Mauerfall-Serie: Golzower beweisen zur Wende Mut und volles Risiko
Als Günter Schabowski am 9. November 1989 in der „Aktuellen Kamera“ die neue Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündet, sitzen Eckhard und Renate Wagner in Golzow vorm Fernseher und freuen sich riesig darüber. Sohn Erik, er ist damals 19, dient bei den Grenztruppen in einem Dorf an der Grenze zu Niedersachsen als Koch. Vor Freude bedient er sich bei den Alkoholvorräten der kleinen Kaserne.
„Die größten Antreiber unter den Offizieren waren plötzlich ganz zahm“, weiß er noch. Seine spätere Frau Stephanie ist damals erst 14 und wundert sich, dass ihre Eltern an diesem Abend nicht nach Hause kommen. „Am 11. November sind wir als Familie dann erstmals nach Westberlin gefahren“, erinnert sich die heutige Hotelfachfrau. An der EOS in Seelow erklärte Lehrerin Frau Winkler den Kindern die Situation.
Renate Wagner wollte am 9. November am liebsten sofort nach Westberlin. „Ich hatte ja eine Tante dort und kannte das noch von vor 1961“, sagt sie. Der Mauerfall kommt für das Ehepaar, das mit damals 46 und 47 Jahren bereits eine zehnjährige Erfahrung als Konsum-Klubgaststättenleiter in Zechin hatte, in einer Umbruchphase. Der gelernte Elektriker hatte nach einiger Zeit als Elektro-Verantwortlicher für die Konsum-Einrichtungen im Kreis Seelow dort gekündigt und arbeitet wie seine Frau für die PGH des Friseurhandwerks Marxwalde. „Als das auch nicht weiterging, waren wir arbeitslos“, erzählen sie.
Als Gemeindevertreter erfährt Eckhard Wagner, dass die Gemeinde das seit 20 Jahren leerstehende alte Kulturhaus verkaufen will. Mit diesem Haus verbindet Wagners viel. Sie hatten viele Jahre im ehemaligen Schnitterhaus gleich nebenan gewohnt. Schon Karl, der Vater von Eckhard Wagner, hat dort gearbeitet. So fassen sie am 12. September 1990, also vor rund 30 Jahren, den Mut und kaufen das Areal. Der Sanierungsaufwand ist enorm. Zumal beide arbeitslos sind. Dennoch gelingt es, bei der fünften Bank einen Kredit zu bekommen. „Vieles haben wir allein gemacht“, erzählt Eckhard Wagner und zeigt Fotos aus der vierjährigen Umbauzeit. Bauarbeiter aus Polen wohnen in der Zeit vor Ort, werden Freunde der Familie.
Sohn Erik steht hingegen vor der Wahl, in die weite Welt zu ziehen, um Erfahrungen zu sammeln oder im Dorf zu bleiben. Als Zwanzigjähriger übernimmt er die Golzower Kellergaststätte der Landwirtschaft Golzow und macht später sogar dem elterlichen Gasthaus Konkurrenz.
Eckhard und Renate Wagner beschreiben die Aufbruchstimmung der Wendezeit, die sie über viele Hindernisse hinweg getragen hat. „Es hätte jederzeit auch alles schief gehen können“, machen sie deutlich. Das eigene Wohnhaus war als Sicherheit für den Kredit eingesetzt. Mit dem letzten Geld werden die Holzrahmen für die großen Bilder von Karl Wagner gefertigt, die heute einen Teil des Charmes des Gasthauses ausmachen.
Geräte aus HO-Gaststätten
Es gibt ein Foto vom Saal des Gasthauses, da stehen unzählige große Geräte herum. Ein Chaos auf den ersten Blick. „Wir konnten uns keine neue Kücheneinrichtung kaufen. Also haben wir uns aus den Gaststätten, die geschlossen oder modernisiert wurden, die Einrichtung geholt“, erklärt Eckhard Wagner dazu. Die Bedingung der HO als Betreiber dieser Gasthäuser ist, dass alles komplett mitgenommen werden muss. Einiges findet sich noch heute im Gasthaus, wie die Bleiglas-Lampenschirme von Frankfurter Gaststätten wie „West-End“ „Komet“ und „Dachsberge“.
Dort, wo sich die Kulturhausbühne befand, wird die Wohnung für die junge Familie eingerichtet. Zur Einweihungsparty am 23. September 1994 kommen die Golzower erst zögerlich. Bürgermeister Thomas Ott überbringt die Glückwünsche der Gemeinde.
Saal zu Silvester eingeweiht
Gleich zur Eröffnung werden die sechs Pensionszimmer eingeweiht, der Saal erst zu Silvester. Es gibt natürlich auch unter Fachleuten viel Skepsis: „Golzow? Wer soll denn da übernachten wollen?“, ist eine dieser Stimmen. Neun Jahre lang führen Renate und Eckhard Wagner die Einrichtung. „Wir wollten nie nur Dorfkneipe sein. Mit der Speisekarte hatten wir uns anfangs etwas übernommen. Aber von Beginn an gab es frischen Fisch, der zunächst aus Ortwig und Kienitz kommt“, so Wagners. Oderbruchtypische Gerichte prägen die Speisekarte bis heute, da auch Fleisch vom Oderwiesenrind mit auf der Karte steht.
Seit dem 1. August 2003 führen Stephanie und Erik Wagner die Geschäfte. Sie erweitern das Übernachtungsangebot auf heuert 40 Betten, beziehen das 1850 erbaute Schnitterhaus ins Ensemble mit ein. Am Montag, zum 25. Jubiläum, wird ab 16 Uhr im Gasthaus gefeiert und in Erinnerungen gekramt. Sicher kommen dann viel mehr als 1994.


