Ein Gutachten von Anfang dieses Jahrhunderts schien das Schicksal eines der ältesten und einst dorfbildprägenden Gebäude in Gusow zu besiegeln: Die ehemalige Gaststätte am Karl-Liebknecht-Platz kann nur noch abgerissen werden, hieß es da. Das Gebäude sei nicht mehr sanierungsfähig. Die Gemeinde hatte kurzzeitig überlegt, das Areal zu erwerben, nahm dann aber Abstand.

Leerstand der Gaststätte seit 1991

Seit 1991 stand die traditionsreiche Gastwirtschaft leer. Noch im Wendejahr hatte die Konsum-Genossenschaft als Betreiber investiert, gab es im September 1989 eine große Wiedereröffnung in der zum „Goldenen Hahn“ umbenannten Wirtschaft. Doch die Freude war nur von kurzer Dauer. Die Gaststätte wurde Ende 1990 geschlossen.
Übernahmeabsichten privater Interessenten scheiterten an einer großen Erbengemeinschaft in den alten Bundesländern. Das Haus verfiel zusehends. Seit dem Frühjahr nun regt sich etwas am alten Gemäuer.

Zufall war Projekthelfer

Der Neuhardenberger Bauunternehmer Nico Tempel erwarb das Gebäude. Kollege Zufall half dabei. Der junge Mann, der 2017 die Bauservice GmbH gründete, war vom Amt beauftragt worden, das plötzlich eingestürzte Nebengebäude auf dem Hof abzusichern. Ein Teil des Mauerwerks drohte, in den öffentlichen Bereich zu stürzen. Die Kosten musste die Erbengemeinschaft übernehmen. „So kam es zum Kontakt“, berichtet der 30-Jährige. „Ich wurde gefragt, ob ich als Bauunternehmen nicht den Komplex übernehmen und sanieren könnte.“
Er habe sich das ganze Objekt natürlich vorher angesehen, auch das Gutachten gelesen. Letztlich sei er zu der Überzeugung gekommen, dass das Gebäude durchaus noch zu retten ist. „Natürlich muss viel gemacht werden“, räumt der junge Familienvater ein.

Erst einmal das Dach gesichert

Sein kleines Drei-Mann-Unternehmen erledigt vor allem Pflasterarbeiten und kleine Bauaufträge. Manchmal gebe es zwischen den Aufträgen Lücken. Die nutze er jetzt. Von außen sichtbar ist bereits das neue Dach auf dem Saalanbau. Dort war das alte Dach teilweise schon eingestürzt. Jetzt ist der Anbau, in dem über Jahrzehnte viel gefeiert wurde, erst einmal gesichert. Im Innern haben Tempels Mitarbeiter bereits alle Räume entkernt, Leitungen gezogen und Vorarbeiten für die Sanierung erledigt. Für das Obergeschoss wurden neue Fenster in Auftrag gegeben. Sie werden Anfang des neuen Jahres eingebaut.

Ziel: Wohnraum schaffen

Nico Tempel will in der einstigen Gaststätte Wohnraum schaffen, auch im Saal. „Es gibt aber keinen festen Bauplan“, dämpft er zu große Erwartungen, dass der bauliche Schandfleck schnell verschwindet. „Wir arbeiten hier, wenn es in der Firma Luft gibt. Und die finanziellen Mittel müssen ja auch da sein.“
Als Erstes soll der gesamte Bereich der einstigen Gaststätte und der ehemaligen Wohnräume sowohl links unten als auch im Obergeschoss saniert werden. Im Saal ist alles so vorbereitet, dass durch den Einbau einer Zwischendecke in zwei Etagen Wohnungen geschaffen werden können. Zig Container wurden mit Schutt befüllt und noch immer ist einiges zu beräumen. Auch auf dem Hof, der im Laufe der Jahre völlig zugewachsen war. Der einstige Sanitärtrakt, der in den 70er Jahren auf der Rückfront als Kellerbau errichtet wurde, muss abgerissen werden.

Dachstuhl noch in Ordnung

Der neue Eigentümer hat bei den Entkernungsarbeiten das bestätigt bekommen, was Ortschronist Peter Studier recherchiert hat: Im und am Haus wurde mehrfach an- und umgebaut. Der älteste Teil unten, in dem die Mieter einst ihre Küche hatten, zeigt viele Fachwerkelemente. Im nächsten Jahr werde man schon mehr sehen von den Arbeiten, versichert Nico Tempel. So müsse das Dach komplett erneuert werden. Jetzt habe man erst einmal die größten Lücken gesichert. Der Dachstuhl selbst sei noch in Ordnung. Die Gusower sind froh, dass der alte Bau nun doch noch eine Zukunft und gute Chancen hat, wieder ein ansehnliches ortsbildprägendes Gebäude zu werden, wenn auch nicht mehr als Gaststätte.

Historische Daten

Um 1900 berichtet die Chronik von einem Gastwirt Pflug, der die Wirtschaft samt Saalanbau ab 1880 führte. Auf alten Postkarten ist auch der große Biergarten vor dem Haus verewigt. Es gab eine Ausspanne für Pferde.

1913 erscheint eine Ansichtskarte, die das Haus mit neuer Fassade zeigt. Inhaber ist ein Erich Heise. Im Gasthaus fanden auch die Holzauktionen der Gräflich Schönburgschen Forstverwaltung statt. Es gab zudem Konzerte und Tanzveranstaltungen.

1914 übernimmt ein Gastwirt Kurt Gladow das Haus. Es gibt viele Veranstaltungen, sogar Kino und Zirkus. Nach 1945 führte Gladows Witwe Frieda gemeinsam mit Gastwirt Kuhn das Haus weiter.

1957 gab es im Gasthaus eines der ersten Fernsehgeräte im Ort.

1958 übernahm die Konsumgenossenschaft als Pächter das Haus. Es wurde geführt von den Gastwirten Breyer, Karl-Heinz Giering, Loof aus Seelow, Emil Bresch und ab 1975 bis zur Wende von Renate Riemer. Das Gasthaus sicherte auch die Versorgung während unzähliger Veranstaltungen im Park.

(Quelle: Ortschronist Peter Studier)