalten, wovon 1000 Zentner für die Betriebe, Behörden usw. eingeplant waren. Der Rest war für die 800 Haushalte gedacht, womit jeder Haushalt fünf Zentner erhalten sollte. Leider ist nicht bekannt, was wirklich geliefert wurde bzw. ausgegeben werden konnte. Zum Jahresende wurde Dr. Wagner als Stadtarzt und Vertrauensarzt der Stadt angestellt. Das Wasserwerk wird instand gesetzt von Herrn Steindorf und dem Wassermeister Schulz.

Am 13. November wird dem Antrag vom Zahnarzt Alfred Baier, für die Wiedereröffnung seiner Zahnarztpraxis vom  Magistratssitzung zugestimmt. Eugen Klewosel aus Kersdorf erhielt die Genehmigung zur Eröffnung der Apotheke. In der Werkstatt von Erich Miekley durften landwirtschaftliche Maschinen und Geräte repariert werden, im Einvernehmen mit dem Kreis– und Stadtkommandanten. Im Herbst konnte das Denkmal des russischen Künstlers Lew Kerbel eingeweiht werden.