Mauerfallgeschichten
: Schuldirektor Karsten Handrick: Ein Nein muss ein Nein bleiben

Im 30. Jahr des Mauerfalls blickt Karsten Handrick aufs Studium zurück. Der Direktor sieht im Lehrerberuf stets eine Gradwanderung.
Von
Doris Steinkraus
Seelow
Jetzt in der App anhören

Mit Leib und Seele Lehrer: Karsten Handrick ist ein "Kind" der Region, leitet seit 2013 die Grundschule in Seelow.

Doris Steinkraus/MOZ

An den Tag des Mauerfalls kann sich Karsten Handrick noch ganz genau erinnern.

„Wir wohnten in Voßberg. Ich schlief schon, als mein Vater spät ins Zimmer stürmte und mir erzählte, dass in Berlin die Mauer gefallen sei“, erzählt der 45–Jährige. Er habe das gar nicht richtig gecheckt, wollte nur schlafen, weil er ja am nächsten Morgen zur Schule nach Letschin musste. Da sei das natürlich in der Klasse dann Thema gewesen. Aber kein Lehrer habe dazu etwas gesagt. „Alles ging seinen normalen Gang.“

Zu jener Zeit war auch noch Sonnabend Schule. Handrick erinnert sich noch, dass er am ersten Sonnabend nach dem Mauer–fall wahnsinnig enttäuscht war, weil die Schüler zwar alle zum Unterricht kamen, die Klassenlehrerin jedoch nach Westberlin gefahren war. Auch in den folgenden Wochen sei zum Mauerfall kaum gesprochen worden. Für den fast 16–Jährigen stand ungeachtet der Ereignisse fest, dass er Lehrer werden wollte. „Den Wunsch hatte ich schon in der ersten Klasse“, sagt er lachend. Wer die Unterstufe wählte, konnte damals nach der 10. Klasse am Lehrerinstitut in Frankfurt (früher Neuzelle) die Fachschule absolvieren. Er bewarb sich und wurde auch noch zu DDR–Rahmenbedingungen immatrikuliert. Die vier Jahre Studium seien noch sehr ostlastig gewesen, sagt er. Und am Ende sogar umsonst, denn das Potsdamer Bildungsministerium hatte schnell beschlossen, dass Lehrer grundsätzlich ein Hochschulstudium absolvieren müssen. Karsten Handrick hängte viereinhalb Jahre in Potsdam ran.

Praxislernen war einst besser

In der Rückschau sieht er die Jahre am Lehrerinstitut dennoch nicht als verlorene Zeit. „Es gab einen engen Bezug zur Praxis“, sagt er. Später im Studium sei nur wissenschaftlich gearbeitet worden. Das sei bis heute so. Auch deshalb, so ist der seit 2000 in Seelow Wohnende überzeugt, gebe es gerade im Lehramt so viele Studienabbrecher.

Für ihn stand während der langen Studienzeit immer fest, dass er zurück in die Region wollte. Seine Referendarzeit absolvierte er an der Gesamtschule Wriezen, hatte dort auch seine erste befristete Lehrerstelle. Denn anders als heute seien damals wegen des Geburtsknicks keine Lehrer gesucht worden. Vielmehr wurden Schulen geschlossen und Stellen abgebaut. „Ich hatte Glück, eine Kollegin in Wriezen fiel aus und ich konnte bleiben, aber auch nur befristet“, erzählt er. Um die Region nicht verlassen zu müssen, arbeitete er dann zwei Jahre sowohl in der Gesamtschule als auch in der Justizvollzugsanstalt Wriezen, für vier Jahre dann sogar ausschließlich dort. Meist mit Jugendlichen, die nur etwas jünger waren als er. Es seien spannende Jahre gewesen, sagt er. Dennoch war er dann froh, als er 2011 an der Seelower Grundschule eine Lehrerstelle erhielt. Zwei Jahre später wurde er Direktor.

Begeisterter Rennradfahrer

Bis heute hat er seine Berufsentscheidung nicht bereut. Seine Schüler kennen ihn als strengen Pädagogen, der aber genauso Streiche übersehen und trösten kann. „Es ist ein schmaler Grad zwischen Autorität und Gernhaben“, sieht er die Besonderheit des Berufes. Nicht jeder, der gern Lehrer sein möchte, komme damit zurecht. Dass die Schüler heute anders sind als zu eigenen Schulzeiten, sieht Karsten Handrick nicht als Problem. Schon Aristoteles habe über die Jugend geklagt. Man müsse sich einstellen, auch die eigene Jugend nicht ganz ausblenden und dennoch klare Grenzen ziehen. „Ein Nein muss auch ein Nein bleiben“, steht für ihn fest. Er ist froh, dass viele Kollegen an der Schule genau das täglich praktizieren.

Der zweifache Familienvater kämpft an vielen Fronten für seine Schule. In der vergangenen Wahlperiode war er sachkundiger Einwohner im Bildungs– und Sozialausschuss, im Mai wurde er als Abgeordneter gewählt, leitet heute den Fachausschuss. Und wird auch nicht müde, Außenstehenden die Zuständigkeiten zu erklären. Wenn Eltern berechtigt bei ihm Lehrerausfall beklagen, dann sei dafür eben nicht die Stadt als Schulträger zuständig, sondern das staatliche Schulamt. Dass Lehrer krankheitsbedingt ausfallen, habe indes niemand in der Hand.

Die Tage des Schuldirektors sind terminlich eng belegt. Ein Hobby indes gönnt er sich dennoch. Karsten Handrick fährt Rennrad. Man sieht ihn oft auf Radwegen oder am Deich. 50 km in eineinhalb Stunden sind für ihn kein Thema. Im Juli hat er die viertägige Oderrundfahrt mitgemacht, ist auch bei anderen Radsportevents dabei. Das klappe nur, weil die Familie hinter ihm stehe, sagt er. 12.000 km ist er in diesem Jahr schon geradelt.