Grenzübergang: Polen wollte 1989 Grenzöffnung

Grenzstau: Nach der Öffnung der Grenze zu Polen 1994 setzte ein immenser Verkehr ein. Noch 2002 (Foto) stauten sich die Fahrzeuge. Das ist dank offener Grenzen Geschichte.
Heinz KöhlerBei Recherchen in Stasi-Akten zur Geschichte des Grenzbahnhofs und des Ortes Kietz stieß Uwe Bräuning auf wenig behandelte Kapitel der Geschichte der politischen Wende in der DDR.
„Bislang ging man davon aus, dass die Überlegungen, den Grenzübergang zu eröffnen, erst nach der Wiedervereinigung begannen. Unbekannt dürfte sein, dass es bereits im Herbst 1989 einen Vorschlag der polnischen Seite gab, an der Brücke zwischen dem damaligen Kietz und Kostrzyn einen Grenzübergang für den Fahrzeug- und - Personenverkehr zu eröffnen“, berichtet Bräuning. 1989 befand sich Polen in einer schweren wirtschaftlichen Krise mit erheblichem Versorgungsmangel. Tausende Polen pilgerten vor allem mit der Bahn nach Westberlin, um dort Gemüse und andere Produkte zu verkaufen. „Polen durften ohne Visum nach Westberlin reisen“, erinnert Bräuning. Vor dem Reichpietsch-Ufer entstand ein illegaler Polenmarkt. Mit dem daraus erzielten Erlös deckten sich die Händler in den Westberliner Läden mit Waren des täglichen Bedarfs, aber auch mit Medikamenten ein.
In einer Information des Ministeriums des Innern vom 25. September 1989 fand Bräuning diese Notiz: „Trotz Erweiterung der Transportkapazität sind einige Reisezüge in den Abendstunden und an den Wochenenden erheblich überfüllt. Umfang und Art des Gepäcks entsprechen vielfach nicht den Beförderungsbestimmungen. So werden beispielsweise Kühlschränke, Waschmaschinen, Mopeds und Fahrräder in den Reisewagen mitgeführt. Mehrfach sind Züge wegen Überlastung für die Ausfahrt gesperrt und durch die Deutsche Volkspolizei geräumt worden. Ein Teil der Reisenden musste zurückbleiben.“ Auch die MfS-Hauptabteilung VI schätzte die Lage als kritisch ein.
Fieberhaft ersuchte die Regierung der DDR ihr Gegenüber in Warschau um kurzfristige Lösungen. Anfang Oktober 1989 schlug Außenminister Krzysztof Skubiszeweski vor, bei Kietz/Kostrzyn einen weiteren Grenzübergang zu eröffnen. Wie es in einem Papier heißt, seien diese Voraussetzungen mit der Auflösung eines dort befindlichen sowjetischen Militärstandortes gegeben. Interessanterweise hatten die Polen die strategische Bedeutung eines Grenzübergangs an dieser Stelle längst erkannt. Offenbar war ihnen der für 1991 geplante Abzug der sowjetischen Garnison von der Oderinsel ebenfalls bekannt.
DDR-Außenminister Oskar Fischer zeigte sich von der Idee seines Warschauer Amtsbruders begeistert. Seiner Meinung nach wäre die Eröffnung der Grenzübergangsstelle Kietz/Kostrzyn ein bedeutender Impuls für die Weiterentwicklung der freundschaftlichen und gutnachbarlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Weiterhin war er von einer spürbaren Entlastung des zunehmenden Reiseverkehrs zwischen beiden Staaten überzeugt.
„Wäre es allein nach Oskar Fischer gegangen, hätte der Eröffnung des Grenzübergangs spätestens nach dem geplanten Abzug der sowjetischen Garnison im Frühjahr 1991 nichts mehr im Weg gestanden“, hat Uwe Bräuning recherchiert. „Zunächst musste der Vorschlag jedoch die für Sicherheit an der Staatsgrenze vorrangig zuständigen Ministerien für Nationale Verteidigung und Staatssicherheit passieren.“ Die hauptsächliche Entscheidungsgewalt lag ohnehin in den Händen des MfS. Seitens der Hauptabteilung XIX wurde dem Vorschlag mit Schreiben vom 2. November 1989 zugestimmt. Sicherheitspolitisch lagen aus der Sicht der Stasi keine Bedenken vor. Das Vorhaben scheiterte letztlich aus wirtschaftlichen Gründen, da die vor dem Bankrott stehende DDR die dafür notwendige Infrastruktur nicht sichern konnte. Erst 1994 öffnete der Grenzübergang.