Schauspieler Jaenicke, seit 40 Jahren fleischlos lebend, rechnet in seinem neuen Buch mit Tierhaltern ab. Auch gegenüber dieser Zeitung hat er erklärt: „Keine Tiere werden so gequält wie Milchkühe.“ Was auf Kritik stößt. „Seine Äußerungen schlagen hohe Wellen. Unsere Milchbauern sind stinksauer“, sagt Ines Sennewald, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbands Märkisch-Oderland gegenüber MOZ.de. Auch Landwirte bei Seelow reagieren verärgert. Zumal in der Branche immer mehr Betriebe aufgeben.
„Im Milchprüfjahr 2021/2022 beteiligten sich im Land 269 Milchviehbetriebe mit 115.662 Milchkühe“, zitiert Sennewald aus dem Bericht des Landeskontrollverbandes.

Landesweiter Abwärtstrend von Betrieben und Tieren trifft auch auf MOL zu

430 Kühe stehen demnach durchschnittlich in einem Brandenburger Betrieb. Sie schafften eine Jahres-Leistung von 9.995 kg Milch, bei einem Fettgehalt von 3,93 Prozent und einem Eiweißgehalt von 3,41 Prozent. „Die Anzahl der Betriebe verringerte sich gegenüber 2020/21 um 6,6 Prozent und der Kuhbestand sank um 5,4 Prozent“, heißt es weiter im Landesbericht. „Seit 2010 hat sich die Zahl der Milchviehbetriebe in MOL halbiert. Allein in diesem Jahr haben drei Betriebe die Milchproduktion aufgegeben“, betont die Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes MOL, mit Sitz in Seelow.

Löwenanteil der MOL-Milch geht zu Müllermilch

„Momentan gibt es in MOL noch elf milchproduzierende Betriebe mit ca. 6300 Kühen“, heißt es auf Nachfrage aus dem Landwirtschaftsamt des Landkreises MOL. „Der Löwenanteil der Milch aus MOL wird an die Sachsenmilch Leppersdorf GmbH, einem Teil der Unternehmensgruppe Theo Müller, geliefert“, erklärt Ines Sennewald.

In Platkow ist Familie van Damme schon 20 Jahre aktiv

An Müllermilch liefert auch die Agrar- und Milchproduktion GbR Platkow. Marnix und Madeleen van Damme sind vor 20 Jahren aus Holland ins Oderland gekommen, haben fünf Kinder, leben im Ortsteil Neuhof und öffnen gern der Zeitung ihren Betrieb für den Blick in die Realität.
Gegenüber des Wohnhauses ist ihr Hof mit Biogasanlage und vielen Ställen. Darin leben 480 melkende Kühe, aufgezogen werden auch 370 weibliche Jungrinder als künftige Milchkühe. Es ist ein Betrieb der konventionellen Milchviehwirtschaft mit zwölf Mitarbeitern und vier Azubis. Die Aussagen von Jaenicke ärgern van Damme. „Vieles daran ist einfach nicht wahr“, sagt er am Donnerstag, 8. Dezember zu MOZ.de.
Mit Biogas-Anlage, großen Ställen, Futtervorräten und umgeben von bewirtschafteten Feldern: Die Agrar und Milchproduktion GbR Platkow befindet sich im Platkower Ortsteil Neuhof der Gemeinde Gusow-Platkow und hat sich, um zu überleben, bewusst breit aufgestellt. Wie viele Kühe werden dort aktuell gehalten - und unter welchen Umständen?
Mit Biogas-Anlage, großen Ställen, Futtervorräten und umgeben von bewirtschafteten Feldern: Die Agrar und Milchproduktion GbR Platkow befindet sich im Platkower Ortsteil Neuhof der Gemeinde Gusow-Platkow und hat sich, um zu überleben, bewusst breit aufgestellt. Wie viele Kühe werden dort aktuell gehalten - und unter welchen Umständen?
© Foto: Cornelia Link-Adam
Kühe können 20 Jahre alt werden, aber sowohl in der Wildnis als auch auf dem alten Bauernhof sind das die Ausnahmen. „Auch wir haben ältere Kühe, zum Beispiel Nadine hier, die ist fast 14“, erklärt van Damme. „Die Qualität der Milch und auch Leistung nimmt aber über die Jahre ab. Der Bauer versucht natürlich durch gute Pflege die Kuh gesund zu halten. Das ist gut für die Kuh und für das Portmonee. Befremdend ist, dass durch Annahmen von Tierschützer, eine alte Kuh eine kranke Kuh ist und so werden Bauern gezwungen sich von solchen Kühen zu verabschieden.“

Regierung und Industrie gaben die Richtung vor

In der Milchbranche wurde seit 60 Jahren vieles durch die Politik geregelt, um billig Nährstoffe für die Menschen zu erzeugen. „Sie haben uns Chemikalien, Hormone, Antibiotika gegeben, wir wurden beraten von Firmen, Landwirtschaftskammer, Forschern und Spezialisten. Die Industrie hat eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Landwirtschaft gespielt“, betont der 49-Jährige.
Die Mäusefänger auf dem Hof: Auch etliche sehr aufmerksame Katzen gibt es beim Platkower Milchebtrieb.
Die Mäusefänger auf dem Hof: Auch etliche sehr aufmerksame Katzen gibt es beim Platkower Milchebtrieb.
© Foto: Cornelia Link-Adam
„Wir sind immer noch gern Produzenten von hochwertigen Lebensmitteln“, erklärt die Tierwirtin, die viele Preise gewonnen hat und neben den vielen schwarz- und rot bunten Kühen als Hobby auch alt-holländische Rassen züchtet.
Hobby der Bäuerin: Madeleen van Damme züchtet alte holländische Rassen mit auf dem Platkower Betrieb.
Hobby der Bäuerin: Madeleen van Damme züchtet alte holländische Rassen mit auf dem Platkower Betrieb.
© Foto: Cornelia Link-Adam

Viel Platz, Licht und Luft für die Tiere

„Nur wenn es einer Kuh gut geht, läuft die Produktion von allein“, fügt Marnix van Damme an. Dementsprechend gestalten sie deren Lebensumfeld so, dass sie sich wohlfühlt – mit viel Platz im Stall zum Bewegen, Licht und Luft, damit sie ihre Wärme loswerden. Fast alle Tiere haben Namen, die Jungtiere kommen im Sommer auch auf die Weide. „Kühe wollen Milch geben, sind darauf gezüchtet“, erklärt die 48-Jährige. Gemolken wird dreimal am Tag. 38 Liter produziert dabei eine Kuh durchschnittlich.

Anbinden der Tiere ist längst verboten

„Früher wurden die Tiere im Stall festgebunden. Das ist heutzutage längst verboten, ebenso die Enthornung der Kälber ohne Betäubung“, betont van Damme. Gefüttert wird vorrangig mit eigenen Produkten von den Feldern, wie Schrot. „Aber kein genmanipuliertes Soja. Stattdessen Raps, als Eiweißquelle.“ 70 Kilo Futter verdrücken melkenden Kühe pro Tag, 30 Kilo die Jungtiere. Dazu säuft jede 120 Liter Wasser pro Tag. Geburten gibt es ständig auf dem Hof. Viel Nachwuchs wird noch bis Weihnachten erwartet. Allein zwei Kälbchen kamen in der Nacht von 7. auf 8. Dezember zur Welt.
Blick in den "Kreißsaal": Hochschwangere Kühe werden beim Platkower Milchviehbetrieb separat gehalten, werden dort noch bis Weihnachten etliche Kälbchen zur Welt bringen.
Blick in den „Kreißsaal": Hochschwangere Kühe werden beim Platkower Milchviehbetrieb separat gehalten, werden dort noch bis Weihnachten etliche Kälbchen zur Welt bringen.
© Foto: Cornelia Link-Adam

Kälbchen bleiben ab 2023 länger auf dem Hof

Die Kälbchen kommen ins „Kinderhaus“, in eigene Boxen. „Aber nicht in Container, wie Jaenicke meint und sie erhalten die Milch ihrer Mutter“, wird von den Bauern betont. Bislang blieb der Nachwuchs 14 Tage auf dem Hof, ab Januar werden es nach Gesetzesänderung 28 Tage sein. Dafür mussten die Platkower umbauen – was gelang. Aber auch das kostete Geld, das erstmal verdient sein muss.
In der Kinderabteilung: Madeleen van Damme bei den erst wenige Wochen alten Kälbern, die in Boxen gehalten werden.
In der Kinderabteilung: Madeleen van Damme bei den erst wenige Wochen alten Kälbern, die in Boxen gehalten werden.
© Foto: Cornelia Link-Adam
Auch wenn sich die Milchpreise von einst 30 auf 60 Cent erholt haben, sind nun gestiegene Futter-, Diesel- und Energiekosten ein Problem. „Der Handel profitiert derzeit von der Krise. Die Teuerung der Milchprodukte kommt bei uns in dem Ausmaß nicht an.“ Auch der Tierarzt will mehr Geld, was van Dammes durchaus verstehen, weil er dafür auch immer erreichbar ist.
Weibliche Jungrinder genau im Blick: Madeleen van Damme im Stall bei den scheuen Tieren.
Weibliche Jungrinder genau im Blick: Madeleen van Damme im Stall bei den scheuen Tieren.
© Foto: Cornelia Link-Adam

Antibiotika nur im Notfall

Denn Kühe werden auch mal krank – an Gebärmutter, Euter, Klauen. „Da achten wir sehr drauf, kümmern uns ums Tierwohl. Antibiotika wird nur gereicht, wenn es nötig ist“, erklären beide. Milch von kranken Kühen komme auch nicht mit in die Produktion, sondern in den Gully. „Somit sind wir immer bestrebt, dass es den Tieren gut geht.“
Fressen um zu Kräften zu kommen: Die separat stehenden Kühe auf der sogenannten "Krankenstation".
Fressen um zu Kräften zu kommen: Die separat stehenden Kühe auf der sogenannten "Krankenstation".
© Foto: Cornelia Link-Adam
Die Milch der Tiere werde täglich abgeholt, jedes Mal auch beprobt. Dazu gibt es regelmäßige Kontrollen vom Lebensmittelamt, gut sind auch die Kontakte zum Veterinäramt, Landkreis und Milchbauern der Region.

Erfolgreiche Produzenten

Van Dammes sind erfolgreich in ihrem Tun. Bei der Leistung pro Kuh waren ihre Tiere brandenburgweit lange ganz weit vorn und stehen aktuell auf Platz 4, erzählen sie. „Durchschnittlich produziert jede melkende Kuh bei uns 12.300 Liter, einige der Spitzentiere schaffen es sogar auf fast 20.000 Liter pro Jahr. Wir hatten auch schon Kühe mit einer Lebensleistung von über 100.000 Litern Milch.“ Das wird vom Rinderzuchtverband Brandenburg (RBB) mit Urkunden bedacht.

Als Ausbildungsbetrieb vom Land prämiert

Prämiert wurde die Platkower GbR – als einzige aus MOL – auch jüngst für ihre hohe Qualität und das Engagement in der überbetrieblichen Ausbildung mit einer Plakette des Landwirtschaftsministeriums. Vier Azubis gibt es aktuell auf dem Hof. „Im Winter haben wir viele Lehrlinge aus Betrieben in MOL hier, die Praxis brauchen. Die Auszeichnung ist eine schöne Anerkennung“, freut sich Madeleen van Damme, die auch in der Landwirtschaftsschule MOL unterrichtet.