Steffen Hampel, Leiter des Gesundheitsamtes und Amtsarzt in Märkisch-Oderland, kehrt von einem Termin in Rüdersdorf in sein Büro in der Kreisverwaltung in Seelow zurück. An der Immanuel Klinik in Rüdersdorf gibt es zurzeit das einzige Abstrichzentrum im Landkreis. Noch in einem Zelt und genau das ist das Problem, das gelöst werden soll. „Am Donnerstag kommt der Container“, sagt Hampel und fügt hinzu: „Es soll keiner im Regen stehen.“

Neue Lösung soll so schnell wie möglich in Betrieb gehen

Der Amtsarzt spricht von einer guten Runde mit Dr. Anke Speth, die die Poliklinik und auch die Corona-Ambulanz in Rüdersdorf leitet, Poliklinik-Koordinatorin Sylvia Hoeth, dem technischen Leiter Andreas Hahn sowie dem im Gesundheitsamt zuständigen Fachdienstleiter Stefan Kastner. Sogar Alexander Mommert, Geschäftsführer der Immanuel Klinik, habe kurz vorbeigeschaut. „Das zeigt, dass wir alle an einem Strang ziehen“, erklärt der Amtsarzt und ergänzt: „Wir haben über Standort, Wegeführung und Abläufe gesprochen.“ Der Container soll so schnell wie möglich in Betrieb genommen. Angestrebt werde zudem eine ganztägige Auslastung. Damit sei, so Hampel weiter, ein zweites Abstrichzentrum in Strausberg vorerst vom Tisch.

Wieder wöchentliche Telefonkonferenzen mit Krankenhäusern

Im berlinnahen Raum sei die Zahl der Erkrankten und Kontaktpersonen von Beginn an höher als beispielsweise im Oderbruch. Und die inzwischen seit mehreren Wochen auch in Märkisch-Oderland wieder steigenden Zahlen bereiten den Verantwortlichen im Landkreis Sorgen. „Wir haben die wöchentlichen Telefonkonferenzen mit den Krankenhäusern, dem Rettungsdienst und der Leitenden Notärztin jetzt erneut aufgenommen“, berichtet Steffen Hampel. Da gehe es um die Bettenbelegung, auch Strategiefragen.

Vier Covid-19-Patienten werden stationär behandelt

Für Videokonferenzen seien noch nicht alle Beteiligten ausgerüstet. Die Kreisverwaltung schon. Doch zurück zur Bettenbelegung. Laut Steffen Hampel müssen zurzeit drei bis vier Covid-19-Patienten stationär behandelt werden, immer wieder auch mal einer auf der Intensivstation. Die Zahlen würden etwas schwanken. Das gelte auch für die Zahl der neu infizierten Personen. „Das hängt mit den Meldungen zusammen – wie viele an dem jeweiligen Tag dazukommen und wie viele aus der Quarantäne entlassen werden können.“

Amtsarzt mahnt zu mehr Respekt vor der Gesundheit anderer

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Märkisch-Oderland lag zu Wochenbeginn bei 25, 26 in Bezug auf etwas mehr als 196.000 Einwohner. „Das ist ein stetiger Aufwuchs“, macht Steffen Hampel deutlich. Und der Trend setze sich fort. „Die 35 Neuinfektionen binnen sieben Tagen je 100.000 Einwohner könnten wir schon morgen erreichen.“ Er will keine Angst schüren, mahnt aber zu mehr Respekt vor der Gesundheit anderer. Mit allen positiven wie negativen Aspekten etwa im Bereich der Altenpflegeheime oder Behinderten-Wohnstätten.

Immer noch Familienfeiern in großem Rahmen

Die Zahl der hochaltrigen und Risikopatienten überwiege bisher in den Krankenhäusern. Das gelte auch für die Covid-19-Sterbefälle, die sich am Montag auf insgesamt sieben seit dem 10. März erhöht haben. In der Vorwoche waren es zwei. „Wir hören immer noch von Geburtstagsfeiern in größerem Rahmen“, sagt Steffen Hampel und nennt auf Nachfrage auch eine Zahl: „75 Gäste – das ist doch verrückt.“

Anrufer fordern mehr Kontrollen

Dass MOZ-Leser auf Facebook wieder stärkere Kontrollen fordern, kann er nachvollziehen. „Das bekommen unsere Mitarbeiter am Telefon ebenfalls häufiger zu hören.“ Die Gespräche seien zum Teil sehr anstrengend. So habe es zum Beispiel auch vereinzelte Beschwerden darüber gegeben, dass Märkisch-Oderland keinen zweiten Test nach fünf Tagen vorgenommen hat. „Die Betroffenen hätten ohnehin 14 Tage in häuslicher Isolation bleiben müssen“, so der Amtsarzt und sieht sich auch durch das Robert-Koch-Institut bestätigt. „Es hat die Empfehlung für diesen Test am Montag wieder zurückgenommen.“

Das Einhalten der Regeln bleibt wichtig

Aktuell gibt es 70 Infizierte im Landkreis, insgesamt 410 seit dem 10. März, informiert Steffen Hampel (Stand: 16 Uhr). Deshalb sei es umso wichtiger, die Regeln zu beachten – vor allem Abstand, Hygiene sowie Alltagsmaske und inzwischen um das regelmäßige Lüften und das Nutzen der Corona-App ergänzt. Hinweisen, dass die häusliche Isolation nicht eingehalten wird, werde sofort nachgegangen. „Da gibt es von Beginn an eine ausgezeichnete Zusammenarbeit mit der Polizei“, berichtet der Leiter des Gesundheitsamtes. Im April habe er noch jede Woche Bußgeldbescheide in dreistelliger Höhe geschrieben. Informiert seien stets auch die Ordnungsämter und Gemeinden. Über sie lasse sich auch eine Versorgung Betroffener sicherstellen. „Wir hatten gerade erst wieder einen solchen Einzelfall“, sagt Hampel und verweist darauf, dass auch Lebensmittelhändler nach Hause liefern.

Bilder vom Frühjahr nicht vergessen

Was passiert, wenn Maßnahmen nicht mehr greifen, könne man zurzeit im einstigen Musterland Tschechien beobachten. „Das ist alles kein Spaß“, sagt Steffen Hampel und würde Verschwörungstheoretikern gern empfehlen, sich in den Kliniken anderer Länder umzuschauen. „Das Gesundheitswesen in Tschechien ist am Zusammenbrechen.“ In Vergessenheit dürften auch nicht die Bilder aus Bergamo oder New York. „Das hat doch alles stattgefunden und wird wieder passieren, wenn wir aus unseren Erfahrungen nicht gelernt haben.“

Corona hinterlässt dauerhafte Schäden

Wer etwa Grippe mit Corona vergleiche, bedenkt in seiner Argumentation nicht, dass Grippe zu einer Lungenentzündung führen kann, mitunter auch mit Herzbeteiligung. „Die Lungenentzündung heilt normalerweise aus, aber Covid-19 hinterlässt dauerhafte Schäden, trifft mehrere Organe“, mahnt Steffen Hampel und fügt hinzu: „Da hat eine taffe 50-Jährige nach einem halben Jahr noch immer Probleme – mit der Lunge, den Gefäßen, den Nieren, auch neurologische Schwierigkeiten.“ Mit Blick auf Kinder verweist er auf das Kawasaki-Syndrom. „Wir haben es hier mit einer handfesten Erkrankung zu tun, die wir vorher nicht hatten.“

Telefonische Krankschreibungen nutzen

Der Amtsarzt wählt deutliche Worte, ohne Panikmache betreiben zu wollen. Doch wie schnell die Situation kippen könne, würden die Länder zeigen, deren öffentlicher Gesundheitsdienst nicht so ausgestattet ist wie zum Beispiel der in Deutschland. So begrüßt Steffen Hampel auch, dass jetzt wieder telefonische Krankschreibungen möglich sind.

Aufgaben der Fachdienste werden hinterfragt

Im Gesundheitsamt des Kreises selbst würden die Prioritäten jeden Tag neu gesetzt. „Meine Stellvertreterin und ich machen keine Gutachten mehr, der zahnärztliche Dienst ist von seinen eigentlichen Aufgaben entbunden, wir schauen, worauf wir in anderen Fachdiensten verzichten können“, zählt Steffen Hampel auf. Bei Bedarf könne er auch auf Mitarbeiter in der Personalreserve des Landkreises zurückgreifen. Zudem würden gerade fünf Bundeswehrangehörige neu eingearbeitet. Sämtliche Telefonate Betroffener würden inzwischen digital erfasst. „Damit dauert das Erstgespräch zwar vielleicht etwas länger und für andere erhöht sich etwas die Wartezeit, aber auf das, was dann einmal im System ist, können Mitarbeiter zugreifen, ob sie nun in Seelow oder Strausberg arbeiten.“

Empörung und Zustimmung für „Schwindel-Arzt“

Aus der Gemeindeverwaltung Fredersdorf-Vogelsdorf hat der Amtsarzt am Dienstag übrigens eine E-Mail mit der Bitte um eine klarstellende, distanzierende Presseerklärung erhalten. Bürger hätten sich demnach über Postwurfsendungen des HNO-Arztes Dr. Bodo Schiffmann empört, der im baden-württembergischen Sinsheim eine Schwindel-Ambulanz betreibt. Dieser übte auf seiner „Corona-Info-Tour“ vor wenigen Tagen auch in Frankfurt an der Oder Kritik an den Corona-Maßnahmen. In Fredersdorf-Vogelsdorf gab es dafür zum Teil Zustimmung – und die Aufforderung an die Verwaltung, die Maskenpflicht endlich abzuschaffen. Steffen Hampel kann da nur mit dem Kopf schütteln. Er zeigt sich jedoch zuversichtlich, dass auch die aktuelle nationale Teststrategie bei der Eindämmung des Coronavirus helfen wird.
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