Startklar
: Hubschrauber standen 1989 startklar zum Ausfliegen

Das einstige Marxwalde hob sich 1989 von anderen Orten ab. Heimatverein Neuhardenberg beleuchtet mit Vortrag die Wendezeit.
Von
Doris Steinkraus
Neuhardenberg
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  • Regierungsstaffel am damaligen Flugplatz Marxwalde: In den 1970er-Jahren wurde die bereits 1957 im damaligen Marxwalde kleine Einheit erheblich erweitert. Das Geschwader bestand aus mehr als zehn Passagiermaschinen sowie etlichen Hubschraubern.

    Regierungsstaffel am damaligen Flugplatz Marxwalde: In den 1970er-Jahren wurde die bereits 1957 im damaligen Marxwalde kleine Einheit erheblich erweitert. Das Geschwader bestand aus mehr als zehn Passagiermaschinen sowie etlichen Hubschraubern.

    MOZ-Archiv
  • Zeitgeschichte: Vereinsvorsitzender Dietmar Zimmermann (l.) dankt Lothar Banse für seinen Vortrag zum Mauerfall.

    Zeitgeschichte: Vereinsvorsitzender Dietmar Zimmermann (l.) dankt Lothar Banse für seinen Vortrag zum Mauerfall.

    Doris Steinkraus/MOZ
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Die Erinnerungen an die dramatischen Monate vor und nach dem Mauerfall 1989 sind verblasst. Für die erste Generation heutiger Erwachsener sind sie Geschichte, mit der sie nicht viel anfangen können. Der Heimatverein Neuhardenberg widmete dem Mauerfall einen Abend, in dem jene Wochen noch einmal gegenwärtig wurden. Nicht ohne Grund: Das damalige Marxwalde hob sich durch seinen Flugplatz und der daraus resultierenden Einwohnerstruktur deutlich von Städten und Dörfern in der DDR ab. In Marxwalde war nicht nur das Jagdfluggeschwader JG8, sondern auch das Transportgeschwader 44 mit der Regierungsstaffel stationiert.  Mehr als 1700 Offiziere und Soldaten taten auf dem Flugplatz ihren Dienst. Für sie waren zahlreiche Neubauten errichtet worden. Und natürlich gab es immer den heißen Draht zur DDR–Führung, machte Lothar Banse am Dienstagabend bei seinem Vortrag im Dorfmuseum deutlich. Denn die Marxwalder flogen Honecker & Co zu allen offiziellen Terminen ins Ausland. Mit der Anerkennungswelle der DDR wurden es immer mehr.

Lothar Banse selbst war Polit–Offizier im TG 44.  Zu NVA–Zeiten verließen Offiziere mit 50 Jahren die Truppe, gingen ins Zivilleben. Banse hatte sich darauf vorbereitet und ein fünfjähriges Studium als Historiker absolviert. Im November 1989 war sein regulärer Abschied. Er bewarb sich bei der Bezirksdirektion Frankfurt/Oder für einen Job im Schloss, wurde zum 1. Dezember 1989 eingestellt. Die politischen Ereignisse hielten ihn im Bann.

Schon seit dem Sommer brodelte es in der DDR erheblich. Akribisch hat Lothar Banse unzählige Dokumente, Protokolle, Zeitungsausschnitte und Zeitzeugenberichte zusammengetragen, die die Situation detailliert beleuchten. Das aus heutiger Sicht Unfassbare: "Partei– und Staatsführung reagierten nicht, machten weiter wie zuvor“, so Banse. Er zitierte aus Befehlen, wonach die Militär angewiesen worden waren, weder bei Demonstrationen noch bei Bewegungen an der Grenze von ihrer Schusswaffe Gebrauch zu machen. Für die DDR stand viel auf dem Spiel. Es ging nicht nur um eine innerdeutsche Grenze, sondern um die Grenze zwischen zwei Militärbündnissen. Und es ging um Berlin, das nach wie vor unter Hoheit der Alliierten stand. Banse zeichnete das Bild einer kopflosen Führung, die auch die Angehörigen des Militärs in Bedrängnis brachte. In Marxwalde stand die Hubschrauberstaffel in Alarmbereitschaft, um gegebenenfalls Honecker & Co auszufliegen. Doch dazu kam es letztlich nicht, aber es blieb stürmisch. Lothar Banse zitierte aus seinem persönlichen Protokoll, das er von der ersten gemeinsamen Beratung der damaligen Parteiorganisation der NVA–Dienststelle und des Ortes Marxwalde am 4. Dezember 1989 geschrieben hatte. Zu jenem Zeitpunkt ging es noch nicht um die Einheit. Im voll besetzten Freizeitzentrum (heute Rewe–Markt) wurden eine strafrechtliche Verfolgung der Partei– und Staatsführung gefordert, ein künftig enges Zusammenwirken von NVA und Dorf sowie ein Runder Tisch (den es später mit dem damaligen Pfarrer Martin von Essen auch gab).

1993 endete Militär-Ära

Mit der Wende habe es auch viele Anfeindungen gegeben, berichteten Besucher des Abends, die jene Zeit miterlebten. Vieles sei den Elitetruppen unterstellt worden, bis hin zur Überzeugung, dass sie in harter Währung bezahlt wurden. Nur wenige wechselten noch  in das Lufttransportgeschwader 65, das die Bundeswehr im 1991 wieder in Neuhardenberg umbenannten Dorf installierte.  Bis 1993 flog die Bundeswehr den Beamtenshuttle Berlin–Bonn. Dann wurde der Flugplatz privatisiert. Über die Geschichte des Regierungsgeschwaders informiert das Heimat– und das Flugplatz–Museum. Im Film „Erich Honeckers Air Force one“ (Internet) berichten Piloten 2009 erstmals über ihre Zeit im TG 44 und Begegnungen mit den DDR–Führungskadern.