Museumsdirektor Ryszard Skalba freut sich über den guten Zuspruch zur ersten öffentlichen Veranstaltung nach der corona-bedingten Pause. 51 verschiedene Baumarten hatte ein Ökologie-Professor aus Stettin vor einigen Jahren dort festgestellt. Die naturfachlichen Erläuterungen dazu gibt Florian Schreiber den Spaziergängern. Klaus Thiel begrüßt alle an einer roten Berberitze vor dem Berliner Tor. Dort stand bis 1945 ein hölzerner Gardegrenadier mit dem Schild: "Besucht die Festung Küstrin!"
Der heute 84-Jährige berichtet von der Stunde null vor 75 Jahren: "Kein Mensch war mehr da. Und kein Baum hatte überlebt." Was im Laufe des Spazierganges etwas relativiert wird. Denn es haben Bäume der Altstadt überlebt. Aber Thiels Satz "Als das Leben der Menschen zu Ende war, begann das Leben der Bäume", soll sich immer wieder eindrucksvoll bestätigen.
Die Bäume hätten wohl auch die gesamte Altstadt in einen Wald verwandelt, wenn nicht Anfang der 1990er-Jahre durch umfangreiche Rodungen das, was von der alten Festungsstadt noch übrig war, wieder zum Vorschein geholt worden wäre: Straßen, Kellerruinen, Straßenbahnschienen und Festungsbauten. Dass Bäume es schaffen, die dicksten Mauern zu sprengen, davon kann man sich in der Altstadt überzeugen.
Manche Bäume sind viel mächtiger geworden als anderswo. Das liege auch am Boden, den sie hier haben, wo so viele Menschen und Tiere getötet worden sind. Am Bewuchs kann man ablesen, was einst war. So zeigt Thiel das Areal der Buchdruckerei in der Predigergasse, wo das Küstriner Tagblatt gedruckt wurde. Die massive Bodenplatte dort verhindert bis heute das Hochkommen der Bäume. Die Keller des Hotels Krappe wurden von Ulmenwurzeln überwölbt. In diesen Kellern hatte die Rote Armee nach dem Krieg Deutsche eingesperrt, die in Küstrin aufgegriffen wurden.
Klaus Thiel weiß zu jedem der 200 Häuser, die die Altstadt einst hatte, Geschichten. Und bringt sie mit den Bäumen dort in Verbindung. So verweist er am Markt auf einen Strauch. "Dort stand der Schaukasten, in dem die Hetzzeitung ,Der Stürmer’ zu sehen war", sagt er. Kein anständiger Küstriner wollte dort stehen bleiben. "Als ein Mädchen dort mal lesend gesehen wurde, bekam es von den Eltern eine Strafe", so Thiel, der immer nach Spuren dessen sucht, was ihm vor Augen geblieben ist. Die einstige Telefonzelle zum Beispiel. "Die Bäume hier am Markt markieren in etwa die damaligen Bebauung", erläutert er. Und erzählt davon, dass kein Küstriner an der Arisierung des beliebten jüdischen Kaufhauses Danziger beteiligt sein wollte.