Kirche in Bad Freienwalde
: Frauenmission und Bibelschule Malche – Heimat selbstbewusster Frauen

Vor 125 Jahren ist in Bad Freienwalde die Bibelschule der Frauenmission Malche gegründet worden. Ab Montag, 9. Oktober, treffen sich die aktuell 94 Schwestern und Brüder dort. Wie das Jubiläum begangen wird.
Von
Ulf Grieger
Bad Freienwalde
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  • 125 Jahre Frauenmission Malche – Christine Reizig, Leiterin des Tagungs- und Gästehauses, Pfarrerin und Oberin der Schwestern- und Bruderschaft, in der Ausstellung zum Jubiläum in der ehemaligen Bibliothek.

    125 Jahre Frauenmission Malche – Christine Reizig, Leiterin des Tagungs- und Gästehauses, Pfarrerin und Oberin der Schwestern- und Bruderschaft, in der Ausstellung zum Jubiläum in der ehemaligen Bibliothek.

    Ulf Grieger
  • Ausstellung in der Malche: Mitbringsel der Missionsschwestern.

    Ausstellung in der Malche: Mitbringsel der Missionsschwestern.

    Ulf Grieger
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Die Täler der Märkischen Schweiz zwischen Bad Freienwalde und Falkenberg sind reizvoll. Darüber haben schon Theodor Fontane, Berta Lask und Hans Keilson geschrieben. Eines dieser Täler, das unterhalb des knapp 100 Meter hohen Schlossberges liegt, ist nach dem „Malchow“ genannten Burgrest Malche benannt.

Dieser Name hat einen weltweit bekannten Klang. Das haben die Missionsschwestern erarbeitet, die dort ausgebildet und auf ihren Missionsdienst vor allem in Afrika und Asien vorbereitet wurden.

Jubiläumsausstellung in der Malche: Die Missionsschwestern haben aus ihren Einsatzorten in aller Welt Souvenirs mitgebracht.

Ulf Grieger

Jedermann eingeladen

Was waren das für Frauen, die dort studiert haben? Wie war ihr Alltag in der Malche und was hat sie motiviert? Das können auch Außenstehende erfahren. Unter dem Motto „Vergangenheit, die Zukunft hat“ lädt die Malche am 14. und 15. Oktober zum 125. Jubiläumsfest ein. „Jedermann ist herzlich eingeladen“, betont Christine Reizig, seit drei Jahren Leiterin des Tagungs- und Gästehauses, Pfarrerin und Oberin der Schwestern- und Bruderschaft. Mit Albrecht Schöter wird am Samstag ab 15 Uhr ein bekanntes „Kind der Malche“ über die Geschichte der Einrichtung sprechen. Sein Vater Eckhard Schröter war von 1972 bis 1994 Leiter der Malche. Seine Mutter Christa lehrte dort. Dem 1955 in Halle Geborenen war der Abiturgang in der DDR verwehrt worden. Er ließ sich in Eberswalde und Bad Freienwalde zum Pfleger ausbilden und studierte später in Halle Theologie und war Pfarrer in Jena. Vom 1. Juli 2006 bis zum 30. Juni 2018 war der SPD-Politiker Oberbürgermeister der Stadt Jena. Um 20 Uhr gibt das Quartett Q4 ein Konzert. Am Sonntag beginnt um 10 Uhr der Festgottesdienst, bei dem der neue Vorstand des Malche-Vereins eingeführt wird.

Auf Mission in Afrika: Juliana Basimaki lernte 1976 bei Schwester Christa Müller in der Diakonie-Schule.

Matthias Jöran Berntsen/Malche

Erinnerungen an starke Frauen

Vor allem ist aber das Jubiläum ein Anlass des Erinnerns an Persönlichkeiten der Malche. Gemeinsam mit den Schwestern und Brüdern wird in der kommenden Woche die Ausstellung weiter vervollständigt, die bereits in der ehemaligen Malche-Bibliothek begonnen wurde. „Uns fehlen vor allem noch Fotos aus den vergangenen Jahrzehnten“, so die Leiterin. Neben Mitbringseln der Missionsschwestern aus aller Welt gibt es Vorlesungs- und Seminarmitschriften, persönliche Korrespondenzen und Alltagsgegenstände. Es gibt Nachrichten von engagierten, selbstbewussten Frauen, die sich in aller Welt bewährt haben.

Malche-Ausstellung: Eines der größten Exponate ist dieser Koffer der Missionsschwester Christa Müller. Ihre Geschichte steht für die vieler Malche-Schwestern.

Ulf Grieger

Ein großer silberner Koffer und Fotos erinnern an Christa Müller. Sie war 1957 die letzte Absolventin, die über die DDR nach Afrika ausreiste. 2009 berichtete sie als 82-Jährige für die MOZ aus ihrem Leben. Über die Kontakte der Mutter gelangte sie nach Bad Freienwalde und studierte von 1954 bis 1956 in der Malche und wurde Katechetin. 1957 ging sie ins britische Tanganyika Territory, dem späteren Tansania. 1978 kehrte sie zur Malche ins Leitungsteam zurück. Doch zuvor wurde interniert. Die Stasi verhörte sie acht Wochen im thüringischen Eisenberg. Die Schwesternschaft der Malche wurde lange Zeit von der Oberin Christa Müller geleitet.

Im großen Malche-Lehrsaal: Jana Völker, Alexa Brabetz, Julia Käßner, Nicole Hennig und Nicole Großmann (v. l.) waren 2011 die letzten Studentinnen in der Malche.

Laura Dombowski

Intensive Zeit in der Gemeinschaft

Aber auch die Berichte der Jüngeren sind interessant. 2011 berichtete die MOZ über Jana Völker, Alexa Brabetz, Julia Käßner, Nicole Hennig und Nicole Großmann – die letzten Studentinnen in der Malche. Für Alexa Perdeck-Brabetz, sie arbeitet inzwischen in Mecklenburg-Vorpommern, sind die Treffen in Bad Freienwalde immer ein Nach-Hause-Kommen. Die Mutter zweier kleiner Kinder freut sich auf das Treffen in der Malche. „Das war für uns, die wir selbst oft nicht genau wussten, wie es weiter gehen wird, eine sehr intensive Zeit“, erzählt sie auf Nachfrage der MOZ. Dort fühlte sie sich aufgehoben, als Teil der Gemeinschaft. Die älteren Schwestern haben die Jüngeren und die Kursteilnehmerinnen unterstützt, aber auch gefordert. Alexa Perdeck-Brabetz berichtet auch von der Toleranz, mit der gegenüber der Jugend verfahren wurde. Sie selbst habe es erfahren, als sie sich ihr erstes Tattoo machen ließ.

Malche-Tal am Bad Freienwalder Schlossberg: Vom Gärtenerhaus geht der Blick hinüber.

Ulf Grieger

Spielschule für Arbeiterkinder

Wie kam es überhaupt zur Gründung der Frauenmission vor 125 Jahren? Oderland-Museumsleiter Reinhard Schmook hatte bereits 1998 zur Malche berichtet. Carl von Jena, der Besitzer des nahen Rittergutes Cöthen, hatte das Tal schon 1870/71 erworben und dort eine Villa und Stall und Scheune gebaut. In dieses Haus zog 1875 der Schwiegersohn v. Jenas, Oberst v. Hochstetter, mit Frau Luise und vier Kindern ein.

In den achtziger Jahren begannen die beiden Töchter Luise und Wally, Kinder aus der angrenzenden Papiermühle der Eltern von Berta Lask und dem Alaunwerk zu sammeln und sie in einer kleinen Kinderspielschule zu unterrichten. 1882 bestand Luise das Lehrerinnen-Examen, während Wally die Krankenpflege als Johanniterschwester erlernte. Abends kam man im Kinderschulsaal mit der Bibel zusammen. Bei einem Ostseeaufenthalt lernten Luise und Wally 1894 eine junge Missionarin kennen, die in Tunis gewirkt hatte. Sie stammte aus der französischen Schweiz und hieß Jeanne Wasserzug. Sie wurde in die Malche eingeladen, eigentlich nur für 14 Tage. Doch sie ist geblieben, und mit ihr begann die Arbeit des Missionshauses.

1898 rief Pastor Ernst Lohmann, der Mitbegründer des Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient, zur Hilfe an den Waisenkindern in China und Indien auf. Er wollte eine Ausbildungsstätte für Schwestern gründen, die diesen Kindern die Mütter ersetzen sollten. Ein Bibelhaus sollte es sein. Davon hörten Fräulein Wasserzug und die beiden Schwestern v. Hochstetter, die sich mit Pastor Lohmann zusammentaten und in der Freienwalder Weinbergstraße 7 in gemieteten Räumen den ersten Kursus begannen. Am 1. November 1898 zogen die ersten sieben Schülerinnen in Bad Freienwalde ein – ein Datum, das als Geburtsstunde des Freienwalder Missionshauses Malche gilt.

Man strebte den Bau eines eigenen Hauses für die Missionsschule an, wofür der alte Oberst v. Hochstetter seinen Rosengarten opferte. Mit Hilfe vieler Spenden wurde im Sommer 1900 im Malchetal an dieser Stelle das erste Bibelhaus erbaut, das die Inschrift „Dein Reich komme“ trug. Der dritte Kursus zog schon in das neue Haus ein. Doch auch dort wurde wenige Jahre später der Platz knapp, so daß 1907 nahe dem Wald ein noch größeres Haus erbaut wurde. Es ist das Haus mit dem Fachwerk an den Giebeln, „Haus Gottesbrünnlein“ genannt. Noch heute steht an seinem Giebel das Siegeswort geschrieben: „Sollte Gott etwas unmöglich sein?“

Malche-Ausstellung: Mitbringsel der Missionsschwestern

Ulf Grieger

120 Missionsschwestern arbeiteten 1912 als Lehrerinnen

Zur selben Zeit wurde zwischen der Hochstetterschen Villa und dem neuen Bibelhaus das sogenannte Blockhaus errichtet. Zusätzlich zur Ausbildung von Missionsschwestern gründete man 1908 in der Malche ein Seminar, in dem junge Mädchen als Lehrerinnen für die Mission ausgebildet wurden und Schuldienst in Afrika, China und anderswo tun sollten. Im Jahre 1900 war auf Anregung Pastor Lohmanns der Deutsche Frauenmissions-Gebetsbund entstanden. Dessen Büro zog 1908 in die Malche. Die Heimat des Gebetsbundes wurde bis 1916, als er nach Eberswalde übersiedelte, nun das Blockhaus. Bald nach 1900 war die große Scheune der Hochstetterschen Villa zu einem großen Versammlungsraum umgewandelt worden. In ihm wurden über 50 Jahre lang die in ferne Länder ausziehenden Missionarinnen verabschiedet.

1912 arbeiteten etwa 120 in der Malche ausgebildete Missionsschwestern als Missionarinnen oder als Lehrerinnen in verschiedenen Ländern im Anschluß an dortige Missionsgesellschaften. Sie waren nach China, Japan, Indien, Sumatra, Borneo, Java, Armenien, Afrika, Amerika entsandt worden. Einige sind in Deutschland geblieben und taten Dienst als Gemeindeschwestern, Stadtmissionarinnen, in der Jugend- und Fürsorgearbeit sowie in Siechenhäusern und in der Zigeunermission. 1910 wurde in der Nähe des Malchetales oberhalb des Tobbengrundes eine Missionsschule für junge Männer erbaut, die für den Dienst als Missionar unter Armeniern, Kurden und Türken ausgebildet werden sollten. Sie bestand aus drei Häusern: dem eigentlichen Brüderhaus, dem Wohnhaus für die Lehrkräfte und dem Haus für den Leiter. Nach der Legende um die Burgruine auf dem nahegelegenen Schlossberg nannte man sie „Uchtenhagen“.

Nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges dienten das Bibelhaus Malche und das Brüderhaus Uchtenhagen als Lazarett. 1929 kaufte das Bibelhaus Malche die Häuser Uchtenhagen, die vordem dem „Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient“ gehörten. Sie wurden Erholungsheim der Malche und Schwestern-Altersheim mit einem eigenen, tief im Wald gelegenen Friedhof.

Im Laufe der Jahre waren etwa 350 Schwestern von dort aus in die äußere Mission gegangen, und zwar in fast alle Missionsgebiete der Erde. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges wurde gleich allen Privatschulen in Deutschland auch die Übungsschule der Malche geschlossen. Dies bedeutete auch das Ende des Lehrerinnenseminars. 1941 wurde Uchtenhagen Infektionskrankenhaus für den Kreis Oberbarnim. Ein Jahr später beschlagnahmte die Militärbehörde das große Bibelhaus als Reservelazarett, wozu es völlig geräumt werden mußte. Aus einem nahen Gefangenenlager holte man französische Kriegsgefangene herbei, welche Möbel tragen helfen mußten. Sie ließen sich den am Bibelhaus stehenden Spruch „Sollte Gott etwas unmöglich sein?“ übersetzen und interessierten sich für Sinn und Zweck des Hauses. Man suchte öfter das Gespräch mit ihnen. Indes füllte sich das Lazarett mehr und mehr mit Verwundeten. Sie wurden von Bibelhausschwestern gepflegt. Im Bibelhaus wurden auch einige evakuierte Mütter mit Kindern aus dem Rheinland und aus Ostpreußen aufgenommen.

Zeitzeugin: Christa Müller war 1957 die letzte Absolventin, die über die DDR nach Afrika ausreiste. 2009 berichtete sie als 82-Jährige für die MOZ aus ihrem Leben.

Hannelore Siebenhaar

Dann zog die Front über die Malche hinweg. Eines Tages kam nach langer Irrfahrt ein Altersheim unter Leitung einer Diakonisse ins Malchetal. Es wurde im verlassenen Lazarett, dem großen Bibelhaus, aufgenommen. Schon im November 1945 wurde mit einem neuen Kursus begonnen. Es waren zunächst nur sieben Schülerinnen, später 13. Im Sommer 1946 übernahm das Bibelhaus das oben erwähnte Altersheim, das nun Pflegeheim des Kreises Oberbarnim wurde. Gleichzeitig wurde Uchtenhagen wieder Infektionskrankenhaus. Im Frühjahr 1947 begannen wieder die Sonntagsversammlungen in der Scheune, zu welchen auch Menschen aus der näheren Umgebung kamen. Im Herbst 1948 begann in der Malche wieder ein Oberkursus. In dieselbe Zeit fiel auch das 50jährige Bestehen des Bibelhauses. Im Frühjahr 1950 konnte sich das Altersheim im großen Bibelhaus auf die zwei oberen Etagen verkleinern, so daß die unteren beiden Etagen bald wieder von Schülerinnen der Malche bewohnt werden konnten. Am 1. April 1950 übernahm Pastor Dr. Alpermann die Leitung des Malche-Werks. Die Kurse vergrößerten sich langsam wieder. Für den Oberkursus wurde das alte Schulgebäude zweistöckig ausgebaut. 1956 konnte das Infektionskrankenhaus in Uchtenhagen aufgelöst werden. Das Pflegeheim zog nun von der Malche in das Haupthaus von Uchtenhagen um und konnte dadurch auf 60 Plätze erweitert werden.

Malche-Kirche: Auf den Grundmauern der alten Scheune wurde eine gut in das Malchetal passende Kirche erbaut, die am 13. Oktober 1957 von Generalsuperintendent Walter Braun eingeweiht wurde.

Ulf Grieger

Die Scheune war mit der Zeit so baufällig geworden, daß Dr. Alpermann sie abreißen ließ. Auf den Grundmauern wurde eine gut in das Malchetal passende Kirche erbaut, die am 13. Oktober 1957 von Generalsuperintendent D. Walter Braun eingeweiht wurde. Bei der ersten Wiederkehr des Kirchweihfestes feierte das Missionshaus auch sein 60jähriges Bestehen. In den folgenden drei Jahrzehnten hat sich das Profil des Missionshauses Malche völlig gewandelt. Die Mädchen, die jetzt zur Malche kamen, wurden nicht mehr für den Einsatz in Amerika, Afrika oder Asien ausgebildet. Die Schwesternschaft der Frauenmission Malche bildete nunmehr junge Frauen in drei Studienjahren zu Gemeindehelferinnen und Katechetinnen aus, und zwar für den gesamten Bereich der DDR. Die Ausbildung war aber weiterhin missionarisch geprägt.

Von 1972 bis 1994 war Pfarrer Eckart Schröter Rektor der Ausbildungsstätte. Er kam aus Nordhausen und wurde von Altbischof D. Jänicke (Halle) als damaligem Vorsitzenden des Kuratoriums der Malche eingeführt. Bis 2011 war die Malche eine kirchlich-theologische Fachschule, danach auch Wohnheim, Tagungs- und Gästehaus.

Zur Geschichte des Missionhauses hat Eckart Schröter das Werk „Die Frauenmission Malche in Bad Freienwalde“ verfasst, das in der Stadtbibliothek erhältlich ist.