Kinderarzt in Berlin-Spandau
: Arzt am Limit – das sind die Probleme im Alltag

Der Versorgungsgrad an Kinderärzten in Berlin-Spandau ist kritisch. Mehr Praxen sind erforderlich. Ein Kinderarzt berichtet aus seinem Alltag.
Von
Pamela Kaethner
Berlin-Spandau
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Infant baby boy child being examined by his pediatrician doctor during a standard medical checkup in presence and comfor: Infant baby boy child being examined by his pediatrician doctor during a standard medical checkup in presence and comfort of his mother. National public health and childs care care koncept. Infant baby boy child being examined by his pediatrician doctor during a standard medical checkup in presence and comfort of his mother. National public health and childs care care koncept ,model released, Symbolfoto Copyright: xZoonar.com/MatejxKastelicx 20454919 ,model released, Symbolfoto ,property released

In Spandau gibt es zu wenige Kinderärzte. Die Wartezeiten sind lang, Neuaufnahmen werden zeitweise ausgesetzt. Vor allem in sozial schwachen Ortsteilen ist die medizinische Versorgung gering.

Matej Kastelic
  • Kinderärztliche Versorgung in Berlin-Spandau ist kritisch, Versorgungsgrad bei 80%.
  • Ärzte überlastet, lange Wartezeiten und ausgesetzte Neuaufnahmen.
  • Hoher Anteil an Kindern mit Fluchterfahrung und unklarem Impfstatus.
  • Fachkräftemangel erschwert Praxisbetrieb, Stellen bleiben unbesetzt.
  • Neue Kinderarztpraxen in 2024, aber in sozial schwachen Gebieten.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Das Gespräch beginnt mit einem Scherz. Als Kinderarzt ist Dr. Christian Thies öfter zum Scherzen aufgelegt, um seine kleinen Patienten bei Laune zu halten. Doch was der Mediziner seit einigen Jahren in seiner Praxis erlebt, ist nicht immer lustig.

Einen Grund dafür liefert die Statistik: Anhand von Bevölkerungsdaten berechnet die Kassenärztliche Vereinigung Berlin jedes Jahr, wie viele niedergelassene Ärzte in einem Bezirk nötig sind. Der Versorgungsgrad mit Kinderärzten in Spandau liegt am 1. Juli 2024 bei 89,7 Prozent. Am 1. Juli 2020 waren es noch 97,2 Prozent.

Spandau: Weniger Ärzte für mehr Kinder

Wenngleich die Zahl der Kinderarzt-Sitze in Spandau in den zurückliegenden Jahren weiter gestiegen ist, schreibt das Bezirksamt für Jugend und Gesundheit auf Anfrage: „Der kinder- und jugendärztliche Versorgungsgrad ist in den letzten Jahren gesunken.“ Es gibt also weniger Ärzte für mehr Kinder.

Grund dafür sei der starke Zuzug nach Spandau aus anderen Bezirken sowie von geflüchteten Menschen. Auch der Fachkräftemangel stelle die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Spandau vor Herausforderungen, so das Bezirksamt.

Wie das aussieht, schildert der Kinderarzt Christian Thies. Der 60-Jährige betreibt in der Pichelsdorfer Straße in Wilhelmstadt eine kinder- und jugendärztliche Gemeinschaftspraxis. Dort würde es Tage geben, „da macht man nur Notfallversorgung. Da bleibt die Vorsorge auf der Strecke.“ Für Prävention brauche er Zeit, die er oft einfach nicht mehr habe.

„Wir sind hier nicht in Zehlendorf. Wir haben einen deutlich höheren Aufwand, weil wir mit jedem Dritten, der in unsere Praxis kommt, keine gemeinsame Sprache teilen“, erklärt Christian Thies. Wenn es keine anderen Mittel gibt, behelfe er sich mit einem dazugeschalteten Telefondolmetscher. All das brauche einfach mehr Zeit.

Auch die Fälle, die er behandelt, seien oft schwieriger. Wenn zum Beispiel schwerstbehinderte Kinder oder Kinder mit Epilepsie aus einer Flüchtlingsunterkunft kämen, gäbe es oft eine lange Vorgeschichte und viele Probleme. Diese müsse er erst verstehen und bearbeiten. Es sei eben nicht mehr so, dass er jeden seiner Patienten schon lange kenne und mit der Krankengeschichte vertraut sei.

Spandau: Hoher Anteil von Kindern mit Fluchterfahrung

Gerade unter den Geflüchteten seien viele Kinder, deren Impfstatus unklar ist, erzählt Christian Thies. Allein das mache vieles komplizierter. Der Anteil der Kinder mit Fluchterfahrung nehme in seiner Praxis deutlich zu – mit allen Problemen, die das mit sich bringe.

„Ich mache meine Arbeit gerne. Auch wenn die Umstände manchmal schwierig und anstrengend sind“, sagt der Kinderarzt. Problematisch sei auch der Fachkräftemangel, Medizinische Fachangestellte (MFA) seien sehr schwer zu finden. „Wir bekommen die Stellen nicht besetzt, weder die für Fachkräfte noch für Quereinsteiger ohne Ausbildung.“

Dies sei auch eine Begrenzung für die Zahl der Kinderarztpraxen in Spandau. Ohne entsprechende Fachangestellte könne die Zahl der Patienten pro Praxis nicht einfach erhöht werden.

Kinderarzt – Praxen sind völlig überlaufen

Kinderarzt Thies trifft sich regelmäßig mit seinen Kollegen aus dem Bezirk. Bei den meisten würde sich das gleiche Problem zeigen: Die Praxen seien völlig überlaufen. Die Kinderärzte, die er kenne, nähmen jeden Patienten aus dem Einzugsgebiet der Praxis an. Er habe aber auch schon von Praxen gehört, die vorübergehend keine Neuaufnahmen zulassen. Das sei dann ein Selbstschutz der Ärzte, vermutet er, die der Situation sonst nicht Herr würden.

In Spandau hat im Sommer 2024 eine neue Kinderarztpraxis eröffnet. Ein Grund zur Freude für die Kollegen. Allerdings liegt der neue Arztsitz „im sozial besonders prekären Kladow“, scherzt Christian Thies und spricht damit ein Problem an, das häufig in ärmeren Stadtteilen zu finden ist: Niedergelassene Ärzte eröffnen ihre Praxen eher in wohlhabenderen Gegenden.

Sozialindex 2022 Berlin

Gesundheits- und Sozialstrukturatlas 2022 Berlin: Der Index "soziale Lage" ist für Spandau gering. Hier gibt es einen besonders hohen Anteil von Einwohnern in einfacher Wohnlage, einen hohen Anteil von Kindern mit niedrigem Sozialstatusindex bei der Einschulungsuntersuchung, eine hohe Armutsrisikoquote und einen hohen Anteil von Empfängern von Grundsicherung.                            Quelle: Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege

Pamela Kaethner

Die Gesundheitsverwaltung des Bezirks wünscht sich deshalb, „dass gerade bei der Vergabe von Kinder- und Jugendarztsitzen die Sozialstruktur noch stärker berücksichtigt wird“. Sie weist auf den Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit hin: „Spandau belegt im Berliner Sozialindex den vorletzten Platz, auch wenn dies nicht für alle Bezirksregionen zutrifft. Der Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit ist wissenschaftlich belegt.“ Entsprechend liegt Spandau auch im Gesundheitsindex auf einem der hinteren Plätze.

Für die Ausschreibung, Verteilung und Besetzung von Arztpraxen sei jedoch allein die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin zuständig. Grundsätzlich, so ein Mitarbeiter der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, könne die KV aber keine Vorgaben machen, wo genau sich Ärzte niederlassen sollen.

Neue Kinderärzte in Spandau

Zwei weitere Arztsitze seien im Sommer 2024 in Spandau besetzt worden, teilt die KV Berlin mit. Einer in Siemensstadt und einer im Ortsteil Spandau. In letzterer habe der Arzt seine Tätigkeit noch nicht aufgenommen, zur zweiten Praxis machte die KV keine weiteren Angaben. Insgesamt gebe es im Bezirk 22,5 Kinderarztsitze.

In Hohenschönhausen im Bezirk Lichtenberg, wo die Versorgung mit Hausärzten besonders schlecht ist, betreibt die KV Berlin seit dem Sommer 2022 selbst eine Hausarztpraxis, in der die Ärzte angestellt sind. Auf die Nachfrage bei der KV Berlin, ob dieses Modell auch in Spandau Versorgungslücken schließen könnte, antwortet der Pressesprecher: „Es gibt derzeit keine konkreten Überlegungen, in Spandau eine KV Praxis zu eröffnen."

Gründe: „Zum einen finden sich keine passenden Ärzte und zum anderen besteht dazu in Spandau bislang keine Notwendigkeit, insbesondere im Vergleich mit anderen Bezirken.“  Weiter heißt es, dass von der KV betriebene Praxen niemals „die völlig verfehlte Gesundheitspolitik der letzten Jahre" kompensieren könnten.

In einer früheren Version des Artikels war der kinderärztliche Versorgungsgrad in Spandau mit 80 Prozent und die Grenze zur Unterversorgung mit 75 Prozent angeben, dies wurde korrigiert.