Sommerserie
: Schinkels Muster für die Dorfkirchen

Letschins ziegelrotes Wahrzeichen wurde vor 200 Jahren eingeweiht.
Von
Ulf Grieger
Letschin
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  • Hoch hinaus ragt der Schinkelturm über dem Letschiner Marktanger: 2002 war das markante Gebäude in Regie des Landkreises, der es 1974 für 99 Jahre gepachtet hat, umfangreich saniert worden.

    Hoch hinaus ragt der Schinkelturm über dem Letschiner Marktanger: 2002 war das markante Gebäude in Regie des Landkreises, der es 1974 für 99 Jahre gepachtet hat, umfangreich saniert worden.

    Matthias Lubiscn
  • Ausstellung: Pfarrer Frank Schneider (l) und Heimatstubenleiter Edgar Petrick wissen viel zum Turm zu erzählen.

    Ausstellung: Pfarrer Frank Schneider (l) und Heimatstubenleiter Edgar Petrick wissen viel zum Turm zu erzählen.

    Matthias Lubisch
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Der Brandschutz, der Baugrund und das Genie des preußischen Oberbaurates Carl Friedrich Schinkel prägen die Gestalt des Letschiner Kirchturms, eines der markantesten Gebäude im Oderbruch. Und wenn er wie jetzt von Ferne aus den goldgelben Weizenfeldern aufragt, wirkt er wie ein Leuchtturm im Meer.

Das vor 200 Jahren fertiggestellte Bauwerk galt Schinkel als Muster für Kirchtürme in Preußen: Er forderte deshalb große Vorsicht und Genauigkeit bei der Ausführung. Zuvor hatte er den Entwurf eines hölzernen Turms abgelehnt. Zum einen wegen des hohe Materialaufwands, zum anderen wegen der „Feuergefährlichkeit“. Denn die Vorgängerbauten waren allesamt abgebrannt. Dass der Turm nicht wie ursprünglich geplant  Norden mit der noch durch die Grundmauer und eine Hecke sichtbare Kirche gebaut wurde, hatte mit dem schlechten Baugrund zu tun. Der war an der Stelle ungeeignet, so dass man 1813 zunächst nur die Kirche eingeweiht und den Turm später an die Westseite angesetzt hat.

Während der Kämpfe im April 1945 wurden die Letschiner Kirche und ihr Turm durch Artilleriebeschuss beschädigt. Zuvor hatte die Kirchgemeinde die Altar- und Kirchgeräte ausgelagert. Polnische Kriegsgefangene hatten dort ihr Quartier, heißt es in der Ortschronik.

Am 2. Advent 1956 erklangen dort erstmals die drei Glocken, deren Bibel-Inschriften Letschins Pfarrer Frank Schneider immer gern zitiert: „Seid fröhlich in Hoffnung“, „Geduldig in Trübsal“ und „Haltet an am Gebet“. Das seien Losungen, die die Geschichte des Turmes gut kommentieren, agt er. Es waren engagierte Letschiner, die es 1973 verhinderten, dass auch der Turm abgerissen wurde. Die Mauern der Kirchruine wurden als Gefahren für Kinder ausgemacht und somit sollte auch Schinkels Turm fallen, da er ja dann keinen Halt mehr habe. Lutz Gregorczyk, Peter Fuhrmann und andere gruben nach und zeigten, dass der Turm ein eigenes Fundament hat. So durfte er stehen bleiben. Ohnehin lief damals in der DDR die Vorbereitung auf die Schinkel-Ehrung zu dessen 200. Todestag. 2002 konnte das Gebäude, für das findige Journalisten den Spitznamen „Zuckerhut“ erfanden, umfangreich saniert werden.

Schlüssel in der Heimatstube

Die Kirchgemeinde lässt samstags um 18 Uhr die Glocken läuten. Im Erdgeschoss befindet sich eine Ausstellung zur Baugeschichte, die der Heimatverein unter Leitung von Sigrid Strenge erarbeitet hat. Die Arbeitsinitiative Letschin steuerte ein Modell der Kirche bei. Und wenn man Glück hat, kann man dort auch von Letschinern Geschichten dazu hören, was sie mit ihrem 200-jährigen Turm verbindet. Den Schlüssel gibt es in der Heimatstube Haus Birkenweg, wo sich auch die Touristinfo befindet. Aus Sicherheitsgründen darf der Turm nicht bestiegen werden.

Wie sehr der Schinkelturm, der im Mai 1974 von der Kirchgemeinde an den Kreis Seelow für 99 Jahre verpachtet wurde, zu einem Heimatsymbol der Oderbrücher geworden ist, das zeigt sich bei verschiedenen Gelegenheiten. In jüngerer Zeit war das beim Bürger-Widerstand gegen die Pläne zur CO2-Verpressung im Oderbruch der Fall. Nach Bekanntwerden der Pläne des Vattenfall-Konzerns vor zehn Jahren protestierten die Bürger mit viel Phantasie mit Mahnwachen gegen die CCS-Anwendung (Carbon Capture and Storage) im Oderbruch. Monatlich versammelten sie sich am Schinkelturm mit Glockengeläut. Viele Familien mit Kindern waren dabei. Es gab Protestkonzerte und eine Zusammenarbeit mit den Kohle-Energiegegnern in der Lausitz, wo ganze Dörfer vor der Abbaggerung standen. Der Widerstand hatte die gesamte Region für energiepolitische Fragen sensibilisiert. Der Rückzug des Landes von dem Projekt 2014 war ein Erfolg der engagierten Bürger, der Vereine und der Kirche.

Der zweite Jubilar steht vor der Apotheke

An Theodor Fontane, den anderen 200-Jährigen in Letschin, erinnert eine Ausstellung in den Heimatstuben. Zudem ist vor der Apotheke, die Fontanes Vater einst besaß, eine Büste des Dichterfürsten zu bewundern. Das Werk des Marxdorfer Künstlers Ehrhard Thoms gibt den interessierten Blick des schon reiferen Dichters wieder. Und zwar in dessen Lebensgröße von 1,83 Metern. Den Schlüssel zum Turm gibt es in den Heimatstuben Haus Birkenweg, geöffnet Mittwoch bis Freitag von 11 bis 17 und am Wochenende von 14 bis 17 Uhr.