Erinnerungen an den Weltkrieg: Kriegshölle im Oderbruch
Mit bewegenden Worten würdigten sie das weltpolitisch bedeutende Ereignis und gedachten in Anwesenheit von 300 Gästen der Opfer beider Seiten. Wie Landrat Schmidt in seiner Ansprache zum Ausdruck brachte, wäre das Erinnern an den Beginn des letzten Aktes der Befreiung von der Naziherrschaft im Jubiläumsjahr wohl auch eine gesamtdeutsche Angelegenheit gewesen. Doch Vertreter der Bundesregierung oder des Bundespräsidialamtes suchte man in Kienitz vergebens.
An die Teilnehmer des sich an die Gedenkfeier anschließenden Friedensforums wurde je ein Exemplar der 3. Auflage des vor zehn Jahren erschienenen Buches „Erster Oderbrückenkopf 1945“ von Horst Rambusch verteilt. Darin finden sich sowohl eine sachlich richtige und informative Darstellung des Ereignisses sowie mehrere Augenzeugenberichte von Kienitzern, die damals als Kinder dabei waren. In einem Fernsehbericht kam auch der Augenzeuge Rudi Schulz zu Wort, der 1945 acht Jahre alt war. An den Schock, der das ganze Dorf angesichts der ersten Rotarmisten erfasste, konnte er sich gut erinnern. Er sprach auch von zwei Panzern, die er in Richtung Kleinbahnhof habe fahren sehen. Da trügt ihn seine Erinnerung, denn das brüchige Eis der Oder hätte damals einen tonnenschweren Panzer nicht getragen. Eine Panzerbesatzung hat es trotzdem versucht und ist mit ihrem Panzer noch vor Erreichen der Flussmitte eingebrochen.
Als "General“ nach Hälse
So überschritten gegen 8 Uhr vormittags an jenem 31. Januar 1945 das II. und III. Bataillon des 1006. Schützenregiments der 266. Division als Vorausabteilungen der 5. sowjetischen Stoßarmee den Fluss mit nur leichten Waffen. Fahrzeuge und schwere Artillerie konnten die Oder zunächst nicht überqueren. Zur Verstärkung des Brückenkopfes sind lediglich 15 7,6–cm–Kanonen und 16 12–cm– Granatwerfer über das Eis ans andere Ufer geschafft worden. Trotzdem hielten die Soldaten den am nächsten Tag einsetzenden und fortdauernden Angriffen der eiligst herbeikommandierten Wehrmachtseinheiten dauerhaft stand. Der Brückenkopf konnte auch nach dem Heranführen stärkerer Kräfte und auch mit Einsatz der Luftwaffe nicht mehr beseitigt werden. Bei diesen Kämpfen starben viele Soldaten auf beiden Seiten und auch ein Teil der Kienitzer Einwohner, die zwischen die Fronten geraten waren.
Als Ergänzung der in den letzten Jahrzehnten zahlreich veröffentlichten Erinnerungen von Zeitzeugen, sei hier der Bericht des Polizei–Hauptwachmeisters Hermann Beese aus Fürstenfelde (Boleskowice) mitgeteilt. Er hat erlebt, wie die Einheiten, von denen einige bei Kienitz die Oder überquerten, durch seinen Heimatort gefahren kamen. Was Beese erzählte, klingt etwas merkwürdig, ist aber wegen seines lauteren Charakters durchaus glaubwürdig: "Noch in den Morgenstunden gegen 7 Uhr kamen deutsche Kolonnen von Stettin durch Fürstenfelde Richtung Küstrin durch. Gegen 9 oder 10 Uhr war ich in meiner Wohnung in der Kirchstraße und trank meinen Kaffee. Ich hörte Motorengeräusch aus Richtung Wittstock (Wysoka) und trat hinaus auf die Kirchstraße. In dem Moment kamen um die Ecke, von Wittstock kommend, Panzer mit aufgesessener Infanterie. Die Panzer verschneit, die Infanterie nicht erkenntlich, so kam der erste Panzer, da ich nur zehn Meter von der Ecke stand, an mir vorbei. Erst jetzt sah ich, dass es russische Panzer waren. Die Infanteristen schrien und richteten die Maschinenpistolen auf mich. Der zweite Panzer kam auf mich zu gefahren. Ich musste zurücktreten, der Panzer bremste, die Infanterie sprang herunter, der Kommandant auch, und umzingelten mich mit den Worten „Du General?“ Ich bejahte und wurde daraufhin schnell zum Panzer geschoben, musste mit hinaufklettern und ab ging es in Richtung Küstrin. Die Kolonne bestand aus zehn bis zwölf Panzern, schwere Maschinen. Die Fahrt ging aber nicht nach Küstrin, sondern geradeaus in den Wald auf Hälse (Porzecze) zu. Als alle Panzer im Wald waren, wurde gehalten und ich musste mit der Infanterie absteigen. Dann musste ich die Kolonne entlanglaufen. Kolbenstöße im Rücken zwangen mich zum schnelleren Laufen. Die anderen Panzerbesatzungen schrien und lachten. Galt das Gelächter mir oder dem Panzerführer, der mich als General festgenommen hatte, ich weiß es nicht. Ziemlich am Ende der Kolonne wurde ich wieder umringt. Alle meine Gegenstände wurden mir abgenommen. Mein Seitengewehr und die Pistole wurde ich schon bei der Festnahme los. Achselstücke wurden abgerissen und Fragen gestellt. Ohne Dolmetscher war keine Verständigung möglich. Ich verstand nur: „Du Kommandant?“ Ich verneinte dieses, worauf der Führer winkte, ich solle nach Hause gehen. Beim Losgehen dachte ich, gleich knallt es. Aber nichts geschah, die Panzer fuhren weiter nach Hälse. Ich zog mich zu Hause schnell um und meldete dem Bürgermeister Benthin mein Erlebnis. Vom Büro aus war schon an die Kommandantur in Küstrin gemeldet worden, dass russische Panzer hier durchgekommen seien. Antwort von dort: Das kann nicht wahr sein. So ahnungslos waren wir alle. Ich ging nach Hause und es kamen immer mehr Panzer durch den Ort.“
Als 17–jähriger Soldat war Hugo Reinhart vor 75 Jahren in Klessin bei der Schlacht dabei. Er hat seine Erinnerungen aufgeschrieben. Das Buch heißt „Einer von denen war ich“. Seine Erinnerungen an die „Hölle an der Oder“, hat der jetzt 92–jährige zu dem Zeitzeugenbericht zusammengefasst. Grauenvoll sind die Kämpfe an der Oderfront im Winter 1945. Besonders hart und lange umkämpft war das zur Festung erklärte Gut „Klessin“, am Rande des Reitweiner Sporns, das von einer kleinen Einheit unter mächtig hohen Verlusten gegen eine große russische Übermacht verteidigt wurde. Unter der Parole: „Fällt Klessin fällt auch Berlin“, hatte Hitler die Verteidigung des kleinen Ortes bis zum letzten Mann befohlen.
Eingeschlossen im Kessel Klessin
Unter den deutschen Soldaten, die Klessin trotz fanatischer Kämpfe bis zum 23. März halten, war auch der 17–jährige Hugo Reinhart. Vergessen hat der spätere Kunstmaler die grausamen Ereignisse in Klessin nie. Nur ein Hohlweg trennt sie vom Feind! Sie führen einen aussichtslosen Kampf und werden durch ständige Nahkämpfe und stundenlanges Trommelfeuer weitgehend aufgerieben. Mit letzter Kraft verteidigen sie das Gut und den Weiler gegen diese kolossale, feindliche Übermacht. Sie sind eingeschlossen! Mit einer wichtigen Meldung, verwundet an beiden Beinen, brechen sie zu zweit aus dem Kessel aus und überwinden zwei russische Stellungen. Am südlichen Ostrand von Podelzig sind sie zusammen mit den Russen in einem kleinen Haus und haben schreckliche Erlebnisse, bevor sie nach langen Stunden endlich wieder auf deutsche Soldaten stoßen. — Ein Feldflugplatz, der gerade aufgegeben wird!
Erst jetzt erhalten sie ihre Erste Wundversorgung und werden sich wieder selbst überlassen. Eine gute Fügung hilft und er kommt in ein Lazarett ins Allgäu. Er gerät in französische Kriegsgefangenschaft und schlägt sich dreieinhalb Jahre als Kriegsgefangener durch. Er kämpft gegen Hunger, Durst und Typhus. Er arbeitet als Straßenfeger in Paris, im Bergwerk unter Tage, bei Bauern auf dem Land und auf Militärkommandos. Drei Fluchtversuche unternimmt er und kommt bis nach Gent in Belgien. Dort sitzt er schon in einem Güterwagen, der nach Aachen fährt. Doch es kommt anders, Dunkelhaft und Einzelarrest hat es ihm eingebracht. Am 31. Oktober 1948 kommt Hugo Reinhart als Spätheimkehrer in die Heimat zurück.
Erhältlich ist „Einer von denen war ich — Meine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg“ von Hugo Reinhart (ISBN 978—3000420009) unter www.buch.rhoenart.de






