Wer heute vom Oderbruch aus nach Porzecze, das einstige  Hälse will, hat einen weiten Umweg vor sich. Über Kostrzyn/Küstrin geht es durch Kalensko/Kalenzig und Namyslin Neumühl. Von 1681 an bis 1945 verkürzte eine Fähre den Weg von der Kienitzer Fährstraße aus. Zuletzt und auch nur für einen Tag fuhr im Rahmen der Kleinen Friedensfahrt und der Tour de MOZ die Fähre 2017 zwischen Kienitz und Porzecze. Die Pieseberge, von denen der höchste mit 25,8 Metern der "Monte Casino" ist, gehörten einst samt Fährkrug zu Kienitz. Ein Stück weiter östlich in Richtung Neumühl aber ließ der König 1752 eine Colonie errichten. Die neuen Siedler waren vor allem damit beschäftigt, im Bärwalder Forstrevier das nötige Bauholz zu schlagen und an der Oder Buhnen zu bauen. Land hatten sie zunächst wenig.
Über dieses Kolonistendorf hat Astrid Hinsch aus Kaltenkirchen (Schleswig-Holstein) eine umfassende Chronik verfasst. Auf 216 Seiten im DIN A4-Format findet man alles, was sie in den privaten Unterlagen und Archiven finden konnte. Ihr Vater Gerhard Rohr ist 1941 in Hälse geboren, wo ihr Urgroßonkel Hermann Reetz bis 1945 Bürgermeister war. Christian Rohr, ein Urahn, war 1752 einer der ersten Kolonisten. Er stammte aus dem "nahen" Kienitz.
Die handschriftlichen Dokumente und Zeichnungen über Hälse, das heute Porzece heißt und  zur polnischen Gemeinden Boleszkowice gehört, waren es, die für Astrid Hinsch Anlass waren, die Chronik zu erstellen. Das Buch, das man im Internet bestellen kann, beleuchtet in besonderer Weise das Leben der Menschen an der Oder seit der Trockenlegung bis zur Kriegszerstörung und Vertreibung vor 75 Jahren.
Einige wanderten nach Amerika aus
Natürlich war das damals ebenfalls neumärkische Neulietzegöricke 1753 das erste neue Dorf im Bereich des trockengelegten Oderbruchs. Aber ein Stück stromaufwärts, ließ Friedrich II, damals 40 Jahre alt und im 12. Regierungsjahr, von seiner Domäne Quartschen, heute Chwarszczany, eine Colonie errichten. Die ersten Siedlungshäuser wurden im Fachwerkstil und in üblicherweise ohne Fundament errichtet und waren mit Reet gedeckt, notiert die Chronistin. Die Stuben waren rund um die "schwarze Küche" angeordnet. Für die Ställe und Scheunen wurden bereits separate Gebäude errichtet, schreibt Astrid Hinsch und illustriert das mit Bildern von Hermann Reetz. Von ihm stammt auch ein gezeichneter Ortsplan samt Beschriftung mit den Namen der Bewohner. Ein Dorf mit 21 Kolonistenstellen, Schule und Kirche. Unvorstellbar für den, der heute die einst dicht bebaute Kurve von Neumühl kommend in die alte Dorfstraße Richtung Oder abbiegt.
Mit der Chronik von Astrid Hinsch bekommt das alte Hälse nun wieder Namen und Gesichter zurück. Man erfährt von den Schwierigkeiten, die die zumeist noch aus dem Inland kommenden Kolonisten zu kämpfen hatten. Die Autorin dokumentiert die Auseinandersetzungen mit dem Amt Quartschen, das Ringen um Weide- und Rodungsflächen. wobei der höchste Ansprechpartner für alle Fragen seiner Domäne der König war. Es gab Auseinandersetzungen mit den benachbarten Klewitzern, die sich natürlich von den Neuen nicht alte Rechte streitig machen ließen; es ging um Brände und Hochwassergefahr.
Natürlich gibt die Chronistin auch zwei kleine Exkurse zur Geschichte von dem zu Kienitz gehörenden Piese und und zum Gut Feldichen. Die Kinder beider Orte, die heute spurlos verschwunden sind, gingen in Hälse zum Schulverband Hälse, wo laut einem Schulrevisionsbericht von 1911 82 Kinder unterrichtet wurden. Hälse hatte bis 1945 250 Einwohner und eine Fläche von 236 Hektar.
Der Reiz der Chronik besteht in den unkommentiert wiedergegebenen Dokumenten zur Dorfgeschichte. So findet sich darin auch die Beschwerde des damals 19-jährigen Wilhelm Leskow an den Regierungspräsidenten in Frankfurt/Oder von 1933. Leskow, der zehn Jahre später in Lettland fiel, beschwerte sich darin über die "roten Parteiherren, die endlich zur Rechenschaft gezogen werden müssten". Er warf dem damaligen Dorfschullehrer Bodo Weidicke vor, dass er Wahlplakate vom Schulhaus entfernen ließ, Hitler als Mann mit verkalkten Ansichten bezeichnet habe, das Bild  von Friedrich Ebert noch nicht aus dem Klassenraum entfernt habe und die Kinder nicht nationalsozialistisch erziehe. Weidicke verteidigte sich ausführlich und national gesinnt: "Es ist geradezu empörend, dass die falschen Anschuldigungen von einem Anzeigenden herrühren, der, jetzt noch Primaner an der Aufbauschule Königsberg/Neumark, wohl kaum den Windeln  entwachsen war, als wir Frontkämpfer unsere nationale Gesinnung durch die Tat bewiesen."
Es gab auch Hälser, die ab 1856 den ärmlichen Verhältnissen zu entfliehen versuchten und in Amerika ihr Glück suchten. Die Namen Raabe, Klugow, Tantow, Oehricke, Schilling, Schaumburg und Kaul sind dafür Beleg. Und auch von einem "Aufruhr" in Hälse wird berichtet. 1816 wehrte sich die Gemeinde Hälse gegen den Beschluss der Frankfurter Bezirksregierung, dass der Zimmergeselle Sauer sein Haus in Dorfmitte mit Reet decken und darin eine Ölpresse betreiben durfte. Die Gemeinde befürchtete eine zu große Brandgefahr und zerstörte Sauers Baustelle wieder. Zunächst sollte deshalb das halbe Dorf eingesperrt werden. Doch durch Vermittlung des Staatskanzlers Fürst von Hardenberg konnte der Aufruhr beigelegt werden. Man gab schließlich der Gemeinde recht. Wegen des Aufruhrs aber wurde der Dorfschulze abgesetzt.
Natürlich sind auch die Erinnerungen der Hälser an die Kriegsereignisse und Flucht vor 75 Jahren dokumentiert, "Am Morgen des 1. Februar 1945 gab es für uns Hälser ein sehr böses Erwachen. Die ersten russischen Panzer fuhren in den Ort Richtung Oder", erinnert sich Katharina Voigt. "Eine nicht aufhörende Kolonne von Panzern und Kanonen mit Russen rollte und rollte heran. Sie brachte auf den Höfen die Geschütze in Stellung. Und des dauerte auch nicht lange, da waren die ersten Kampfflieger da. Hälse war von einer Stunde zur anderen ein Kampfgebiet geworden." Nach der deutschen Kapitulation im Mai durften die Hälser wieder in ihre zerstörten Häuser. Aber am 22. Juni 1945 kamen polnische Soldaten, die alle Einwohner zur Küstriner Oderbrücke brachten.
Buchtipp Astrid Hinsch, Die Colonie auf der Haelse, ISBN 9783734736377, Verlag Books on Demand