30 Jahre Mauerfall
: Für Jürgen Schmitz war Abhauen nie ein Thema

Wie Strausbergs erster Nachwende-Bürgermeister Jürgen Schmitz die Wochen um den Mauerfall erlebte, erzählt er in der MOZ.
Von
Jens Sell
Strausberg
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Jürgen Schmitz: Bürgermeister von Strausberg 1990-2002 im Sommer 2019

privat

Die strenge pädagogische Maßnahme mag die Transportpolizei in Bad Schandau dazu bewogen haben, Vater und Sohn ohne weiteres zurück nach Strausberg fahren zu lassen. Zwar wurde der Sohn bis zum Honecker-Sturz am 18. Oktober fast täglich bei Polizei und Staatssicherheit verhört, doch nicht eingesperrt. Der Weg über Ungarn in den Westen, zu dem die Freundin den Sohn wohl überredet hatte, sollte verstopft werden. Ganz dicht war die DDR damals schon lange nicht mehr.

Tricks gegen die Mangelwirtschaft

Jürgen Schmitz hatte nie vor, die DDR in Richtung Westen zu verlassen, auch wenn seine meisten Verwandten dort lebten. Nicht etwa aus Hurrapatriotismus, sondern weil er sich mit einem immer wieder herausfordernden Job, Familie und Eigenheim einiges aufgebaut hatte. Und das gerade unter den DDR-typischen Schwierigkeiten, mit denen er seit Jahren zu tun hatte. „Dass die DDR-Wirtschaft nach und nach bröckelte, habe ich schon lange an vielen Details gespürt“, erzählt er. Als Elektromeister war er seit 1980 zuständig für die Elektroanlagen aller Wohnungen der kommunalen Gebäudewirtschaft, die in Strausberg, Eggersdorf und Herzfelde lagen. Die Episoden, die Jürgen Schmitz von den Schlichen und Tricks erzählen kann, mit denen diverse Materialengpässe bewältigt werden mussten, illustrieren Erfindungsreichtum, Improvisationstalent und Bauernschläue, mit denen die DDR-Bürger die Mangelwirtschaft am Laufen hielten.

„Schon dass die 750-Jahr-Feier Strausbergs um drei Jahre auf 1985 verschoben werden musste, zeigte, dass es nicht mehr ruckelfrei lief“, sagt Jürgen Schmitz. „Es reichte hinten und vorne nicht mehr für das, was politisch propagiert wurde.“ Dass immer mehr Menschen die DDR verließen, habe er nur zur Kenntnis genommen. Sorgen machte er sich schon eher, als Egon Krenz nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz nach Peking reiste. „Ich hatte auch immer Bedenken, wie die sowjetischen Truppen reagieren würden“, erzählt Schmitz. Als dann so überraschend die Mauer geöffnet wurde, blieb die Familie misstrauisch. Gleich am nächsten Vormittag fuhr die Frau mit dem großen Sohn nach Westberlin. Sie habe befürchtet, am Mittag würden die Grenzübergänge wieder geschlossen. Am Nachmittag des 10. November 1989 fuhr Jürgen Schmitz mit dem jüngeren Sohn zur Warschauer Straße und lief mit ihm über die Oberbaumbrücke. Das Begrüßungsgeld wurde in eine Stereoanlage für den Sohn umgesetzt.

Damals habe es ja jeden zweiten Tag eine Versammlung mit Parteifunktionären gegeben. „Vertrauensvoller Dialog“ war das Schlagwort. „Damals habe ich zum ersten Mal politisch in die Zukunft gedacht“, bekennt Jürgen Schmitz. Bis dahin ging es in seinem Alltag stets um die Beschaffung von Material und Werkzeug für die Arbeit und die materiellen Lebensumstände, nun hoffte er auf eine aus eigener Kraft erneuerte DDR mit funktionierender Wirtschaft auf der Grundlage von Volkseigentum. Er interessierte sich für die Gründung der SDP in Schwante, für den SED-Parteitag im Dezember, schnitt aus der ersten sozialdemokratischen Zeitung den Kupon mit dem Aufnahmeantrag aus. Beim Herzfelder Kinderzahnarzt Herbert Henkel traf er auf Gunter Fritsch aus Müncheberg und Wolfgang Strohmeyer aus Neuenhagen. „Und dann gründeten wir am 15. Januar 1990 in der Garage von Herbert Mende die SPD, Klaus Wache, Jürgen Reinking und Wolfgang Lange waren dabei“, erinnert sich Schmitz.

Wahlkampf mit vollem Einsatz

Die anschließenden Wochen stürzt er sich in die politische Arbeit, der Wahlkampf für die Volkskammerwahl am 18. März und die Kommunalwahlen am 6. Mai fordert den ganzen Einsatz. Der Erfolg: In der konstituierenden Sitzung der ersten Nachwende-Stadtverordnetenversammlung wird Jürgen Schmitz mit 17 zu 15 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Er bleibt es bis 2002. Bis Mai 2019 ist er als Stadtverordneter aktiv. 30 Jahre ehrenamtliches  Engagement, das seinen Ausgangspunkt in der durch den Mauerfall geweckten Hoffnung auf eine bessere DDR hat.