Hafenmühle
: Kaffee mit Hundertjährigen in Kienitz

„100 Jahre Leben“ sind Fotografien von Andreas Labes überschrieben, die zurzeit in der Hafenmühle Kienitz zu sehen sind.
Von
Anett Zimmermann
Kienitz
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  • Zwischen den Porträts zweier Hundertjähriger: Franziska Labes im Café der Hafenmühle in Kienitz. Links Alois Kleinheinz, rechts Emilie Böning. Die Hafenmühle ist seit 2012 Lebens- und Arbeitsmittelpunkt von Franziska Labes und Jörg Hannemann.

    Zwischen den Porträts zweier Hundertjähriger: Franziska Labes im Café der Hafenmühle in Kienitz. Links Alois Kleinheinz, rechts Emilie Böning. Die Hafenmühle ist seit 2012 Lebens- und Arbeitsmittelpunkt von Franziska Labes und Jörg Hannemann.

    Anett Zimmermann
  • Ein Ort der Kunst: die Hafenmühle von der Oder aus gesehen. Auf dem Areal sind auch Werke von Jörg Hannemann zu entdecken.

    Ein Ort der Kunst: die Hafenmühle von der Oder aus gesehen. Auf dem Areal sind auch Werke von Jörg Hannemann zu entdecken.

    Anett Zimmermann
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Die Aufnahmen sind im Laufe mehrerer Jahre im Rahmen eines europaweiten Studienprojekts der Universität Kiel entstanden, in dem die biologischen Grundlagen für gesundes Altern und das Erreichen eines sehr hohen Alters untersucht wurden. Der Berliner Fotograf Andreas Labes hat die beeindruckten Schwarz–Weiß-Bilder geschaffen und neun für die Schau in Kienitz ausgewählt. „Er ist der Vater meiner beiden Töchter“, erklärt die Café-Betreiberin den gleichen Nachnamen. „Wir sind heute befreundet.“

Finissage statt Vernissage

Die Porträts hängen seit Ende März im Erdgeschoss der Hafenmühle. Um die Zeit endet normalerweise die dreimonatige Winterpause. Die beiden Ferienwohnungen können das ganze Jahr über gebucht werden. Die geplante Vernissage mit Christian Gehlsen, ihrem in Sachsendorf lebenden Vater — er ist in der Region auch ein bekannter Streiter für die Alten –, konnte coronabedingt nicht stattfinden. Deshalb sei nun eine Finissage vorgesehen, sagt die 54–Jährige. Seit den Lockerungen Mitte Mai ist das Café geöffnet. Einen Unterschied zu Vor–Corona–Zeiten habe sie kaum bemerkt. „Die Leute wollten und wollen raus. Nur an einem vernieselten Wochenende kamen weniger Besucher.“ Das wiederum, so vermutet sie, hing dann doch mit den Vorsichtsmaßnahmen vor dem Virus zusammen. „Die Leute sitzen jetzt noch lieber draußen.“

Neben Emilie Böning, die ihr Leben auf einem Bauernhof in der Nähe von Göttingen verbracht hat, sind auch Alois Kleinheinz, Zahntechniker aus Dachau und lange beim Roten Kreuz aktiv, der Stellmacher–Sohn Peter Hodes aus Herstelle an der Weser und Modellschlosser Karl Marx aus Neuss in der Hafenmühle zu sehen. „Mit seinem bekannten Namensvetter hat er nichts gemein. Auch politisch nicht“, heißt es in dem bereits in mehreren Auflagen erschienenen und im Café ausliegenden Buch „100 Jahre Leben“, in dem das Gros der Fotos mit Texten von Martin Pallgen zum Leben der Porträtierten und jeweils einem Foto aus jüngeren Jahren ergänzt sind.

Von Erich Walde aus Halle an der Saale, nach dem Zweiten Weltkrieg Lehrer in Leipzig, hat Franziska Labes nicht vergessen, dass er mehr als 70 Jahre mit seiner Frau zusammen war. „Er hat erzählt, dass er nie ein anderes Mädchen geküsst hat“, zeigt sich die examinierte Krankenschwester und staatlich anerkannte Erzieherin gerührt. Beeindruckt hat sie, die auch in anderen Berufen tätig war, zudem Katharina Weyandt aus Oberhausen. „Die einstige Buchhändlerin las mit 100 noch und wollte dies so lange tun, wie die Augen mitmachen. Das ist doch genial.“

Zu den Genannten kommen  Martha Strzoda aus Bütow (Pommern), der Berliner Kinobesitzer Walter Jonigkeit und Mary Splettstößer aus St. Petersburg. Wie bei allen der Geburtsort. Sie war zwölf, als dort mit einem Schuss vom Panzerkreuzer „Aurora“ das Signal für die sozialistische Oktoberrevolution fiel.

Das Älterwerden sei für sie bisher nicht wirklich Thema gewesen, sagt Franziska Labes. Nur als ihre älteste Tochter 30 Jahre alt geworden sei, habe sie gedacht: „Was schon 30? Das war ein Meilenstein. Jetzt ist sie 35.“ Sie fühle sich wie sie selbst und das sei bereits in ihrer Kindheit so gewesen. Hundert will ich nicht werden, höre man oft, sagt Franziska Labes. Und scheint da nicht ganz abgeneigt.

100 Jahre Leben — Fotografie von Andreas Labes: Finissage am 17. Juli, 18 Uhr, mit Christian Gehlsen. Das Café mit Galerie in der Hafenmühle Kienitz im Deichweg 7 hat Freitag bis Sonntag ab 12 Uhr geöffnet.