1976 wurde Karussell in Leipzig gegründet, unter anderem von ehemaligen Mitgliedern der kurz zuvor verbotenen Band Renft. Ihren größten Hit hatten sie 1986 mit „Als ich fortging“. 1990 erschien ihre dann vorerst letzte LP. In der Nachwendezeit trennte sich die Band, kam erst 2007 wieder zusammen. Zwei neue Alben entstanden, viele Auftritte folgten. Jedes Jahr spielen sie Pfingsten ihr Konzert in Quappendorf – so auch am Sonntag. MOZ.de fragte die Besucher, was den Reiz ihrer Musik ausmacht.
Bereits das elfte Mal spielen Karussell auf dem Quappenhof, einem kleinen Vierseitenhof, den der Verein „Kultur auf dem Lande“ schon regelmäßig über 20 Jahre zur Konzertstätte macht. Mit großen Bands zum kleinen Preis.

Andrang schon vor Beginn

Karussell zieht weiterhin die Massen an. Das halbe Dorf ist zugeparkt, Man sieht Fahrzeuge aus Märkisch-Oderland, Oder-Spree, Frankfurt (Oder), Berlin, Teltow-Flämig – selbst aus Magdeburg und Chemnitz. Lang ist die Schlange am Einlass. Viele sind Stammgäste und haben wohlwissend Klappstühle dabei, denn Sitzplätze sind rar.
Am Einlass vom Quappenhof: Wenn Karussell Pfingsten in Quappendorf spielt, kommen die Fans - und viele mit Klappstuhl. So auch Pfingstsonntag 2022.
Am Einlass vom Quappenhof: Wenn Karussell Pfingsten in Quappendorf spielt, kommen die Fans - und viele mit Klappstuhl. So auch Pfingstsonntag 2022.
© Foto: Cornelia Link-Adam
20 Euro kostet der Eintritt, ein Schnäppchen, wenn man bedenkt was Bands in Berlin mittlerweile kosten. „Wir mussten diese Saison um fünf Euro erhöhen, weil alles teurer geworden ist. Aber dafür sind unsere Preise bei der Versorgung weiterhin fair“, sagt Vereinschef Reinhard Gesche zu MOZ.de.
Das Grillteam beim Konzert: Detlef Krüger brutzelte Würstchen und Buletten, daneben gab Anja das Essen aus und Kollege Howy kassierte - allesamt Ehrenamtler vom Verein "Kultur auf dem Lande". Bei den Preisen konnte man nicht meckern.
Das Grillteam beim Konzert: Detlef Krüger brutzelte Würstchen und Buletten, daneben gab Anja das Essen aus und Kollege Howy kassierte - allesamt Ehrenamtler vom Verein „Kultur auf dem Lande". Bei den Preisen konnte man nicht meckern.
© Foto: Cornelia Link-Adam

Vereinschef holte Ostrocker nach MOL

Was er mit Karussell verbinde? „Mit deren Musik bin ich groß geworden, die hat uns Langhaarige nach dem Verbot von Renft angezogen, auch weil deren Musiker dort mitspielten“, erinnert sich der Vereinschef. Seit 1978 sei er Fan, reiste Karussell hinterher. Nach ihrem Neustart hat der Szene-Kenner bei der Band 2007 einfach angerufen, sie auf den Quappenhof eingeladen. Über die anfängliche Skepsis der Band, ob denn überhaupt Gäste kämen, sprach er Sonntagabend auch nochmal mit Wolf-Rüdiger Raschke – dem Gründer und Chef der Band. „Er ist einfach der Held meiner Jugend“, so Gesche, während sich der Quappenhof sichtbar füllt – mit älterem Publikum, die mit Karrussell aufgewachsen sind. Es kommen weit mehr als erwartet.
Foto mit dem Chef: Dörte und Karsten Hildebrand aus Luckenwalde (vl.), Ute Ronz aus Stendal vom Karussell-Fanclub Reisegruppe (un)geliebt", nutzten schon am Eingang vom Quappenhof die Chance auf ein Erinnerungsbild mit Bandgründer und Keyboarder Wolf-Rüdiger Raschke. "Der Held meiner Jugend", sagte auch Quappenhof-Vereinschef Reinhard Gesche (r.), der die Band wieder nach Quappendorf holte.
Foto mit dem Chef: Dörte und Karsten Hildebrand aus Luckenwalde (vl.), Ute Ronz aus Stendal vom Karussell-Fanclub Reisegruppe (un)geliebt", nutzten schon am Eingang vom Quappenhof die Chance auf ein Erinnerungsbild mit Bandgründer und Keyboarder Wolf-Rüdiger Raschke. „Der Held meiner Jugend", sagte auch Quappenhof-Vereinschef Reinhard Gesche (r.), der die Band wieder nach Quappendorf holte.
© Foto: Cornelia Link-Adam

Karussell-Gründer lobt den Quappenhof

Raschke lächelt milde. Der erinnert sich gerne an die Anfänge auf dem Hof. Beim ersten Auftritt waren es 60 Leute. Es wurden mehr. „Wir hatten hier schon über 300“, sagt Raschke. Diese Zahl wird – geschätzt von der Reporterin – auch an diesem Abend locker erreicht. Karussell sei gerne auf dem Quappenhof, längst sei man gut befreundet. Auch die Verpflegung passt.
Klare Ansage: Ein Stand nur für Bier und Bemme - das entschäfte die Schlangen bei den Getränken sehr.
Klare Ansage: Ein Stand nur für Bier und Bemme - das entschäfte die Schlangen bei den Getränken sehr.
© Foto: Cornelia Link-Adam
Auf der Bühne nah am Publikum zu sein, das mache richtig Spaß, so das Karussell-Urgestein. „Und man kann hautnah mit den Leuten quatschen, es ist wie eine große Familie. Pfingsten hier zu spielen, das ist für uns Pflicht“, sagt Raschke über den Quappenhof.

Nach Corona endlich wieder auf Tour

Nach der langen Corona-Pause sei man gerne hier, eigentlich wäre es ja schon das 13. Konzert. „Doch zwei Jahre ging ja nix.“ Längst habe man seit 2007 weitere Alben gemacht, auch Filme, Dokus. Aktuell wird getourt. Kommendes Jahr erscheint die neue Platte, fügt Raschke an. „Die Hälfte der Songs ist schon fertig.“
Das hören auch die Fans vom Fanclub „Reisegruppe (un)beliebt“ gern. „Der Name entstand im Januar 2015 an der Ostsee. Dort hatte eine andere Band abgesagt, sprang Karussell ein. Seither sind wir Fans“, erklären Karsten und Dörte Hildebrand (Luckenwalde) und Ute Ronz (Stendal). Sie stehen auf Ostrock-Musik. „Karussell ist sehr publikumsverbunden, wir sind gerne hier, trotz der lange Anreise“, loben sie.

Ihre Musik weckt Emotionen

Fast alle Konzerte in Quappendorf hat auch Michael Macht aus Frankfurt (Oder) mitgemacht. Stolz trägt er sein Karussell-Shirt. Fan ist er schon seit Bandgründung. Die Musik sei toll, die Texte klug. Und die Musiker nett. „Außerdem sind die Fans auf dem Quappendorf eine dufte Familie“, sagt Macht. „Es ist einfach zauberhaft hier“, fügt Micha aus Bad Freienwalde an, der mit zur Männertruppe gehört.
Männerrunde: Michael aus Bad Freienwalde (r.) gehörte ebenso zu den Konzertgängern bei Karussell in Quappendorf, wie Michael Macht aus Frankfurt (Oder, 2.vl.), der gerne im Karussell-Shirt rumlief.
Männerrunde: Michael aus Bad Freienwalde (r.) gehörte ebenso zu den Konzertgängern bei Karussell in Quappendorf, wie Michael Macht aus Frankfurt (Oder, 2.vl.), der gerne im Karussell-Shirt rumlief.
© Foto: Cornelia Link-Adam
Mit ihrem Mann ist Monika Köcheritz aus Trebnitz gekommen. „Ich habe damals in Halle studiert, dabei viel Karussell gehört. Ihre Musik berührt meine Emotionen“, erklärt sie. Es ist ihr drittes Konzert auf dem Quappenhof.

Viele Fans sind mit der Musik groß geworden

Sich an die Jugend erinnern, das wollen auch Susann und Dirk Boeck aus Jacobsdorf bei Frankfurt (Oder). Generell sind viele Pärchen da. Michael Pöge ist Leipziger, wie die Band, lebt aber seit 2010 in Tempelberg. „Ich freu mich auf den Abend“, sagt er. Indes sitzt Quappendorfs Ortsvorsteher Hans-Jürgen Röchow im Klappstuhl in der ersten Reihe. „Karussell ist halt Erinnerung“, sagt er und lobt die wieder toll geleistete Vereinsarbeit. Sein Karussell-Lieblingslied? „Als ich fortging“, sagt Röchow sofort – wie viele auch.

Konzert startet mit Klassiker

Genau mit dem wohl größten Hit, damals gesungen von Dirk Michaelis, beginnt das Konzert – in Akustikform, gespielt von Wolf-Rüdiger Raschke auf der Bühne. Applaus brandet auf, auch als der Rest der Band auf der Bühne erscheint.
Großer Zulauf: Viele Fans waren am Pfingstsonntag wieder zum Konzert von Karussell auf den Quappenhof gekommen. Etliche saßen auf dem Boden, andere hatten sich Stühle mitgebracht - und applaudierten rege, kaum dass die Band auf der Bühne stand.
Großer Zulauf: Viele Fans waren am Pfingstsonntag wieder zum Konzert von Karussell auf den Quappenhof gekommen. Etliche saßen auf dem Boden, andere hatten sich Stühle mitgebracht - und applaudierten rege, kaum dass die Band auf der Bühne stand.
© Foto: Cornelia Link-Adam
Was dann folgt ist ein Wechsel von alten und neuen Songs. Längst hat auf der Bühne der Generationswechsel eingesetzt. Die meisten Songs singt Joe Raschke, der Sohn vom Gründer. Aber auch Urgestein Reinhard „Oschek“ Huth bekommt viel Applaus.
Generationen auf der Karussell-Bühne: Bassist Jan Kirsten (v.l.) Gitarrist und Urgestein Reinhard "Oschek" Huth und Joe Raschke, der Sohn von Gründer Wolf-Rüdiger Raschke beim Konzert in Quappendorf.
Generationen auf der Karussell-Bühne: Bassist Jan Kirsten (v.l.) Gitarrist und Urgestein Reinhard "Oschek" Huth und Joe Raschke, der Sohn von Gründer Wolf-Rüdiger Raschke beim Konzert in Quappendorf.
© Foto: Cornelia Link-Adam

Mit Plüsch-Schaf auf der Bühne

Es wird besinnlich bei „Loslassen“, wird gefeiert zu lobenden Worten über den Quappenhof. Dass der Platz mittlerweile bis zum Tor voll ist, lässt auch die Musiker strahlen. „Wir sind so gerne hier“, sagt Joe Raschke. Passend dazu gibt es „Lied für euch“, auch der Klassiker „McDonald“ mitsamt Glücksschaf Dörte darf nicht fehlen. Passend dazu winken Fans mit Plüsch-Schafen aus dem Publikum.
Nix ohne Glücks-Schaf Dörte: Joe Raschke singt den bekannten Karussell-Song "McDonald" auch auf dem Quappenhof.
Nix ohne Glücks-Schaf Dörte: Joe Raschke singt den bekannten Karussell-Song "McDonald" auch auf dem Quappenhof.
© Foto: Cornelia Link-Adam
Die Fans, teils auch mit Shirts „Renft forever“ erkenen die Songs schon bei den Anfangstönen. Verzückte „Ahhs“ gibt es auch bei „Wer die Rose ehrt“.

„Fischlein aus dem Eis“ darf nicht fehlen

An verstorbene Band-Mitglieder wird mit dem „Bruder-Blues“ erinnert, auch ihr „Lied für Leipzig“ als Bekenntnis der Sachsen zu ihrer weltoffenen Heimatstadt bekommt Applaus. Bewusst wird ohne Pause durchgespielt. Längst ist es dunkel geworden. Als „Fischlein aus dem Eis“ von Reinhard „Oschek“ Huth gesungen wird, stimmt das Publikum ein. Aus hunderten Kehlen hallt der Text über den Hof. Gänsehaut macht sich breit.
Alte und neue Songs: Karussell bot Pfingsten im Quappenhof wieder ein stimmungsvolles Konzert, auch dank ihrer Sänger Reinhard "Oschek" Huth und Joe Raschke (vorn).
Alte und neue Songs: Karussell bot Pfingsten im Quappenhof wieder ein stimmungsvolles Konzert, auch dank ihrer Sänger Reinhard "Oschek" Huth und Joe Raschke (vorn).
© Foto: Cornelia Link-Adam

Abrocken vor der Bühne bis zum Schluss

Richtig gerockt – und das dann auch vor der Bühne – wird spätestens bei „Autostopp“, einem weiteren Klassiker.
Party vor der Bühne: Spätestens ab "Autostop" waren die Fans nah dran an Karussell auf dem Quappenhof - und übernahmen auch mal die Gesangsparts.
Party vor der Bühne: Spätestens ab "Autostop" waren die Fans nah dran an Karussell auf dem Quappenhof - und übernahmen auch mal die Gesangsparts.
© Foto: Cornelia Link-Adam
Zum Finale gibt es „Als ich fortging“ in schönster Form. Handys werden gezückt, Vidoes aufgenommen. Es wird gekuschelt und geknutscht. Und die Band lässt das Publikum wieder singen.
Ließen sich feiern: Karussell beim Konzert am Pfingstsonntag auf dem Quappenhof. Bei "Als ich fortging" sang auch das Publikum den Melodiepart kräftig mit.
Ließen sich feiern: Karussell beim Konzert am Pfingstsonntag auf dem Quappenhof. Bei „Als ich fortging" sang auch das Publikum den Melodiepart kräftig mit.
© Foto: Cornelia Link-Adam
Erst nach zwei Zugaben werden die Musiker in die Nacht entlassen – und allen ist klar: Nächstes Jahr Pfingsten sind wir wieder auf dem Quappenhof.