Auf den Spuren Fontanes: „Lebus, die Kathedralenstadt, ist hin“
In einer Serie wandert die Märkische Oderzeitung anlässlich des 200. Geburtstages auf den Spuren des Schriftstellers. Wir stoppen an markanten Anlaufpunkten. Heute: Dampferfahrt von Frankfurt über Lebus.
„Zwischen Frankfurt und Stettin ist während der Sommermonate ein ziemlich reger Dampfschiff–Verkehr. Von besonderer Wichtigkeit sind die Schleppdampfer. In vierundzwanzig Stunden ist erreicht, was sonst vielleicht vierzehn Tage gedauert hätte“, schreibt Fontane nach einer Dampferfahrt ab Frankfurt über Lebus anno 1862. Vom 23. bis 29. Juni bereist der damals 42–Jährige das Oderbruch, verfasst danach das Feuilleton.
Theodor Fontane geht an einem Sonnabend um fünf Uhr morgens an Bord. Der Dampfer liegt am Frankfurter Bollwerk vor Anker. „An dem breiten Kai der alten Stadt Frankfurt, hohe Häuser und Kirchen zur Seite — das Ganze mehr oder weniger an den Kölner Kai zwischen der Schiffbrücke und der Eisenbahnbrücke erinnernd — liegt der Dampfer und hustet und prustet.“ In der Nähe fällt das Gefängnis mit einer Reihe vergitterter Fenster ins Auge, heute Sitz der Musikschule und der Gedenkstätte für die Opfer der politischen Gewaltherrschaft. Fontanes Blick fällt auch auf die Reformierten Kirche, seit 1929 die Friedenskirche — heute Konzerthalle „Carl Philipp Emanuel Bach“.
„Zur Linken verschwindet die Stadt im Morgennebel; nach rechts hin, zwischen Pappeln und Weiden hindurch, blicken wir in jenes Hügelterrain hinein, dessen Name historischen Klang hat trotz einem, — Kunersdorf“, sinniert Fontane. Nach zehn Fluss–Kilometern wird Lebus erreicht, die alte Bischofsstadt, um 1109 erstmalig urkundlich erwähnt. Nichts erinnere mehr an die Tage früheren Glanzes und Ruhmes, befindet Fontane. „Die alte Kathedrale, das noch ältere Schloß, sie sind hin, und eines Lächelns kann man sich nicht erwehren, wenn man in alten Chroniken liest, dass um den Besitz von Lebus heiße Schlachten geschlagen wurden“, notiert der Dichter nicht sehr euphorisch seine Eindrücke.
„Lebus kommt bei Fontane wirklich nicht gut weg“, meint Ortschronist Manfred Hunger. Dabei biete sein Städtchen heute herrliche Ausblicke über die Oderlandschaft und sei ideal für Rad– und Wandertouren, schwärmt er. Gern steigt er mit interessierten Touristen nach oben, auf dem kleinen Bergrücken, zu dem heute Turm–, Schloss– und Pletschenberg gehören. Dort weilt der Betrachter nicht nur in Höhe des Kirchendaches und hat einen beeindruckenden Panoramablick entlang der Oder bis weit ins polnische Land hinein. Er steht auch vor einer plastischen Nachbildung der Grundrisse der historischen Burg mit einer 22 Meter langen Brücke, angedeuteten Burgmauern aus hochwertigen Cortenstahl oder mit Drahtgitter eingefassten Mauern. Ein ehemaliger Turm vor der Westseite der Burg wurde ebenfalls mit Cortenstahl ummantelt und abgedeckt. Der Bergfried, inmitten der Platzanlage gelegen, ist mit Vliesen eingepackt und in einem Cortenstahlring eingefasst.
„Lebus, die Kathedralenstadt, ist hin, aber Lebus, das vor dreihundert Jahren einen fleißigen Weinbau trieb, das Lebus existiert noch. Wenigstens landschaftlich. Nicht dass es noch Wein an seinen Berglehnen zöge, nur eben der malerische Charakter eines Winzerstädtchens ist ihm erhalten geblieben“, lobt Fontane — ein wenig. „Bis in das 17. Jahrhundert hinein baute man an den Südhängen der Oder tatsächlich Wein an“, weiß Manfred Hunger. Der Heimatverein setze sich für die Erhaltung der Denkmäler in Lebus ein und organisiere jährlich Mitte Mai das Fliederblütenfest.
Wo einst die alte Kathedrale stand, erhebt sich jetzt die Lebuser Kirche, ein Bau aus neuer Zeit.“ Die Unterstadt habe Höfe und Treppen, die an das Wasser führen; die Oberstadt Zickzackwege und Schluchtenstraßen, „die den Abhang bis an die Unterstadt hernieder steigen. Auf diesen Wegen und Straßen bewegt sich ein Teil des städtischen Lebens und Verkehrs. Gänse und Ziegen weiden dort unter Gras und Gestrüpp; Frauengestalten, zum Teil in die malerische Tracht des Oderbruchs gekleidet, schreiten bergab.“ Ein paar Gänse sind bei unserem Lebuser Februar–Besuch tatsächlich zu sehen. Aber Frauen in der malerischen Tracht des Oderbruchs werden den Touristen auch im Sommer nicht entgegen schreiten.
„Nun aber Kommandowort vom Radkasten aus und unser Dampfer schaufelt weiter. Lebus liegt zurück, und wir treten jetzt, auf etwa eine Meile hin, in jenes Terrain ein, wo Stadt und Dorf, zu beiden Seiten des Flusses, an die Tage mahnen, die jenem Kunersdorfer 12. August vorausgingen und ihm folgten. Es sind drei Namen vorzugsweise, denen wir hier begegnen: Reitwein, Göritz und Ötscher, alle drei mit der Geschichte jener Tage verwoben.“
Schauspieler Detlef Bierstedt trägt am 22. Februar um 19 Uhr im Haus Lebuser Land, Schulstraße 7, Texte von Theodor Fontane vor.


