„Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwer ist“, sagte Sophie Brandt keuchend, „das liegt vor allem an der einschränkten Beweglichkeit.“ Die Prötzeler Feuerwehrfrau dreht sich zu dem Feuerwehrmann, der mit ihr Alan Hübner von der DRK-Wasserwacht vom Eis des Straussees gerettet hat, und küsst ihn unvermittelt auf den Mund. Es ist ihr Ehemann Stefan.
Die Prötzeler Eheleute Brandt sind nicht die einzigen Einsatzkräfte, die den Sonnabend nicht zu Hause verbringen, sondern in voller Montur am Ufer des Straussees und sogar auf seinem Eis nahe der Strausberger Kopernikusstraße. Auch die junge Henriette Koch aus Neulewin kocht an diesem Sonnabend nicht zu Hause Mittagessen, sondern isst einen heißen Eintopf in der Rettungsstation der DRK-Wasserwacht Strausberg am Fichteplatz neben der historischen Badeanstalt. Denn dazu haben die Gastgeber der Eisrettungsausbildung im Anschluss auch noch eingeladen.

Das Wetter ausgenutzt

„Ja, wir haben uns gedacht, die anhaltenden strengen Frostgrade sollten wir wieder einmal für eine Eisrettungsübung nutzen“, sagt der Leiter der Wasserwacht, Jens Kiesewetter, „so oft haben wir solche Wetterlagen ja nicht, und da wir nun einmal über die Ausrüstung und das Know-how verfügen, wollen wir es auch auffrischen und nutzen und mit den Kameraden der Feuerwehren teilen.“ Aus Strausberg ist der stellvertretende Wehrführer und Gruppenführer Thomas Jahrmatter mit acht Einsatzkräften und zwei Fahrzeuge einschließlich Schlauchboot zur Übungsstelle geeilt. Daneben führt Gruppenführer Christian Urban einen Trupp. Aus Prötzel hat Wehrführer Konstantin Behnen ebenfalls acht Kameraden mit zur Übung gebracht und auf dem Anhänger ein Schlauchboot dabei. Der Neulewiner Gruppenführer Henrik Schmidt hat in seinen zwei Fahrzeugen sieben Einsatzkräfte mitgebracht. Seine Rettungstaktik beruht auf Leitern und Rettungsbrettern. In seiner Praxis ist es die zweite Eisrettungsübung: „Die Erste gestalteten wir auf den Oderwiesen hinterm Deich, als die überflutet waren und strenger Frost kam. Da konnte natürlich nicht viel passieren. Das hier auf dem Straussee ist da schon eine ganz andere Kategorie.“

Sicherheit steht an erster Stelle

In der Tat legt Jens Kiesewetter schon bei der Begrüßung größten Wert auf die Sicherheitshinweise: „Ohne Auftriebsweste und Helm betritt niemand den unmittelbaren Uferbereich und das Eis. Ja, mit Helm! Denn das Eis ist hart, und ausgerutscht ist man schnell.“ Der anschließende Ablauf der Übung zeigt, wie lebensgefährlich das Betreten von Eisflächen ohne Sicherung und ausreichende Eisdicke ist. Denn wer annimmt, im Fall der Fälle kommen die Retter mit Blaulicht angerast und hechten aus dem Auto direkt aufs Eis, der irrt sich gewaltig: „Es muss zuerst die gesamte Schutzausrüstung für die Eigensicherung angelegt werden“, stellt Jens Kiesewetter klar, „und das kann einschließlich der Organisation der gegenseitigen Sicherung schon mal zwanzig Minuten dauern. Wenn man diese Zeit mit Winterkleidung in drei Grad kaltem Wasser schwimmt, sinken die Chancen auf einen glimpflichen Ausgang rapide.“ Denn Winterkleidung saugt sich voll Wasser und zieht das Opfer möglicherweise unter das Eis.

Mit speziellen Neoprenanzügen ins Wasser

Alan Hübner, Falk Hoffmann, Ronny Meier, Moritz Reinke, Max Janczikowski und Pit Züllich von der DRK-Wasserwacht haben keine einfache Winterkleidung an, sondern spezielle Neoprenanzüge und Helme. Angeseilt und gesichert trauen sie sich auch ins Wasser des Straussees an diesem Sonnabendvormittag. Für die Sicherungskräfte am Ufer gehört es genauso zur Ausbildung, die Übersicht über die Sicherungsseile zu behalten: Sowohl das Schlauchboot als auch Alan Hübner als „Opfer“ wie Sophie Brandt und Stefan Brandt sind einzeln gesichert. Sie arbeiten sich auf allen Vieren mit dem Schlauchboot in Richtung des großen Eislochs vor. Niemand geht aufrecht auf dem Eis – nur die Jugendlichen mit ihren Bierflaschen, die die Polizei am Freitag nahe der Fähre vom Eis holte –, weil das die Gefahr des Einbrechens enorm erhöht.
„Für uns Feuerwehren ist es unter Pandemiebedingungen erschwert, regelmäßig praktische Ausbildung durchzuführen“, berichtet Thomas Jahrmatter, „umso wertvoller sind solche Angebote, wie sie heute die DRK-Wasserwacht macht, damit unsere Kameraden das Zusammenwirken in solchen speziellen Situationen trainieren können.“