Lesung: Zeitzeugenbericht als emotionales Erinnern

Eine Kindheit in Podelzig: Christa Schneidewind (81) war aus Frankfurt in ihren Geburtsort gekommen, um aus ihrer Kindheit und Jugend in den 40er- und 50er- Jahren zu berichten. Das Interesse der Podelziger war groß.
Ines Weber-RathMehr als 30 Interessierte begrüßte die Vorsitzende des Vereins „Bürger für Podelzig“, May Mix, zu der ungewöhnlichen Lesung, über die die Podelzigerin Bärbel Marggraf am Ende sagte: „So eine spannende Geschichtsstunde kriegen wir wohl nie wieder.“
Das Grollen hört sie noch immer
Dass die Biografie, die 2008 fertig und 400 Seiten stark war, in Teilen auch einem größeren Publikum zugänglich wurde, verdankt Christa Schneidewind ihrer Enkelin Jennifer. „Oma, die suchen Kindheitserinnerungen alter Brandenburger“, hatte sie gesagt. Das Literaturinstitut Brandenburg hat die Aufzeichnungen der Podelzigerin in Auszügen veröffentlicht.
Als Christa Margot Lehmann sei sie am 31. Januar 1939 in Podelzig in eine sehr arme Familie hinein geboren worden, berichtete Christa Schneidewind ihren Zuhörern. Ihre Mutter Martha musste sie und ihren älteren Bruder Willi allein groß ziehen. Mit den Großeltern lebte die Familie im zum Gut gehörenden Langen Haus — in einer Kammer. Ihre Erinnerung beginnt 1943, unter anderem mit dem Stück Kuchen, das sie einmal in der Woche vom Dorfbäcker zugesteckt bekam. Ihre Mutter, die fürs Dorf strickte, nahm sie im Frühjahr 1944 mit ins Klessiner Schloss. Die Kehrseite erlebte das Kind wenig später, als ukrainische Zwangsarbeiter aufs Gut kamen, die nichts hatten — noch weniger als die Ärmsten im Dorf. Christas Mutter half einer Schwangeren.
„Das Grollen, das mit der Front näher kam, geht mir nicht aus dem Kopf“, sagte die Frankfurterin über den Jahreswechsel 1944/45. Als die Sowjetarmee in Kienitz ihren ersten Brückenkopf baute, feierte die kleine Christa in Podelzig ihren 6. Geburtstag und bekam einen Puppenwagen geschenkt. Dass sie ihn zurück lassen musste, als die Podelziger am 4. Februar 1945 auf die Flucht mussten, sei eine Tragödie für sie gewesen, erinnert sich die heute 81–Jährige.
Fluchtstation in Regenmantel
Sie schilderte die Stationen ihrer Flucht über Regenmantel nach Grieben, an die toten KZ–Häftlinge unterwegs, an Tieffliegerbeschuss und ständigen Hunger. Das Kriegsende erlebte ihre Familie auf einem Sammelplatz in Hagenow bei Hamburg. Sie wollte zurück nach Podelzig. Eine Fehlentscheidung, sagt Christa Schneidewind. Am 1. Juni 1945 kamen Lehmanns wieder in Regenmantel an. Zu den letzten 25 Kilometern nach Podelzig sagt die Autorin: „Es war alles kaputt.“ Auch ihr Haus. Es folgten Erinnerungen an die Nachkriegszeit — an Sowjetsoldaten, die Kindern Brot gaben, an den Tod der Mutter, als sie 10 Jahre alt war, ans Spatzenfangen vor lauter Hunger, einen jungen Pfarrer im Wohnwagen, das Hochwasser, die Währungsreform und den Neubau der Schule. „So was vergisst man nicht“, sagt Christa Schneidewind.