30 Jahre Mauerfall
: Verirrt in der Mauerfall-Nacht: Von Westberlin in die heimatliche Dunkelheit

Der Rüdersdorfer Peter Melz fuhr mit dem Trabi am 9. November 1989 über die Grenze nach Westberlin und verfranste sich.
Von
Jens Sell
Strausberg
Jetzt in der App anhören

Heute noch Gänsehaut beim Gedanken an die Nacht des Mauerfalls: Peter Melz mit einer historischen Zeitung vom November 1989. In ihr war der erste Stadtplan mit allen Grenzübergangsstellen abgedruckt. Melz lebt heute in Strausberg.

Jens Sell

Peter Melz ist einer von denen, die in der Nacht zum 10. November 1989 mit dem Trabi über den Grenzübergang Bornholmer Straße nach Westberlin fuhren. Nach Stunden am Kurfürstendamm fand er zunächst nicht zurück, irrte nächtens durch die Stadt und kam gegen halb fünf wieder über die Spree: „Da war es so dunkel, da wusste ich, ich bin wieder Zuhause“, erzählt er heute.

Sechs Geschwister

Peter Melz ist eines von sechs Kindern einer typischen DDR-Landarbeiterfamilie. Die Mutter arbeitet im Rinderstall, der Vater als Traktorist in der LPG Tasdorf. Nach der 8. Klasse lernt er Schlosser im Chemiewerk Rüdersdorf, arbeitet als Landmaschinenschlosser in der LPG und leistet seinen Grundwehrdienst auf dem Strausberger Flugplatz. Seine Eltern halten Vieh auf dem Grundstück in Alt-Rüdersdorf; Schweine, Kaninchen, sogar einen Bullen. „Für ein Schwein bekam man 800 DDR-Mark, das haben wir gebraucht“, erzählt er. Peter selbst geht in den Ferien Kartoffeln lesen oder Rüben hacken auf dem Streifen, den die LPG seiner Mutter zugewiesen hat.  Für Urlaubsreisen habe das Geld nicht gereicht.

Als Peter Melz die Benachrichtigung im Briefkasten findet, dass er im August 1989 zum Reservistendienst einberufen werden soll, begehrte er auf. Innerlich. „Ich hab mir gesagt, wenn der Einberufungsbefehl kommt, bin ich weg. Ob über Ungarn oder wenn der Zug aus Prag durch Dresden fährt, irgendwie wär es schon gegangen.“ Doch der Einberufungsbefehl kam nicht mehr. Der Arbeiter, der inzwischen als Extruderfahrer im Kabelwerk Köpenick ordentliches Geld verdient, beobachtet aufmerksam, wie die Unzufriedenheit im Arbeiter-und-Bauern-Staat wächst. Jeden Tag verfolgt er die Nachrichten: „Ich dachte, das wäre ja nicht schlecht, wenn man auch mal reisen dürfte.“

Dennoch überrascht es ihn, als sein Kollege bei der Ablösung nach der Spätschicht am 9. November ruft: „Die Grenze ist offen!“ Er sagt spontan: „Der spinnt doch!“, dann duscht er und fährt mit dem Trabi von Köpenick nach Alt-Rüdersdorf.  Zu Hause sieht er die Pressekonferenz mit dem historischen Schabowski-Auftritt. „Ich war schon halb im Bett, aber dann habe ich mir gesagt: Ich muss das sehen, und bin mit meinem Trabi gegen elf über die B 1 nach Berlin gefahren.“ Am Strausberger Platz – es sind kaum Autos unterwegs – sieht er zwei Jungs , die trampen. Die gabelt er auf, damit sie ihm den Weg zum offenen Grenzübergang zeigen. Auf der Bornholmer Straße gerät Peter Melz dann ins Gedränge und wird regelrecht über die Grenze geschoben. „Die Leute haben gefeiert ohne Ende, auf das Trabi-Dach gepocht und Sekt herumgereicht“, erinnert er sich an die wilde Nacht. Drüben werden sie angesprochen von zwei Männern in einem BMW, die fragen, wo sie hinwollten: „Na, wohin wohl, zum Ku’damm!“ Der BMW fährt mit den Jungs vorneweg, er wird an einer roten Ampel geblitzt, weil er nicht den Anschluss verlieren will. Melz parkt den Trabi auf dem Mittelstreifen.  "Zwei Westfrauen haben mich umarmt und gefragt, wie ich mich fühle. Ich habe gesagt: Toll, richtig frei, kein Druck mehr.“ Er war rundum glücklich: „Ich hatte es nach drüben geschafft, ohne erst über Ungarn zu fahren.“

Eine Stunde bleibt Peter Melz auf dem Ku’damm, in eine Kneipe traut er sich nicht, hat er doch keinen Pfennig Westgeld. Dann fragt er die Frauen nach dem Nachhauseweg. Sie versuchten, ihm etwas zu erklären, aber aus allen Autos wird gebrüllt. „Ich hab dann meinen Trabi gewendet, und nach der übernächsten Kreuzung die Orientierung verloren“, erinnert er sich. Er spricht zwei Frauen an, sie fahren ein Stück mit, schenkten ihm einen Zwanzigmarkschein und eine Büchse Bier. Er kommt schließlich vermutlich über die Oberbaumbrücke wieder im Osten an. „Ich merkte es daran, dass es so dunkel war.“

Früh um fünf ist Peter Melz wieder in Rüdersdorf. Halb sechs weckt er seinen Bruder Wolfgang. „Wir tranken das Berliner Kindl-Bier, und ich zeigte ihm meinen Zwanzigmarkschein. Heute noch krieg ich Gänsehaut, wenn ich an diese Nacht zurückdenke.“

Öffnung des Grenzübergangs Bornholmer Straße

An der Bornholmer Straße war am 9. November 1989 der Oberstleutnant der Passkontrolleinheit (PKE) Harald Jäger diensthabender Kommandant. Die PKE an den Grenzübergangsstellen gehörten zum Ministerium für Staatssicherheit.  Jäger hatte erst um 20 Uhr die Pressekonferenz mit dem Schabowski-Auftritt gesehen. Seine Vorgesetzten hielten zunächst an den geltenden Regelungen fest. Gegen 21.30 Uhr rumorten schon Hunderte Menschen vor dem Tor, und Gerüchte über bereits geöffnete Übergänge machten die Runde. Als keine klaren Befehle kamen, öffnete Harald Jäger schließlich gegen 23.30 Uhr auf eigene Faust den Grenzübergang für alle. ⇥js